Folklegende
In Zeiten des doppelköpfigen Gottes
Als Mitglied der legendären irischen Folkgruppe The Sands Family hat Colum Sands nie den Traum vom Frieden aufgegeben. Droht nun ein neuer Konflikt? Wir haben dazugelernt, beteuert ermehr
Als Mitglied der legendären irischen Folkgruppe The Sands Family hat Colum Sands nie den Traum vom Frieden aufgegeben. Droht nun ein neuer Konflikt? Wir haben dazugelernt, beteuert ermehr
Pfarrer Michael Diener, der Vorsitzende der Evangelischen Allianz wehrt sich gegen einen Vergleichmehr
Die größte Insel des Planeten hat die höchste Selbstmordrate der Welt. Pfarrerin Dorthe Petersen betreut 9000 Menschen in einem Dutzend Siedlungen. Sie weiß, warum die Arktis ihre Schäfchen schwermütig machtmehr
Die Familie ist den Deutschen heilig und verdächtig zugleich. Gerade das Fest der Liebe ist anfällig für Streit zwischen Vater, Mutter, Kind. Ein Entspannungsprogramm für die Feiertage mehr
Die christliche Religion kratzt sehr stark. Und sie kratzt sehr gut. Aber sie kratzt, wo es nicht juckt. Kazike del Chaco. Aus: Das zynische Wörterbuch. Reclam. mehr
Würdenträger heißen Würdenträger, weil sie gern alle Gebote inhaltlich voll mittragen würden. Aber, mein Gott, da kommen einem schon mal bei der Nummer fünf ein paar Kreuzzüge und Hexenverbrennungen dazwischen. Ach, verdammt, darüber wollten wir gar nicht schreiben. Das ist zu lange her, das schreibt jeder. Wie sieht es mit dem zehnten Gebot aus, dem Begehren von allerlei Hab und Gut? Die Jugendlichen sollen nicht dem Kumpel das neueste Smartphone neiden, mahnt der Weihbischof in der Firm-Predigt. Draußen parkt sein Fünfer mit Echtholz und Dolby-Surround-System. Ein Fiat Panda wäre in der Leasingrate teurer, und eine Limousine ohne Extras lässt sich schlecht wiederverkaufen, sagt er auf Anfrage. Liebe Würdenträger, da besteht Verstoß-Verdacht gegen Gebot Nummer acht. Gebt doch zu: So ein Auto ersetzt jede Frau. Und ihr evangelischen Kollegen: So rollt man auf Augenhöhe mit dem BMW-Boss zum Ethikvortrag. Oder sagt schlicht ökumenisch: Ich habe es mir verdient.mehr
Nicht morden! Klar, keinen Nebenbuhler umbringen, heißt das. Bedeutet das auch, kein ungeborenes Kind zu töten? Nicht stehlen! Klar, keine Quengelware mitgehen lassen im Supermarkt, heißt das. Bedeutet das auch, die Putzfrau nicht schwarz zu beschäftigen? Nicht die Ehe brechen! Klar, kein Seitensprung, heißt das. Bedeutet das auch auch, bruchfest zu bleiben, falls der Partner eineAffäre beichtet? Und was, wenn ich doch morde, stehle, ehebreche? Drohen dann Jüngstes Gericht, Fegefeuer, Hölle? Erst einmal kommen die Kripo, der Ladendetektiv oder das Finanzamt. Und wenn der Ex auch neu verpartnert ist, gehen wir vier schön essen beim Italiener an der Ecke. Was einst der absolute Himmelsherrscher in die Tafel meißeln ließ, regelt nun der Gesetzgeber mit absoluter Mehrheit. Nicht Gott waltet im Alltag, sondern Gerichte und Gesellschaft bestimmen, was geht. Das ist ein eher langweiliges Dasein. Spannungsreicher klingt da schon, wie der Römerbrief Gebote und Gesetze ins Verhältnis setzt. „Es ist nötig, Gehorsam zu leisten, nicht allein aus Furcht vor der Strafe, sondern vor allem um des Gewissens willen.“ Am Berg Sinai appelliert der Höchste an unser Innerstes, an unser Gewissen. Das ist eine frohe Botschaft für den Individualisten in uns allen: Die zehn sind zahnlos. Beißen muss ich mich schon selbst.mehr
