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Haltung, bitte!

Auf den ersten Blick

Aus: Ausgabe 05/2013

„Vor ein paar Tagen habe ich in der Umkleidekabine neue Kleidungsstücke probiert. Als ich vor dem Spiegel stand, sah ich, wie hinter mir eine Frau Klamotten unter ihren Mantel stopfte, offensichtlich, um sie zu stehlen. Als ich mich umdrehte, begegneten sich unsere Blicke. Ich blieb wie angewurzelt stehen und habe nichts gemacht, als die Frau samt Diebesgut aus dem Laden herausspazierte. Seitdem ärgere ich mich über mich selbst. Hätte ich den Diebstahl melden müssen?“ Ann-Kathrin H., Braunschweig

Ihr Erlebnis beschreibt die Macht des Blicks. Da ist erst ihr Blick in den Spiegel, der nicht nur die Passform des Kleidungsstücks taxiert, sondern auch noch einen Diebstahl bemerkt. Dann folgt der Blick der mutmaßlichen Diebin. Wer einem anderen in die Augen schaut, geht eine Beziehung ein, auch zu einem bislang völlig Fremden. Manchmal kann diese Sekunde alles verändern. Der Augenblick geht bis ins Mark oder trifft mitten ins Herz. Wie die berühmte Liebe auf den ersten… Aber um Liebe ging es in der Umkleidekabine nicht. Wie sah die Frau Sie an? Flehend? „Bitte verrate mich nicht!“ Oder böse? „Wehe, du sagst was, du Petze.“ Fühlten Sie sich wieder wie das kleine unsichere Mädchen auf dem Pausenhof, das gegen die coolen Kinder und ihre Schikanen nichts ausrichten kann? Eine leere Drohung, aber im Blick des anderen spiegelt sich manchmal auch die eigene Geschichte.

Der Ausdruck in den Augen eines anderen Menschen kann die eigenen Reaktionen verändern. Hat ein komplizenhafter Blick Sie gebannt, der zu sagen schien: „Es tut doch keinem weh, wenn ich diesem börsennotierten Großkonzern ein paar T-Shirts und Hosen klaue“? Für eine Sekunde war diese Beziehung wichtiger als die Tat. Fest steht, dass der Diebstahl nicht moralischer wird, wenn er von jemandem begangen wird, der einem nahesteht, und sei es auch nur für einen Augenblick. Nur hatten Sie eben keinen Blickkontakt mit der Verkäuferin, der der Preis für die gestohlene Ware vom eh schon kleinen Monatsgehalt abgezogen wird. Sie müssen ja nicht nach dem Detektiv oder der Polizei schreien. Trauen Sie doch beim nächsten Mal der bezwingenden Kraft des eigenen Blicks und klaren Worten wie: „Legen Sie das zurück!“

Erschienen in:
Ausgabe 05/2013
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Evangelisch