www.zeit.deProbe-Abo

Der Atheist, der was vermisst

Am falschen Ort!

Aus: Ausgabe 08/2012

„Geh aus, mein Herz, und suche Freud“ – in der Stadt bin ich unterwegs

„Geh aus, mein Herz, und suche Freud“ – in der Stadt bin ich unterwegs unter all den fremden anderen, Bahnhof und Post sind doch eigentlich dafür geschaffen, dass wir etwas zu schaffen haben miteinander: in Kuverts versenkte Sehnsucht, Abfahrts- und Ankunftsfreude, Verbundenheiten aller Art. Man kann einander, wildfremd, wie man ist, auf einer Zugfahrt das Herz ausschütten. In der Schlange vorm Postschalter vagabundieren die Gefühle, man trägt sie auf der Zunge. Im Umarmen auf dem Bahnhof ist man auf einer besonderen Art von Bühne, wo sich das Schauspiel stets wiederholt und dennoch immer wieder anders ist. Man wird nicht medial oder voyeuristisch beobachtet, wird weder beklatscht noch ausgebuht. Dennoch nehmen die anderen diskret Anteil. Was bewirkt es, Gefühle zu zeigen vor den „wildfremden anderen“? Sie hören erst einmal auf, wildfremd zu sein.

Was macht es mit mir anderem, wenn ich auf diese öffentlich-diskrete Weise teilhabe? Es gibt mir Gewissheit, von Menschen umgeben zu sein: Ich muss mich nicht fürchten unter ihnen, denn sie sind wie ich. Der öffentliche Raum ist offen, weil er gefüllt sein will mit uns. So weit die Theorie. Aber wie nehmen wir uns gegenseitig überhaupt wahr, wenn wir einander nur noch stören? Ich betrete den Supermarkt mit Erwartungen, die er nicht erfüllen kann, aber allenthalben vorgibt erfüllen zu können: Mit der unübersichtlichen Käseecke zum Beispiel, die so etwas wie „Paradies“ bedeuten soll: Es ist alles für dich da, du brauchst es dir nur noch zu pflücken. Also pflücke ich diesen zufälligen Käse; im Paradies wählt man nicht, man lächelt und pflückt blind, was einem zum Munde hin gewachsen ist. Ich werde den Paradieskäse heimtragen, und dort wird er sich als ganz gemeiner Käse erweisen. Fett in der Trockenmasse. Wir leben in herrlich wohlständigen Zeiten und leben in furchtbar freudlosen Zeiten und finden keinen Weg, daran etwas zu ändern.

Am falschen Ort suche ich die Freude, die in mir ist, wofür ich aber keinen Resonanzraum finde in der Menschenmenge in der großen Stadt. Etwas, wofür auch prächtige Bahnhöfe und Postämter der falsche Ort sind. Einen Raum, den ich im Vorübergehen aufsuchen könnte und darin auch allein nicht allein wäre. – Auch wenn mir die Kirchen verschlossen sind, bleiben sie mir das hoch aufragende Zeichen, dass ich mit den vorübereilenden anderen verbunden bin

Erschienen in:
Ausgabe 08/2012
Redakteur:
Martin Ahrends (Schriftsteller)
Thema:
Der Atheist
Stichworte:
Atheismus