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Libyen

Allah muss zurücktreten

Aus: Ausgabe 49/2011

Der Schriftsteller Kamal Ben Hameda blickt sorgenvoll auf seine Heimat: Solange der Islam die Politik bestimmt, ist keine Freiheit möglich, warnt er.

Kamal Ben Hameda wurde 1954 in Tripolis geboren. Seine Heimat verließ er mit Anfang zwanzig. Er lebt als freier Schriftsteller und Jazzmusiker in den Niederlanden. Von ihm erschien zuletzt der Roman: Sieben Frauen aus Tripolis. Aus dem Französischen von Helmut Moysich. Graf Verlag, München 2011. 144 Seiten, 14,99 Euro. © Ullstein Buchverlage

Als Gaddafi die Theaterbühne Libyens betrat, verjagte er alle Schauspieler und setzte sich selbst in die Mitte der Bühne. Damit nur sein Wort gelte, strich er die Rollen der Politiker und der Religiösen; auch Journalisten, Schriftsteller und andere Denkende durften nicht mehr mitspielen. Sein Wort: das „Grüne Buch“. Die ultimative Wahrheit, das Heil der Menschheit, das alle Probleme aller Völker für alle Zeit lösen würde. Ein Wort, das jeder aufnehmen, sich einverleiben, zu seiner Sache machen sollte, um es dann umso besser wiederkäuen zu können. Das war das Einzige, was den Nebenrollen und dem Chor zugestanden wurde: in ihrem kollektiven Rausch das Wort des Meisters nachzubeten.

Doch eine andere, misstönende Stimme dröhnte in den Ohren des neuen Theatermachers, und um die Aufmerksamkeit des Publikums an sich zu binden, galt es, auch diesen Lärm abzustellen, der offenbar von einem ungehorsamen, starrköpfigen Schauspieler stammte. Es galt, diesen ausfindig zu machen, ihn beim Kragen zu packen und möglichst weit weg zu drängen. Doch der war nicht zu fassen. Man hörte seine Stimme, er war allgegenwärtig, aber unsichtbar.

Dieser andere Schauspieler, Allah sein Name, schwebte unerreichbar und lässig über der Bühnenmitte und hörte nicht auf, aus seinen luftigen Höhen das zahlreiche Publikum zu faszinieren. Seine verführerische Stimme wollten die Menschen hören, immer und immer wieder, ihn wollten sie ewig loben und preisen. Den neuen Propheten hingegen, diesen Gaddafi, ignorierten sie, obgleich der keinen Popanz ausließ, um Aufmerksamkeit zu erlangen.

Verzweifelt versuchte er, sämtliche Rollen zugleich zu verkörpern: die des König der Könige, des Philosophen, Romanschreibers, Erfinders, Schachspielers?… alles, um zu vergessen, und vor allem: damit der andere vergessen werde. Aber nichts half. Um einen ungleichen Kampf zu vermeiden, versuchte Gaddafi, Allah zu beschwichtigen. Er ließ die schändlichen Weinstöcke ausreißen, verbot den Alkoholkonsum, finanzierte einigen seiner Gefolgsleute Reisen nach Mekka und bot einigen sogar wieder Rollen an. Doch vergebens, auf der Bühnenmitte war kein Platz für beide, der Krieg war unvermeidlich und die Niederlage vorhersehbar.

Gaddafi trug zu seinem eigenen Untergang bei, indem er potenzielle Verbündete ausschaltete, die ihn als Mitglieder der Zivilgesellschaft in seinem Kampf hätten unterstützen können: Die freie Presse war mundtot gemacht, die politischen Parteien und Gewerkschaften abgeschafft, alle Münder geknebelt, die ihm hätten schaden können.

Allah hingegen war schon mit anderen fertig geworden seit seinem Einzug ins polytheistische Arabien, wo er sein Reich auf der Zerstörung des Tempels der drei Göttinnen begründete: al-Lat, al-Uzza und Manat, die drei weiblichen Gottheiten der Kaaba. Allah hatte schon andere Herrscher entthront und andere Königreiche vernichtet, um der Einzige zu werden, der Herr über das Sichtbare und das Unsichtbare, aus dem alles Leben entstammt und alles Seiende hervorgeht.


