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05.07.2015

Leserdrucker: Des Bischofs Bart, Nr. 27

Sehr geehrte Damen und Herren,

von Karl Valentin stammt der Satz: Es ist alles gesagt, nur nicht von jedemund vom Satiriker Dieter Nuhr der Satz,man kann,…

…aber muss keine Meinung haben,und wenn man keine Ahnung hat, einfach Fresse halten. Ist Ihnen das Interview des Stadtdekans Johannes zu Eltz entgangen, welches dieser der Wochenzeitung DIE ZEIT gegeben hat?

Bischof van Elst hat Pfarrer zu Eltz zwei Jahre nach seinem Amtsantritt als Bischof zum Stadtdekan der Stadt Frankfurt ernannt. Dieser hatte zwei Jahre Gelegenheit, sich ein Bild über den Bischof zu machen und das Amt abzulehnen, wenn er zum Eindruck gekommen wäre, dass "der Bischof nichts taugt", wie er in dem Interview formulierte.

Durch die Annahme des Amtes war er zu konstruktiver Mitarbeit verpflichtet oder zur Rückgabe des Amtes, wenn er zur Erkenntnis gekommen ist, dass er sich geirrt hat. Hinzu kommt,dass der konservative Bischof van Elst in Limburg nicht willkommen war, weil der das Gegenstück zum leutseligen Bischof Kamphaus war,
der es, entscheidungsschwach jedem recht machen wollte.

Als Bauherr hat der Bischof völlig versagt, aber schließlich ist er Theologe. Der Stadtdekan Johannes zu Eltz ist immerhin promovierter Jurist,
er hätte dem Bischof mit fachlicher Expertise beistehen können. Stattdessen hat er sich als "schärfster Kritiker des Bischofs" profiliert.

In der Wirtschaft hätte sich der Stadtdekan Vergleichbares nicht erlauben können.
Wenn ein Abteilungsdirektor bei VW den AR-Vorsitzenden Piech oder Herrn Winterkorn
vergleichbar öffentlich kritisieren würde, wäre er längst entsorgt worden.
Sogar der Übervater Ferdinand Piech scheiterte an seiner öffentlichen Kritik an Herrn Winterkorn.
Offenbar gibt es in der gescholtenen Wirtschaft so etwas wie Anstand und Fairness,
wenn es um das Image in der Öffentlichkeit geht.

Zitat: "Mich hat an der öffentlichen Tebartz-Verteidigung gestört, dass sie nur aus Medienkritik bestand. Sein Handeln selbst lässt sich offenbar nicht rechtfertigen, also werden die Kritiker kritisiert. Jetzt sitzt er in Rom, das Recht zählt nicht. Und schon wieder sollen die Medien schuld sein, die diese verlogene Versöhnung dokumentieren?«

Bei diesem Zitat fällt mir besonders Dieter Nuhr ein,vielleicht mit Ausnahme der Formulierung "Fresse halten".

"Die Medien" - das waren im Wesentlichen die FAZ mit dem gescheiterten Priester2 Dr. Daniel Deckers, das antikirchliche Kampfblatt DER SPIEGEL (im Gefolge STERN)und die BILD. Vermutlich bezogen Sie Ihre Bildung bei diesen Quellen.

Sie haben wirklich keine Ahnung von den tatsächlichen Hintergründen. Die evangelische Kirche Deutschlands hat ausreichend Dreck am eigenen Stecken, Sie haben wirklich keine Berechtigung, sich über eine angeblich "verlogene Versöhnung" aufzuregen.

Sie können davon ausgehen, dass man im Vatikan über die tatsächlichen Ereignisse und die Intrigen des Kreises um den Stadtdekan bestens informiert ist.