Absurde Frage! Die Zehn Gebote enthalten Grundregeln, ohne die die Menschheit im Chaos versinken würde. Man stelle sich nur vor, es wäre uns nicht verboten, einander zu erschlagen. Wie kann es da eine Moral geben, die diesen Namen verdient? Und ohne Moral geht es nicht. Thomas Mann hätte also völlig recht. Angesichts der Nazi-Barbarei schrieb er über die Zehn Gebote, „Aber Fluch dem Menschen, der aufsteht und spricht: ,Sie gelten nicht mehr.‘“ Bloß: Die Zehn Gebote schreiben nur in Stein, was zu allen Zeiten Konsens war. So wird schon im ägyptischen Totenbuch der Gläubige angehalten, Vater und Mutter zu ehren, nicht zu stehlen und zu töten. Die Besonderheit der Zehn Gebote liegt also nicht im säkular-sozialen, sondern im Theo-Teil, den ersten drei Geboten. Sie enthaltenden den Eid auf Gott. Das ist schon mal revolutionär, denn Götter gab’s damals eigentlich nur im Plural. Dem einen nun schwört der Mensch Gehorsam. Aber warum nur? Hat die Philosophie der Aufklärung nicht bewiesen, dass der Glaube an ein höheres Wesen keine Voraussetzung für die Erkenntnis ist, seinen Nachbarn am besten nicht zu ermorden, zu bestehlen oder ihm die Frau zu schänden? Gottlosigkeit ist nicht gleich Anarchie. Zudem wurde die Welt mit einem Gott nicht friedlicher. Glaubenskriege kamen erst mit dem Mono-Gott in Mode. Denn wer nicht an den einen glaubt oder sich an seine Gebote hält, der hat kein Anrecht auf göttlichen Schutz. Der darf erschlagen werden, sagt Mose (Exodus 32,27 f.): „Ein jeder gürte sein Schwert um die Lenden und gehe durch das Lager hin und her von einem Tor zu anderen und erschlage seinen Bruder, seinen Freund und Nächsten.“ Keine Spur davon im ägyptischen Totenbuch. Auch wenn er voller ist: Im Himmel des Pharao geht’s friedfertiger zu als in dem des biblischen Wüstenfuchses, weshalb Madonna, Richard Gere und andere Mode-Sinnsucher wohl nach Buddha und Kabbala irgendwann die 190 Zaubersprüche des Amun-Re runterleiern dürften. Und warum nicht? Bei so vielen Sprüchen und Göttern sucht man sich raus, was passt. Das ist Freiheit. Christen sind nicht frei. Für sie gilt mit dem Rest auch Gebot eins, selbst wenn sie den sündigen Nächsten – Jesus sei Dank – heute lieben statt erschlagen dürfen. Doch selbst geliebt wird man nur, wenn man mit Jesus seinen Gott im Sack mitkauft. Wem das nicht gefällt, der kann ja Philosoph, Humanist oder Richard Gere werden.mehr
Zuchtmeister – das Wort fällt mir ein, wenn ich „Zehn Gebote“ höre. Zuchtmeister gibt es in „World of Warcraft“, dem größten Online-Rollenspiel der Welt. Es sind Krieger und Undercover-Agenten. Sie hausen auf der Höllenfeuerhalbinsel und versklaven die Einwohner.Der Begriff stammt aus Martin Luthers Bibelübersetzung. „So ist das Gesetz unser Zuchtmeister gewesen auf Christus hin“, schrieb Paulus im Galaterbrief, dem Manifest der Freiheit. „Nachdem aber der Glaube gekommen ist, sind wir nicht mehr unter dem Zuchtmeister.“ Zwei Sätze später findet sich die sprachliche Freiheitsstatue der Bibel: Hier, nämlich im Glauben an Gott, „ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau, denn ihr seid allesamt einer in Christus“. