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Haltung, bitte!

Alterndes Ego

Aus: Ausgabe 13/2012

„Meine ältere Schwester ist seit zwei Jahren im Ruhestand. Sie kleidet und schminkt sich wie eine Dreißigjährige und verbittet es sich, dass ihre Enkelin sie „Oma“ nennt. Sie fühle sich eben noch nicht alt, sagt sie, wenn man sie auf ihren Jugendwahn anspricht. Meiner Meinung macht sie sich lächerlich. Soll ich ihr das sagen?“ Dörte H., Bremen

Ach, waren das noch Zeiten, als die Alten noch Alte hießen und nicht Seniorinnen oder rüstige Rentnerinnen oder Frauen in der dritten Lebensphase. Ihre Tage waren gesellschaftlich geregelt: Enkelkinder hüten, den Garten machen und den Kuchen für das Gemeindefest. Ihre Kleidung; die grau-beige-dunkelblaue Uniform großer Warenhausketten. Das hatte manchmal Klasse, war aber meistens ein Korsett der Frühvergreisung für schöne Frauen mit ein paar Falten. Was für ein großer Freiheitsgewinn, dass heute auch über Sechzigjährige noch Spaß an Äußerlichkeiten haben dürfen, dass sie sich auch als Frauen und nicht nur als Großmütter fühlen und dass sie keine Lust mehr haben, im Lehnsessel 30 Jahre auf den Besuch der Verwandtschaft oder den Tod zu warten. Da mag dann die eine oder die andere über das Ziel hinausschießen und mehr Wagnis als Stil vor den Spiegel bringen, in jedem Falle sind die alten Rollenmuster weg. Das ist gut so. Denn das Leben nach dem Ruhestand kann nach durchschnittlicher Lebenserwartung ja noch eine ziemlich lange Zeit dauern und ist nicht der kurze Übergang in die Pflegestufe. Wenn aber die eigene Enkelin gedrängt wird, den Kosenamen „Oma“ nicht zu benutzen, dann läuft wirklich etwas schief. Denn dann scheint es so zu sein, als leugne Ihre Schwester die Lebensphase, in der sie angekommen ist. Vielleicht steckt hinter dem, was Sie lächerlich finden, ja eine tiefe Angst vor dem Altwerden und vor dem Tod. Mit der richtigen Schminke kann man ja nicht nur ein paar Jahre kaschieren, sondern auch die eigene Unsicherheit. Ihre Schwester muss in einer Welt klarkommen, in der die neuen Alten immer schick, schön, voller Zuversicht und neuerdings auch wieder nützlich und einsatzwillig sein sollen. Die alten Rollenbilder mögen weggefallen sein, aber es sind neue Korsetts an die Stelle getreten. Wie kann das Leben jenseits der Arbeit erfüllend sein? Wie kann die Auseinandersetzung mit dem Sterben aussehen, ohne dass Angst und Bitterkeit die Tage regieren? Wie kann Frau in Würde und Anmut Falten sammeln? Vielleicht sind Ihnen diese Fragen ja nicht so fremd.

Erschienen in:
Ausgabe 13/2012
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Evangelisch, Ethik