Mit dennoch freundlichen Grüßen
Werner Kaunzner

Sehr geehrte Frau Florin,
Obwohl mich dieses leidige Thema inzwischen anwidert, doch noch ein Kommentar meinerseits: Das Foto hat mich schockiert: Da wird ein Mann, der die Herzensanliegen des Papstes mit Füßen getreten hat, von diesem empfangen, quasi geadelt und steigt auch noch auf der Karriereleiter im Vatikan nach oben...
Ein Mann, der über Monate für negative Schlagzeilen sorgte, durch dessen erwiesenes Fehlverhalten Ansehen und Glaubwürdigkeit der Amtskirche in Deutschland einmal mehr schweren Schaden genommen haben, der Tausende zum Austritt veranlasst hat, der Gebliebene bestürzte und verärgerte...
Seinen Protzbau empfinden insbesondere viele bislang treue Unterstützer kirchlicher Hilfswerke als Schlag ins Gesicht....
Er mag ein guter Theologe sein - aber beileibe kein kirchliches Aushängeschild.
Schade, schade! Wie ist der Papst informiert, wer berät ihn?

Nun noch zu seinem Bart - wirklich nur eine Äußerlichkeit, Privatsache? Meine Eltern hätten mich so nicht und ich hätte meine Söhne so nicht auf die Strasse gelassen, jedenfalls nie zu einer Papstaudienz !!! Er macht vor:"Anything goes"...
Nicht nur ich empfinde einen solchen als unästhetisch und ungepflegt. Da will jemand bewußt als "modern" auftreten, der sich bislang als traditionalistisch und hierarchisch denkend gab.
Peinlich, peinlich, ich kann nur den Kopf schütteln und sehe mich einmal mehr veranlasst, von den Überbringern der Botschaft weg auf ihren Inhalt zu sehen..

Freundliche Grüße
Dr. H. Bohr

Werner Kaunzner

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28.06.2015

Enzyklika Laudatio Si, "Wachstum muss sein" von Michael Rutz, Nr. 26

Die Bewertung des päpstlichen Rundschreibens "Laudato si`" durch Michael Rutz ("Wachstum ist gut!") dürfte bei denjenigen kaum Zustimmung finden, die von einem ungebremsten Wirtschaftswachstum nicht…

…zu profitieren vermögen, ja auch gar nicht profitieren sollen. Hierbei dürfte es sich um etwa 80 bis 90 Prozent der Weltbevölkerung handeln.

Dies sind all` jene, die nicht über erhebliche Anteile am Produktivvermögen verfügen, also eher als Habenichtse beiseite stehen müssen und global einfach abgehängt wurden respektive werden. Papst Franziskus erhielt seine persönliche Sozialisation in Südamerika. Ihm stehen die menschenverachtenden Zustände insbesondere in den dortigen Metropolen vermutlich stets vor Augen und haben sein eigenes, individuelles Weltbild entsprechend geprägt.

Ihm sind vermutlich auch die Bestrebungen jener Befreiungstheologen bekannt, die sich für eine Umverteilung des immensen Reichtums gerade auch in Südamerika einzusetzen wagten, dann allerdings von höchster Stelle, nämlich von den Vorgängern des gegenwärtigen Papstes und deren vatikanischen Gralswächtern gemaßregelt und sogar exkommuniziert wurden.

Papst Franziskus verfolgt nach Ansicht des Autors Michael Rutz ein Gesellschaftsmodell, das mit dem der westlichen Demokratien wenig gemein hat. Dies sollte angesichts dessen, dass dieses westliche System eben kein freiheitliches und demokratisches Gesellschafts- und Wirtschaftsmodell darstellt, eigentlich keine Verwunderung oder gar Kritik auslösen.

Den westlichen Staatssystemen fehlt nämlich ein ganz wesentliches demokratisches Element, nämlich die Wirtschaftsdemokratie, also die Teilhabe aller am erwirtschafteten Sozialprodukt.