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit sind hier niedergelegt, 1700 Jahre bevor sie ein politisches Programm und – gegen die Kirchen – erkämpft wurden. Freiheit ist das Ziel.Der Name „Zuchtmeister“ sagt: Die Zehn Gebote leben von einem Mehrwert, der über sie hinausgeht. Es gibt Indizien dafür selbst im Wortlaut der alten Gesetze. Die hebräische Sprache kennt zwei Wörter für „nicht“, eins für Befehle und eins für Feststellungen. Das eine sagt: „Du sollst nicht“, das andere: „Du wirst nicht“. Also: Du wirst nicht stehlen, nicht verleumden. Und du wirst dich nicht mehr in Umständen wiederfinden, in denen du entscheiden musst zwischen Unrecht und Unrecht, im tiefsten Dilemma, in das das Leben die Verantwortlichen stürzt. Genau dieses „Du wirst nicht“ steht in den Zehn Geboten.Du wirst nicht. „Es kommt die Zeit“, sagt Gott im alttestamentlichen Propheten Jeremia, „da will ich mit Israel einen neuen Bund schließen. Nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit ihren Vätern schloss, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägypten zu führen. Sondern das soll der Bund sein: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben.“ Das hat sich, sagen später die Autoren des Neuen Testaments, mit dem Kind in der Krippe in die wahrnehmbare Sphäre eingeschlichen. Aber die alte Wirklichkeit lebt weiter. Das macht das Dilemma noch krasser. Immer wenn Menschen am heftigsten unter dem Zwiespalt leiden, bekommt die Hoffnung Auftrieb. Das ist die Zeit für Visionen, die politische Kraft entfalten. I have a dream. Schwerter zu Pflugscharen.Virtuelle Welten wie „World of Warcraft“ ändern nichts. Die Zehn Gebote schaffen Spannung. Das macht sie zum Zuchtmeister. Irgendwann, versprechen sie, werden wir uns nicht mehr verleumden und übervorteilen. Und nicht mehr töten. Bis dahin ist schon viel gewonnen, wenn wir uns nicht damit abfinden, dass wir Opfer und Täter sind.mehr
Basisdemokratisch ist das nicht. „Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst nicht andere Götter haben neben mir“ – schon bei diesem Gebot, dem ersten, sträuben sich mir die Nackenhaare. Die Welt lebt doch prächtig mit verschiedenen Göttern. Allah, Buddha, Jahwe, Jesus: Ist denn die Vielfalt nicht von Gott gewollt? Mit Gerechtigkeit hat dieser Alleinherrschaftsanspruch auf jeden Fall nichts zu tun. Er beantwortet lediglich die Machtfrage. Nicht der Mensch bestimmt auf Erden, sondern Gott.Genau deshalb haben die Zehn Gebote auch nichts mit Gerechtigkeit zu tun. Sie sind zwar ins internationale Völkerrecht eingeflossen. Doch gerecht ist die Welt deshalb noch lange nicht. Denn wie beim ersten Gebot gibt es ein Problem bei der Deutungshoheit: Wer bestimmt, was Ehebruch oder Diebstahl ist?Es ist noch genauso wie zu Moses Zeiten: Wer die Macht hat, legt die Spielregeln und damit auch die Gesetze fest. Wie ist es sonst zu erklären, dass es in Somalia zwar Geld für Waffen gibt, aber kein Brot für hungrige Kinder? Dass in Deutschland eine Kassiererin gehen muss, weil sie einen Bon für sich selbst eingelöst hat, Banker hingegen Prämien ausgezahlt bekommen, obwohl sie die Anlagen ihrer Kunden verzockt haben? Dass „christliche“ Eroberer Gold aus Lateinamerika nach Europa verschifften und der Kontinent 500 Jahre später beim Internationalen Währungsfonds immer noch in der Kreide steht? Nein, die Zehn Gebote sorgen nicht für Gerechtigkeit. Denn Gerechtigkeit kann sich erst dort einstellen, wo Machtfragen und Besitzverhältnisse ihre Bedeutung verloren haben. Wo auch Ehebrechern und Massenmördern ein Gerechtigkeitsempfinden zugestanden wird. Wo niemand mehr mit Rache droht. Es gibt diese Sternstunden der Menschheit. Als die Mauer fiel und Südafrika das System der Apartheid abschüttelte, leuchtete die Schöpfung Gottes. Gerechtigkeit ist ein Stück Himmel auf Erden, das der Mensch ermöglichen kann.mehr