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Haltung, bitte!

Abschalten!

Aus: Ausgabe 32/2012

„Meine Frau und ich machen in diesem Jahr wieder drei Wochen Urlaub mit Kindern und Enkeln. Im letzten Jahr hatte unser Schwiegersohn ständig sein mobiles Telefon oder seinen Computer zur Hand, las oder schrieb E-Mails oder telefonierte. Deshalb gab es immer wieder Streit. Wir wollen uns ja nicht einmischen, aber haben Sie eine Idee, wie wir Tochter und Enkeln zu einem entspannteren Vater verhelfen können?“ Paul W., Emmendingen

Es geht das Gerücht, dass auch in diesem Jahr so manches Handy oder Laptop auf dem Grund der Meere oder Bergseen gesichtet wurde, weil die Familie irgendwann die Nase voll hatte von den kleinen Maschinen. Das ist der Vorteil der Computer, die so leicht sind wie ein Kinderspielzeug. Ihr Nachteil ist ihre Allgegenwart. Sie passen sogar in die Badehose. Leider dient die rabiate Art der Unterbrechung auch nicht dem Familienfrieden. Aber wenn Ihr Schwiegersohn nicht gerade Minister, Arzt für äußerst seltene Krankheiten oder Hauptverantwortlicher für ein Unternehmen in der Krise ist, gibt es keinen Grund, auch noch am Strand oder auf dem Berg im virtuellen Büro zu sitzen. Diese Art der Selbstversklavung ist eher der Vorstellung geschuldet, man sei unersetzbar. Ein gefährlicher Irrtum, der krank macht. Vielleicht gefällt sich Ihr Schwiegersohn in der Rolle des Dauergefragten. Oder der berufliche Druck ist so groß, dass er glaubt, sich die Auszeit nicht nehmen zu dürfen. Vermutlich leidet er selbst unter dieser Unfreiheit am meisten. Vielleicht hat er sich so sehr mit seiner Rolle im Beruf identifiziert, dass er nicht mehr weiß, was von ihm übrig bleibt, wenn er die Geräte ausschaltet. Sie wurden zu Prothesen, ohne die eine schmerzhafte Lücke entsteht. Dauernörgelei ist deshalb bei Männern so wenig hilfreich wie bei Kindern. Besser sind klare Übereinkünfte. Am besten wäre es natürlich, die Computer zu Hause zu lassen. Wenn Ihr Schwiegersohn sich darauf nicht einlassen kann, hilft eine halbe Stunde E-Mail-Routinecheck am Tag. Das ist als Entwöhnungsprogramm für alle verträglich. Wenn es gut läuft, stellt sich der herrliche Zustand des Vergessens von selbst ein. Meistens aber braucht es Übung. Abschalten ist längst zu einer Kunst geworden.

Erschienen in:
Ausgabe 32/2012
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Evangelisch, Lebensstil