Ja, wirklich: In diesem libyschen Theater wurde man nun Zeuge von etwas ganz Außergewöhnlichem: dem Aufstand der Zuschauer, die genug hatten von den Possen und den Litaneien eines schlechten Schauspielers, der sie von der Bühnenmitte aus in Schrecken hielt. Die Libyer haben Gaddafi herausgefordert und haben so zum ersten Mal die Mauer der Angst durchbrochen. Sie haben den Diktator getötet, aber haben sie auch die Grundfesten der Diktatur zum Einsturz gebracht? Oder sind sie nicht schon dabei, aus dessen Asche einen neuen Avatar erstehen zu lassen?

Der ruhmreiche Allah lacht über seinen Sieg über den Schmierenkomödian?ten. Denn sein Gesetz wird verkündet als das Gesetz. Allgegenwärtig, allwissend nimmt er wieder seinen Platz auf der Bühnenmitte ein. Seine totalitäre Versuchung war niemals stärker.

Man sagt, am gefährlichsten sei der, der die Wahrheit für sich gepachtet hat. Die Libyer haben sich soeben vom Wort eines Despoten befreit, aber können sie sich nun von dieser anderen Stimme befreien, die sie seit mehr als einem Jahrtausend in Bann hält? Sollten sie sich nicht auch den Ermahnungen dieses anderen tyrannischen Vaters verweigern und endlich aufhören zu zittern und wie freie Bürger leben?

Eine Veränderung wird es nur geben, wenn sie auch diesen Vater von der Bühnenmitte verjagen und Platz schaffen für das Wort aller, für die Aufführungen aller. Bühne frei für die Bürger eines pluralistischen Landes, für den freien und für seine Freiheit verantwortlichen Staatsbürger, der sich bewusst ist, dass niemand sich seiner bemächtigen darf: ein unabhängiges Individuum, das Herr über seine eigenen Worte und Taten ist.

Aber Allah lässt nicht mit sich spaßen und zeigt bereits die Zähne. Seine erste Zielscheibe: die Frau und die Kontrolle über deren Körper. Sie verkörpert die Ehre des Stammes, garantiert seinen Fortbestand: An ihr erprobt er seine Macht. Eine Macht, die er verlieren würde, wenn die Frau selbst über ihren Körper bestimmen und den Schlüssel dazu selbst verwahren würde.

Eine Revolution ohne Freiheit ist eine verbrämte Diktatur. Der Zugang zur Modernität, das Hervortreten des Individuums, seine Entfaltung im sozialen Raum, all dies kann nur stattfinden, wenn Unterschiede respektiert werden, wenn auch die Frau den Status einer verantwortlichen, unabhängigen Bürgerin erlangt. Wenn auch sie Herrin über ihre Worte und ihr Begehren wird.

Um die theologische Zeit hinter uns zu lassen, in der Libyen sich verfangen hat, müssen wir lernen, unser Verhältnis zu unseren Mitbürgern zu artikulieren, und zwar, ohne von göttlichen Vorgaben auszugehen. Wir müssen uns offen fragen, wie unser Zusammenleben als freie Bürger aussehen könnte. Wir müssen lernen, keine Angst mehr vor den eigenen Worten zu haben. Müssen lernen, unsere eigene Sprache wieder zu bewohnen nach dieser Zeit der inneren Abtötung. Wir müssen es wagen, unsere eigene arabisch-islamische Kultur kritisch zu befragen, und herausfinden, wo die totalitäre Versuchung in diesem Erbe steckt. Den Diktator in uns erkennen und vertreiben. Eine Diktatur kann nur dort Wurzeln fassen, wo der Boden bereitet ist. Nur auf dieser Basis könnte eine echte pluralistische, von freien Bürgern mit Leben erfüllte Kultur in Libyen entstehen.

Erschienen in:
Ausgabe 49/2011
Redakteur:
Wolfgang Thielmann (Redakteur)
Thema:
Gesellschaft
Stichworte:
Islam, Außenpolitik