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Haltung, bitte!

Balkonien, heimlich

Aus: Ausgabe 28/2013

„Ich habe eine große Familie, einen ebenso großen Freundeskreis, einen fordernden Beruf und ein trubeliges Leben. Aber am liebsten würde ich mich nun in den Ferien bei mir zu Hause verkriechen und von morgens bis abends machen, was ich will, ungestört. Dafür müsste ich gar nicht wegfahren. Ist es vertretbar, dass ich meine Liebsten darüber im Unklaren lasse, dass ich ein paar Straßen weiter Urlaub mache?“ Hilke A.; Braunschweig

„Bin dann mal weg!“ Mit dieser Auskunft geben sich die wenigsten Menschen zufrieden. Wo geht es denn hin? An welchen exotischen Strand, auf welchen hohen Berg? Das Fernbleiben vom Alltag scheint nur noch mit Fernreisen in Verbindung zu stehen, als bräuchte es zum inneren Abstand auch einen ordentlichen Kilometerstand. Es soll Leute geben, die sich das Urlaubsdomizil danach aussuchen, ob dort auch sicher kein Handynetz ist, wo Büros und Schwiegermütter einen täglich erreichen können.

Balkonien statt Balearen – die Gefahr, dass sich die Auszeit gar nicht vom üblichen Leben unterscheidet, ist groß: Telefonate und E-Mails, spontane Besuche und hohe Erwartungen an Ehrenamtliche, Patentanten, Töchter und beste Freundinnen. „Du bist doch da und hast dazu noch Urlaub.“

Offenbar ist es für die lieben Nächsten nicht einfach, hinzunehmen, dass Rückzug ohne Kofferpacken geht: Sich einfach hinter einer Jalousie verbergen und alle Lieblingsbücher gleichzeitig lesen, schon morgens mit einer neuen Staffel der Lieblingsserie beginnen, die Jogginghose zwei Tage nicht ausziehen oder mitten in der Nacht Pasta kochen, um sie nachts auf dem Balkon zu verspeisen. Wenn Sie so Urlaub machen können, sind Sie zu beneiden. Wer es drauf anlegt, kann in einem kleinen Zimmer eine ganze Welt entdecken. Sie brauchen keine Ablenkung und keine exotische Gegenwelt, um Ruhe zu finden.

Machen Sie aus Ihrem Urlaubstraum ein Programm. Kündigen Sie Ihren Plan als großes Ereignis an, statt rumzudrucksen und beim Stadtbummel mit schlechtem Gewissen herumzulaufen, „erwischt“ zu werden. „Wisst ihr, was ich dieses Jahr mache?“ Dann erzählen Sie von Ihrem Rückzugsort und bitten darum, dass Ihre Liebsten die Abwesenheit mit Fassung ertragen. Wer weiß, ob Sie nicht nach der Ferienzeit mindestens so viel zu erzählen haben. Vergessen Sie nicht, den Telefonstöpsel zu ziehen und das Handy von der Ladestation zu nehmen. Gute Reise!

Erschienen in:
Ausgabe 28/2013
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Familie, Lebensstil