Nun könnte man einwenden, dass auch den sogenannten realsozialistischen Staaten mit ihren zentral verwalteten Wirtschaftseinheiten eine demokratische Struktur gefehlt hat. Dieser Einwand erscheint berechtigt.
Dabei ist allgemein bekannt, dass sich weder die Sowjetunion noch deren Satellitenstaaten wirklich an den Intentionen eines Karl Marx ("Das Kapital") orientierten und auch die grundlegenden Erkenntnisse eines Friedrich Engels in den Wind geschlagen haben.

Kapitalistische Verhältnisse, auch dies ist Allgemeingut und dem amtierenden Papst nur zu gut bekannt, lassen sich nicht wirksam verändern, sondern allenfalls "überwinden".

Genau hier offenbart sich das Anliegen des Papstes und seines Weckrufs "Laudato si`". Deshalb sei dem Autor Michael Rutz angeraten, sich einmal intensiv mit sozialistischen Theorien zu beschäftigen, um auf diese Weise einen dezidierten Einblick und Überblick über mögliche demokratischere und gerechtere Gesellschafts- und Wirtschaftssysteme zu erlangen.

Dass die Herrschende Klasse, also die bereits erwähnten Oberen Zehntausend, sozialistische Gesellschafts- und Wirtschaftsmodelle fürchtet "wie der Teufel das Weihwasser", dürfte auch dem Autor geläufig sein. Dies weiß natürlich auch Papst Franziskus, der in seinen Rundschreiben allerdings ergebnisoffen blieb.

Bleibt zu hoffen, dass Michael Rutz nach neuerlichem Durchdenken der päpstlichen Enzyklika zu neuen Einsichten gelangt und daran mitwirkt, diese neuen Erkenntnisse in gesellschaftliche Wirklichkeit umzusetzen, um schließlich doch noch zu einer sozial-gerechteren und menschenwürdigeren Welt zu gelangen.

Auf diese Weise hätte Papst Franziskus einen kleinen Schritt hin zum großen Menschheitsziel schließlich doch noch erreicht.

Yvonne Walden

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25.06.2015

Immer weniger Kinder, Editorial von Laura Diaz, Nr. 24

Liebe Frau Diaz,

Sie bitten um Reaktionen auf die Frage, warum in Deutschland immer weniger Kinder geboren werden. Liegt es an den Frauen? Liegt es an…

…den Männern? Vor kurzem habe ich mit meinem Sohn darüber diskutiert. Ich bin schwul und war an der Zeugung meines Sohnes unbeteiligt. Ich habe ihn adoptiert. Die Frage stellt sich also trotz Vaterschaft auch für mich.
Kinder sind nicht nur ein Vergnügen, das werden sicher alle Eltern unterschreiben können. Wenn man Eltern fragt, warum sie sich dennoch so für ihren Nachwuchs abrackern, bekommt man oft die Antwort: Die Kinder sollen es einmal besser haben. ich bin überzeugt: niemand, der sich nicht vorstellen kann, dass es die eigenen Kinder einmal besser haben sollen als man selbst, wird absichtlich welche bekommen. Und da liegt nach meiner Überzeugung der Hase im Pfeffer: für breite Bevölkerungsschichten ist es nicht mehr vorstellbar, dass es die Kinder, die man bekommen könnte, einmal besser haben würden als man selbst. Einmal haben wir schon sehr viel. Noch besser? Das würde die Kapazität der Erde doch überfordern! Aber auch der eigene Wohlstand scheint gerade vielen Menschen in der Mittelschicht bedroht. Die Arbeitszeiten werden länger und verteilen sich über einen größeren Teil der Woche. Wozu aber Kinder, wenn die Zeit fehlt, sie zu erziehen und aufwachsen zu sehen?
Dazu kommt für viele die Erfahrung, dass neue Kollegen nur noch befristet eingestellt werden oder nur als (Schein-)Selbstständige Beschäftigung finden. Der Glaube, dass auch die nächste Generation noch Arbeitsplätze finden wird, die sie ernähren, schwindet.
Daher greift Papst Franziskus zu kurz, wenn er sagt, dass der Kapitalismus tötet. Der Kapitalismus sorgt sogar schon dafür, dass die Kinder gar nicht erst geboren werden.

