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Haltung, bitte!

Barm- oder hartherzig

Aus: Ausgabe 52/2011

„Unser Sohn hat sich im letzten Jahr scheiden lassen, weil er eine neue Frau kennengelernt hat. Wir sind immer noch fassungslos, denn wir mögen unsere Schwiegertochter sehr...

...Außerdem lieben wir unsere Enkel. Nun will er seine Freundin an Weihnachten zum traditionellen Familienfest mitbringen. Die Schwiegertochter ist mit den Kindern zum Glück nicht da. Aber meinen Mann bringt diese Vorstellung fast um. Was soll ich tun?“

Weihnachten ist nicht nur das Fest der Liebe. In der Realität zeigen sich unterm Christbaum auch die Fallstricke menschlicher Neigungen, in denen wir uns ziemlich verheddern können. Vielleicht offenbart die Liebe im Glitzerlicht des Festes besonders unbarmherzig ihre Schattenseiten, weil Weihnachten so aufgeladen ist mit Sehnsüchten, auch mit Sehnsüchten nach der heilen Familie. Es ist verständlich, dass Sie die Entscheidung Ihres Sohnes missbilligen, seine Familie zu verlassen. Vermutlich haben Sie Ihre Empörung oft genug zum Ausdruck gebracht. Sie haben sich emotional offenkundig ganz auf die Seite Ihrer Schwiegertochter geschlagen. Vielleicht haben Sie Angst, sie zu verlieren, vielleicht fühlen Sie sich da auf der sicheren Seite. Doch zumindest für Ihren Mann scheint zu gelten, dass er die Scheidung seines Sohnes als persönlichen Affront gegen das versteht, woran er glaubt und wofür er einsteht. Das klingt nach beeindruckender Prinzipientreue, ist aber nicht zwangsläufig so moralisch, wie es aussieht. Hinter der Unnachgiebigkeit steckt ja vor allem die eigene Enttäuschung. Moralische Prinzipien können auch hartherzig machen. Ehen scheitern aber nicht an einem Partner. Und die Ehe Ihres Sohnes geht nur ihn und seine ehemalige Frau etwas an. Sie können die Verletzungen, die Ihre Schwiegertochter und Ihre Enkel erleiden, nicht durch Unbarmherzigkeit gegenüber Ihrem Sohn ermäßigen. Sie können liebevolle Großeltern sein. Aber Sie bleiben auch die Eltern Ihres Sohnes. Wollen Sie ihn verlieren? Wenn er seinen Besuch zum Familienfest an Weihnachten mit seiner neuen Liebe ankündigt, sollten Sie diese Geste des Vertrauens annehmen. Sie müssen Ihre Schwiegertochter nicht fallen lassen und durch die neue Frau ersetzen. Aber Sie müssen Ihr Bild von der heilen Familie korrigieren, auch wenn es noch so kompliziert ist. Ein Fest der Liebe ist Weihnachten im Übrigen, weil die Liebe Gottes zum Verzeihen drängt, wo wir zur Barmherzigkeit nicht fähig sind. Nur so können Familien mitten in den Komplikationen der menschlichen Liebe heil werden.

Erschienen in:
Ausgabe 52/2011
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Familie, Ethik, Lebensstil