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Haltung, bitte!

Bank oder Zelt?

Aus: Ausgabe 10/2012

„Warum tut sich die evangelische Kirche so schwer mit der Occupy-Bewegung, wo sie sich doch sonst so gerne als Anwältin der Ausgebeuteten stilisiert?“ Bernd H., Minden

Wer ist denn die Evangelische Kirche? Ihr Pressesprecher oder ihr Ratsvorsitzender, die Bischöfin oder der Pfarrer vor Ort? Schön wäre es. Dann könnten die evangelischen Christen die Verantwortung für die Welt ja delegieren und dann entscheiden, ob ihnen das, was von den Kanzeln gerufen wird, auch passt. Eine solche Instanz gibt es aber nicht. Es gibt offizielle evangelische Stimmen, die den Ton treffen, der in Kirchenparlamenten, Gemeinden und bei eher distanzierteren Christenmenschen auf die Resonanz der eigenen Überzeugung trifft. Hier sehe ich eher Übereinstimmungen mit vielen Zielen der Occupy-Bewegung. Aber es kann schon mal zu Zerreißproben kommen, wie vor Kurzem in Frankfurt, als eine Bankerin auf eine ehemalige Konfirmandin aus der Gemeinde trifft. Die Studentin steht vor einem der Zelte und malt an einem neuen Spruchband: „Enteignet die Banken!“ Die Ökonomin hat einen Termin im gläsernen Koloss. Ist die eine nun eine Sünderin und die andere die Gerechte? So einfach ist es nicht. Beide wissen das. Deshalb treffen sie sich nun regelmäßig zum Kaffee im Zelt und diskutieren über eine gerechte Welt, über Finanzmärkte und über das Zocken auf Rohstoffe und Getreide. Dieses Thema hat übrigens die Bankerin aufgebracht. Die 19-Jährige hatte es nämlich vor dieser Begegnung gar nicht so genau wissen wollen. Sie stellt nun fest, dass auch diejenigen sich unter Umständen ihre Gedanken um die Zukunft der Welt machen, die mit Geld Geschäfte machen. Wie umgekehrt die Frau im blauen Kostüm sich von verfilzten Haaren und schlichten politischen Parolen nicht abhalten lässt, die Proteststadt zu besuchen. Evangelisch ist es, niemanden aus der Verantwortung für die Welt zu entlassen. Ob die Christin mehr verändert, die bei ethisch bedenklichen Investments Einspruch erhebt, oder die junge Christin, die gerne die ganze Welt aus den Angeln heben würde, ist offen. Sie kämpfen gegen den Fatalismus: Man kann ja doch nichts ändern. Beide sind sich einig, dass Luthers Mahnung heute auch für das Finanzsystem gelten muss: „Was nicht im Dienst steht, steht im Raub.“

Erschienen in:
Ausgabe 10/2012
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Evangelisch, Kirchen, Wirtschaft