Holger App

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18.06.2015

"Du bist wuhundeherbar, Herr", von Christiane Florin, Nr. 25

Liebe Frau Florin,

ein wunderbaharer Artikel! Habe mich selten mehr über Ihre immer wieder poitierten Zeilen gefreut.

Bitte weiter so!…

Stefan Klein

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06.06.2015

"Was hält uns noch zusammen?" von Petra Bahr, Nr. 23

Ich kann dem Artikel nur voll und ganz zustimmen. Die heutigen Christen, die alle werkgerecht und kulturprotestantisch sind und sich nur noch durch Sozial- und…

…Umweltpolitik vor Gott rechtfertigen wollen, haben vergessen, dass Gott Abraham befahl, seinen eigenen Sohn umzubringen, und dann auch seinen Sohn Jesus opferte.
Nur noch die Beter können Zeiten wenden ... (R. Schneider) Das ist aber heute nicht mehr akut, da man durch die angeblich gute Tat sozial brillieren will. Dagegen haben sowohl Luther und Barth gekämpft. Man kann durch gute Tat das Himmelreich nicht erzwingen, nur durch Gnade. Der sozialpolitische Mensch überschätzt sich in Hybris.
Prof. Dr. Jürgen Bellers, Sieegn

Jürgen Bellers

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08.05.2015

Stunde Null

vor einigen Jahren hatten Sie (noch im Rheinischen Merkur) eine Leserumfrage
gestartet, wie die deutschen Bürger das Ende des 2. Weltkrieges am 8. Mai 1945
erlebt hatten.…

…Die veröffentlichten Reaktionen beschränkten sich im
wesentlichen auf einfahrende PKWs der Siegermächte in Städte und Dörfer und
überlegene Erlösungsgefühle und Ergebensfahnen (meist Betttücher) aus den
Fenstern. Die Sieger verteilten in überlegener Großzügigkeit Kaugummi und
Schokolade an Kinder. Ich selbst hatte einen Beitrag geschrieben als Zeitzeuge
des letzten Kriegstages, an dem ich definitiv (um meinLeben) gekämpft hatte.
Irgendein Echo auf meinen Beitrag habe ich niemals erhalten.

