www.zeit.deProbe-Abo

Haltung,bitte!

Arbeitsfalle

Aus: Ausgabe 37/2013

„Im Kanzlerduell am Sonntag wurde gefragt, was besser ist: keine Arbeit oder schlechte Arbeit zu haben. Die beiden Interviewten haben sich jeweils auf eine – erwartbare – Seite geschlagen. Aber was ist eigentlich richtig? Und wird Arbeit christlich gesehen nicht insgesamt überbewertet?“ Hans M.E., Lingen

Wie gut, dass ich nicht Kanzlerin werden will, da muss ich mich nicht auf eine Seite schlagen. Beide Antworten führen nämlich in ethische Dilemmata. Wer keine Arbeit hat, dem fehlt nicht nur das Geld, sondern auch die Anerkennung durch den Beruf. Man mag darüber schimpfen, dass Arbeit einen zu großen Stellenwert hat, man kann über eine neue Ökologie der Zeit räsonieren, über Ehrenämter und über erfüllte Stunden der Entschleunigung, doch wer seine Arbeit verloren hat, wird diese Überlegungen als zynisch empfinden. Der Alltagsrhythmus, das Leben mit Kolleginnen und Kollegen, das Gefühl, etwas zu leisten und gebraucht zu werden, ja sogar die nervigen Menschen in der überfüllten U-Bahn und die Sehnsucht nach Urlaub fehlen.

Arbeitslosigkeit macht viele Menschen krank. Sie fühlen sich ausgegrenzt. Das hat auch Folgen für die Familie und den Freundeskreis. Darum gibt es gute Gründe, auch schlecht bezahlte Arbeit als Weg aus dem leeren Raum zu empfehlen. Wenn Menschen allerdings auch mit Ganztagsjobs ihren Lebensunterhalt nicht mehr finanzieren können, wird schlechte Arbeit zu einer auf Dauer gestellten Demütigung. Denn genau das, was Arbeit verspricht – Anerkennung und Autonomie der Lebensführung –, hält sie nicht.

Deshalb macht auch schlechte Arbeit auf Dauer krank. Menschen fühlen sich ausgenutzt. Ausgegrenzt oder ausgenutzt? Eine schmutzige Alternative. Lohnuntergrenzen müssen sein, damit alle, die arbeiten können, auch davon leben können. Allerdings braucht es auch Wege, Menschen die Tür in die Berufswelt möglichst unkompliziert wieder zu öffnen. Märkte und Arbeitsmärkte haben sich in den letzten Jahren verändert.

Viel wird darauf ankommen, Menschenwürde und Zugänge zu Jobs nicht als Kontrastmodelle zu diskutieren.





Erschienen in:
Ausgabe 37/2013
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Kultur, Familie, Innenpolitik, Ethik, Lebensstil, Wirtschaft