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Haltung, bitte!

Ach, die treuen Augen

Aus: Ausgabe 09/2013

„An meinem Arbeitsplatz ekeln sich meine lieben Kolleginnen seit Tagen über das mögliche Pferdefleisch im Essen und fürchten sich sogar vor der Lasagne in der Kantine. Ich bin seit Jahren Vegetarierin. Darf ich ausnahmsweise einmal Schadenfreude zeigen?“ Gudrun Z., Stuttgart

Sie haben alles Recht der Welt, ein wenig zu feixen und zu foppen. „Igitt, so ein niedlicher Hoppemax in deinem Mittagessen? Mit Rosmarin gewürzt und mit Käse überbacken?“ Das Fleisch der Vierbeiner, zu denen besonders kleine Mädchen eine närrische Liebe empfinden, kann aber nicht der wirkliche Grund der Aufregung sein. Wie kommt es eigentlich, dass die gleichen Menschen, die begeistert in ihren doppelstöckigen Burger beißen, sich nun plötzlich ekeln, wenn zwischen den Nudelplatten oder dem Döner im Fladenbrot ein anderes Tier rausschaut? „Wegen der treuen Augen“, sagt eine Passantin ins Mikro eines Radioreporters.

Hat diese Dame schon mal in die großen Augen eines Rindviehs gesehen? Der eine Skandal liegt im Betrug, der mit logistischen Meisterleistungen verbunden ist. Dieser Niedertracht auf die Spur zu kommen wird nicht einfach sein. Aber es ist nötig. Der weit größere Skandal wird aber von den Menschen provoziert, die an jedem Tag irgendwas mit Fleisch wollen, und zwar möglichst billig. Tiere werden wie Ramschware gehalten und dann genauso verschoben. Und wir verschließen die Augen davor.

In Zellophan verpackt sieht das Fleisch aus dem Supermarkt ja auch nicht viel anders aus als das Stück Käse. Keine Augen, keine Schmerzensschreie, keine wund gescheuerte Haut wegen der Dunkelheit und Enge der Ställe. Schadenfreude? Ihre Kolleginnen haben, wenn überhaupt, nur einen winzigen Schaden.

Zum Schaden ist diese industrielle Fleischwirtschaft vor allem für die Tiere. Und für die Menschen, die hungern, weil deren Nahrungsmittel in der Tierzucht verfüttert werden. Sie können etwas anderes für die Kolleginnen tun: Zeigen Sie ganz ohne Häme, dass man auch ohne Fleisch richtig gut essen kann. Und dass weniger in diesem Falle mehr ist. Sie können ein Gespräch darüber in Gang bringen, wer letztendlich wirklich den Schaden hat bei so viel ungehemmter Lust auf Fleisch. Denn öffentliche Erregung hat sich bald wieder gelegt. Wie nach jedem Fleischskandal. Und bis dahin gibt es in der Kantine Schnitzel.

Erschienen in:
Ausgabe 09/2013
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Evangelisch