Der Beitrag lautet wie folgt:
Der 8. Mai 1945 – bis zur letzten Patrone
Der Anruf erreichte uns morgens um 02:00 Uhr am 8. Mai 1945 mit dem Befehl,
uns mit vollständigem Marschgepäck unverzüglich nach Gardermoen – ein
Flughafen 30 km nördlich von Oslo – zu begeben, um dort weitere Befehle
entgegen zunehmen. Der Befehl kam überraschend. Es hieß, Dönitz, der nach dem Tod Hitlers Oberbefehlshaber der Deutschen Wehrmacht geworden war, hätte höchste Dringlichkeitsstufe angeordnet. In Gardermoen herrschte überall
Aufbruch- und Abbruchstimmung. Die Vorratsmagazine wurden geplündert und waren für jedermann frei zugänglich. Jeder wollte in den Westen ausfliegen oder
ausgeflogen werden. Wir wurden zum Befehlsempfang gerufen. Unser Auftrag
lautete: Flug in den erbittert umkämpften Kessel von Kurland, wo ein Teil der
Nordarmee eingeschlossen war. In einem Feldflughafen in der Nähe von Wilna
(Litauen) sollten wir eine maximal mögliche Anzahl von Verwundeten aufnehmen
und nach Westdeutschland ausfliegen. Über die militärische Lage und den
Frontverlauf war nichts genaues zu erfahren. Paul (Name geändert) – der Pilot
und ich, Copilot, Navigator und Funker in Personalunion - sollten abweichend
von der üblichen Besatzungsstärke von 5 - die Maschine eigentlich allein
fliegen. Aber nach kurzer Erörterung der auch im Osten inzwischen
eingetretenen Lufthoheit der Russen wurde ein Gefreiter des Bodenpersonals,
der sich mit der Schnellfeuerwaffe in der Heckkanzel auskannte, als
Heckschütze abkommandiert. Ich bekam eine Funkfrequenz des Zielflughafens,
sollte jedoch Funkkontakt erst für den Landeanflug herstellen. Dann stiegen
wir in die für den Einsatz vorbereitete, vollgetankte und munitionierte
Maschine und rollten zum Start.
“Ab morgen wird alles besser“, grinste Flugzeugführer Paul als er an 8. Mai
1945 (der letzte Kriegstag!) alle 4 Gashebel mit gestrecktem Arm bis zum
Anschlag durchdrückte und unsere Focke Wulf 200 –Condor um 08:30 Uhr von
unserem Flughafen im besetzten Norwegen mit dem vertrauten Startgeräusch in
Richtung Kurland abhob. Ich kannte Paul lange genug, um zu wissen, dass sich
hinter seinen sarkastischen Scherzen meist eine gewisse Anspannung vor heiklen
Einsätzen verbarg. Schließlich wussten wir, dass die vollständig im Kessel von
Kurland eingeschlossenen deutschen Truppen sich dort mit den Russen eine
erbitterte Abwehrschlacht lieferten und dass nach der Kapitulation der
Reichsregierung die Einstellung der Feindseligkeiten erst für heute 24:00 Uhr
vereinbart, also bis dahin noch Krieg war.
Paul und ich hatten 43/44 als Besatzung im KG 40 von Cognac aus Fernaufklärung
über dem Nordatlantik geflogen, hatten amerikanische Geleitzüge gesucht, auch
gefunden und ihre Position an U-Boote weitergegeben, hatten Agenten in Marokko abgesetzt und Einsatzpläne für eine Bombardierung von New York entworfen - keine Utopie, immerhin hatte die Condor - der einzige Langstreckenbomber der Luftwaffe - schon 1938 einen Nonstopflug von Berlin nach New York absolviert.
Aber das war jetzt alles vergessen. Als die Alliierten nach der Invasion Paris
erreicht hatten, wurden wir nach Trondheim/Vaernes (Norwegen) verlegt und
flogen nachts mit den mit neuem Schiffssuchradar ausgerüsteten Maschinen
Nordmeereinsätze gegen alliierte Geleitzüge, die über Spitzbergen eisfreie
Häfen in Russland erreichen sollten. Eine bleierne Zeit, in der die sich
ständig verdüsternden Frontberichterstattungen, bei denen die Namen
westdeutscher Städte immer häufiger auftauchten, und schließlich der Tod
Hitlers uns alle stiller und skeptischer werden ließen. Die offiziellen
Verlautbarungen der Reichs-Propagandamaschine, die immer noch die
entscheidende Wunderwaffe und „den Zeitpunkt, der die Wende bringt“
ankündigten, wurden kaum noch diskutiert. Nachdem die Westmächte schon im
Januar die Elbe erreicht hatten, schien es eine „Westfront“ nicht mehr zu
