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Haltung, bitte!

Alle Wetter

Aus: Ausgabe 16/2013

„Seit Wochen muss ich überall über das Wetter nörgeln. Im Büro, beim Bäcker, beim Familienfest, immer ist es Gesprächsthema Nummer eins. Das finde ich schlimmer als das Wetter selbst. Wie kann ich mich diesem Smalltalk entziehen, ohne unhöflich zu sein?“ Ulli B., Potsdam

Sie könnten, bevor die Mitmenschen aufs Thema kommen, freudig ausrufen: „Mann, bin ich froh, dass der Frühling dieses Jahr ausbleibt. Keine nervige Blumenpracht, keine Frühlingsgefühle, keine vollen Bürgersteige, Wiesen oder Eisdielen.“ Dann wären Sie zwar auch beim Wetter geblieben, hätten aber mal einen originellen Akzent gesetzt. Leider könnte es Widerspruch geben, und aus dem Smalltalk würde eine längere Debatte. Sie könnten natürlich auch philosophisch werden und beim nächsten Lamento über die Eiseskälte anführen, dass der moderne Mensch mit seinen Steuerungsfantasien am Wetter offenbar zum Scheitern verurteilt wäre und im Schimpfen nur die Ohnmacht zutage träte. Damit hätten Sie sich als Misanthrop geoutet, aber der Themenwechsel käme von ganz alleine. Vermutlich sind Sie längst Teil einer großen Bewegung, die es satthat, über das Wetter zu reden. Diese Smalltalk-Oppositionellen betreten einen Laden, nehmen die Pudelmütze und den Schal ab und geben sofort ihre Kampfparole zum Besten: „Ich will auf gar keinen Fall übers Wetter reden.“ Darauf kann die Bäckereifachverkäuferin nur sagen: „Ja, ich kann es auch schon nicht mehr hören.“ Und schon sind Sie eine verschworene Gegengemeinschaft.

Sie fühlen sich nicht ernst genommen? Das Wesen des Smalltalks ist seine Kürze. Was so schnell vorbeigeht, muss man nicht künstlich beenden. Es reicht, die zwei Sätze abzuwarten, wenn sie lästig fallen. Die Sätze zwischen Tür und Angel sind nicht dazu da, Ihr kommunikatives Vermögen zu beleidigen oder Sie zu oberflächlichem Geschwätz zu verführen. Sie sind nur eine nette kleine Geste, auf die Sie nicht eingehen müssen, wenn Sie auf die kurzfristige Gemeinschaft, die Ihnen so angesonnen wird, verzichten wollen. Sie können Ihr wettergeplagtes Gegenüber ja auch einfach ansehen und eine Frage stellen, die ernsthaftes Interesse am Wohlbefinden des Mitmenschen signalisiert: Wie es dem Hund geht, den Enkelkindern oder dem Ischiasnerv. Wer übers Wetter nicht reden will, dem bleiben immer noch die Wehwehchen. Oder die Politik.

Erschienen in:
Ausgabe 16/2013
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Evangelisch