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Haltung, bitte!

Bauen Sie Brücken!

Aus: Ausgabe 11/2012

„Ich bin das Kind einer deutschen Mutter und eines griechischen Vaters. Ich fühle mich in beiden Kulturen zu Hause. Seit Jahren bin ich in unserer Kirchengemeinde engagiert, doch nun muss ich mich von den lieben Mitchristen als Steuerhinterzieherin und Verschwenderin beschimpfen lassen. Sind Gutmenschen noch böser als der Rest?“ Catharina M., Dortmund

Sind Gutmenschen böser als der Rest? Der Satz könnte von Martin Luther sein. Er hat nie der Mär geglaubt, dass Christen bessere Menschen sind. Die Krämerseele, die sich da Luft verschafft, ist wohl Ausdruck einer diffusen Sorge, die sich mit den Schlagzeilen auflagenstarker Zeitungen verbindet. „Die Griechen prassen und die Deutschen zahlen die Zeche.“ Dummheit wächst nicht nur auf Bäumen, sie wächst auch an Kirchtürmen. Einmal abgesehen davon, dass die europäische Finanzkrise deutlich komplizierter ist als diese Parolen und die Deutschen gut an ihrer Rolle in Europa verdient haben, verwundert es, dass die Christen auch nicht über den nationalstaatlichen Zaun gucken. Griechenfeindlichkeit ist da genauso befremdlich wie Plakate mit der Bundeskanzlerin im Nazioutfit an zentralen Plätzen in Athen. Für Sie muss das wechselseitige Misstrauen, das bis zur Feindschaft geht, besonders schmerzhaft sein. Schließlich haben Sie Wurzeln in beiden Ländern. Bringen Sie zum Ausdruck, wie verletzend Sie die Sticheleien in der Gemeinde finden. Ihre Empörung hat ja nicht nur eine private Seite. Wie steht es denn um die Zukunft Europas, wenn nicht mal die Christen in der Lage sind, an eine gemeinsame Zukunft zu glauben, in der das Verbindende das Trennende überwiegt? Wir Deutsche müssten uns daran erinnern, wie man eine Gesellschaft am Tiefpunkt wieder aufrichten kann, wenn Nachbarstaaten (und ihre Kirchen) dabei helfen. Wir müssten die ersten sein, die helfen, die Brücken zur griechischen Zivilgesellschaft aufzubauen, und die mit Ideen für neue Investitionen aufbrechen, um aus Europa mehr als einen Wirtschaftsraum zu machen. Gehen Sie in die Offensive. Sie sind die ideale Brückenbauerin. Menschen wie Sie sind die Zukunft Europas. Vielleicht lässt sich die Angst der lieben Mitchristen ja wenigstens in Ihrer Gemeinde in Tatkraft verwandeln.

 

Erschienen in:
Ausgabe 11/2012
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Evangelisch