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Haltung, bitte!

Bald ist Ostern

Aus: Ausgabe 44/2013

„Überall in den Geschäften liegen schon wieder Weihnachtsplätzchen, Zimtsterne und Schokoladennikoläuse. Mich ärgert das. Außerdem verdirbt jeder Einkauf den Kindern die Vorfreude auf das Fest. Kann man da nicht irgendwas tun?“ Effi H., Duisburg

Vor ein paar Tagen touchierte ich im Supermarkt mit dem Einkaufswagen eine frisch aufgestellte Schokoladenkerlmannschaft. „Guck mal, Mama, Herbstmänner!“, rief mein kleiner Sohn. Umdeutung ist vielleicht die beste Art, den Rhythmus des Kirchenjahres gegen den Trend der Auslagen in den Geschäften zu bewahren. Im Oktober können einem Fünfjährigen, der gerade buntes Laub gesammelt hat, keine Nikoläuse begegnen. Das Gefühl alljährlicher Genervtheit teilen indes viele. Offenbar aber nicht genug, um den Handel zum Umdenken zu bewegen. Als Protest hilft auf Dauer nur: Boykott. Doch was bei Früchten aus Südafrika vor einigen Jahrzehnten noch als Aktion gegen die Apartheid funktionierte, scheint heute nicht mehr zu fruchten. Die frischen Lebkuchen gehen schon jetzt weg wie warme Semmeln.

Die Einzelhandelsverbände können bei Protestnoten von Kirchen oder folkloristischen Vereinen leider auf beste Verkaufszahlen verweisen. Können Sie beim Anblick Ihrer Lieblingsschleckereien widerstehen? Glückwunsch! Denn wer zu lange widersteht, muss seine Dominosteine und seine Marzipankartoffeln selbst herstellen. Mitte Dezember sind sie nämlich ausverkauft. Sie haben natürlich recht: Vorfreude lebt vom Entzug, vom Warten, von Geschmackserinnerungen, die langsam verblassen.

Das gilt sogar für Zuckerzeug. Wenn alles zu jeder Zeit greifbar wird, gibt es keine Spannung mehr. Religiöse Zeiten, die dem Leben einen Rhythmus geben, brauchen äußerliche Zeichen. Allerdings hilft es nichts, die Verkäuferinnen an der Kasse mit Konsumkritik zu überziehen. Verbraucherbeschwerden müssen an die richtige Adresse. Neulich half in einer großen deutschen Stadt die Aktion eines Künstlers. Er gestaltete ein Schaufenster voller Hasen und Schokoeiern im Osterfreudenlook. Das ging vielen Passanten dann doch zu weit. Und die Spezereien verschwanden noch einmal aus den Regalen.






Erschienen in:
Ausgabe 44/2013
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Kirchen, Ethik, Wirtschaft