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Haltung,bitte!

Beschenken Sie sich

Aus: Ausgabe 34/2012

„Meine Freundin hat nun schon zum dritten Mal meinen Geburtstag vergessen. Wir kennen uns seit 20 Jahren und fahren sogar zusammen in den Urlaub. Nun überlege ich, sie nicht zum Fest einzuladen. Ist das sehr kleinkariert?“ Susanne F., Gummersbach

Es muss ja nicht eine böse Absicht dahinterstecken: Vielleicht ist Ihre Freundin nur eine Schusselliese. Dann steckt in der Vergesslichkeit keine tiefere Botschaft. Natürlich können Sie sich darüber ärgern und ihr auch klar und deutlich sagen, dass ihre Nachlässigkeit Sie tief verletzt. Das geht auf vielerlei Art: etwa in einem unaufgeregten Freundinnengespräch oder mit einer kleinen humorvollen Geste.

Schenken Sie Ihrer Freundin doch einen Geburtstagskalender, in dem an Ihrem Jubeltag mit fetter roter Schrift ein Ausrufezeichen steht. Vermutlich wird sie mit mindestens so rotem Kopf vor Ihnen stehen, Sie um Verzeihung bitten und Sie in die Arme nehmen wollen. Den besonderen Tag, der für Sie augenscheinlich sehr wichtig ist, wird sie niemals wieder aus den Augen verlieren. Vielleicht kommt Ihre Freundin aus einer anderen Geburtstagstradition als Sie. In manchen Familien wird das Geburtstagskind bis ins hohe Alter in den Himmel gehoben, verwöhnt und beschenkt, in anderen Familien hat der Tag gar nicht so eine große Bedeutung.

Oder hat Ihre Freundin gar ein Problem mit Geburtstagen, weil sie an das Älterwerden erinnern? Viele Menschen beschließen irgendwann, den Tag ihrer eigenen Geburt schlicht zu übersehen, als helfe das gegen die vergehenden Jahre. Allerdings sollte Ihre Freundin nach 20 Jahren
wissen, dass Ihnen Ihr Geburtstag wichtig ist. Schließlich schließen Glückwünsche ja auch eine Botschaft ein: „Wie schön, dass du geboren bist.“ Deshalb ist die Art, wie Menschen mit den Festtagen ihrer Freunde umgehen, natürlich auch eine Bestätigung dieser Freundschaft und Ihre Freundin eine ziemliche Egoistin in dieser Sache, einmal vorausgesetzt, dass die Vergesslichkeit nicht das Symptom für eine tiefer liegende Krise Ihrer Freundschaft ist.

Aber wird denn die Kränkung wirklich kleiner, wenn Sie Madame Vergesslich nicht zu Ihrem Freudenfest einladen, oder trübt das nicht eher Ihre eigene Freude? Hand aufs Herz: Können Sie dann wirklich mit leichtem Herzen feiern? Erziehungsmaßnahmen und kleine Racheaktionen haben in echten Freundschaften nichts zu suchen.






Erschienen in:
Ausgabe 34/2012
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Familie, Lebensstil