geben. Im Osten tobte ab Mitte April die Schlacht um Berlin.
Wir hatten für die Strecke Oslo-Kurland eine Flugzeit von 5½ Stunden
berechnet. Bei einem wolkenlosen azurblauen und strahlenden Frühlingstag
flogen wir nach Sicht In den Kessel von Kurland – also ein
Himmelfahrtskommando – jeder von uns dachte das wohl, aber keiner sprach es
aus. Vielmehr legten wir eine kaltschnäuzige und trotzige Entschlossenheit an
den Tag, um diesen letzten, möglicherweise sogar allerletzten Einsatz
erfolgreich durchzuziehen. Wir umflogen das neutrale Schweden und steckten den Kurs nach Wilna ab. Nach etwa 5 Stunden kam die Kurische Nehrung in Sicht und ich klinkte mich aus dem Bordsprechverkehr aus, um die Landung auf dem noch ca.45 km entfernten Zielflughafen durch Flugsicherungsfunkverkehr
vorzubereiten. Nach kurzem Antippen kam sofort das „K“ (Empfangsbereitschaft)
und ich gab unseren Code und „QAL“ 10 ein, d.h. ich werde in 10 Minuten
landen. Als Antwort kam Klartext: „Flugplatz unter schwerem Artilleriebeschuss, keine Landung.....“ dann brach der Funkkontakt abrupt ab.
Erst jetzt - ich war vorher konzentriert mit der Aufnahme der Nachricht der
Bodenstelle beschäftigt - bemerkte ich, dass mein Funkgerät durch Einschüsse
zerfetzt und in verbogenes Blech verwandelt war. Blitzschnell kletterte ich in
meinen Gefechtsstand, der mit seiner Plexiglaskuppel über dem Cockpit ideale
Rundumsicht bot. Mehrere russische Abfangjäger vom Typ Jak-3 kurvten im
Luftraum herum, offenbar auf der Jagd nach deutschen Flugzeugen, die in
gleicher Mission unterwegs waren wie wir. Fieberhaft brachte ich meine 2
cm-Schnellfeuerkanone in Stellung gegen einen Jäger im direkten Anflug auf
unsere Maschine. Meine Anspannung löste sich erst, als das hämmernde
Geschlacker meiner Kanone einsetzte und ich über die Leuchtspur eine effektive
Zielkorrektur vornehmen konnte. Der Jäger kippte über die linke Tragfläche ab.
Hatte ich ihn erwischt? Den nächsten hatte ich schon im Visier. Voll
draufhalten, die leeren Patronenhülsen flogen in meiner Kanzel herum. So ging
das weiter. Unser Steuerbord-Außen-Motor brannte und schleppte eine dicke
Rauchfahne hinter sich her. Paul versuchte, durch waghalsige Manöver den
Angriffen auszuweichen. Meine Kanone zeigte Wirkung. Die Jäger folgten uns
nicht mehr, als es auf die Ostsee rausging. Paul cool: „Was ist mit dem
Heckschützen, warum schießt der denn nicht?“. Ich arbeitete mich in das
Heckteil der Maschine vor: Unser Mann hing regungslos und leichenblass in den
Gurten, aber er lebte. An seiner linken Hand fehlten drei Finger, auch der
Oberarm war getroffen, er blutete stark. Ich zerrte ihn in die Maschine auf
eine Plane und riss mehrere Verbandspäckchen auf, um ihn zu versorgen, der
Oberarm hatte nur einen glatten Durchschuss, aber er zeigte schwach auf seine
linke Hüfte. Ich öffnete seine Kleidung, im Beckenbereich war ein
markstückgroßer Einschuss zu sehen, der aber nicht blutete und auch keinen
Austrittsöffnung hinterlassen hatte. Offenbar ein Steckschuss, vermutlich mit
massiven inneren Blutungen. Ich gab ihm was zu trinken. Paul konnte inzwischen
die Kraftstoffzufuhr zu dem brennenden Motor stoppen, der Motor qualmte noch.
In unserer Bordwand waren zahlreiche Einschüsse zu sehen. Lagebesprechung im Cockpit: Eine erneuter Anflug mit einer beschädigten Maschine wäre angesichts der Beherrschung des Luftraums durch russische Jäger unsinnig, die Suche nach einem Ausweichflughafen ohne Funkverkehr aussichtslos, also Rückflug. Paul entschied sich für das inzwischen von den Engländern besetzte Fuhlsbüttel (Hamburg), das er gut kannte. Wir waren schweigsam, dachten an unsere Kameraden in ihrer aussichtslosen Position im Kessel und die sinnlosen Opfer dieses verlorenen Krieges. Gegen 18:00 Uhr Landeanflug Fuhlsbüttel. Ich
feuerte rote Leuchtkugeln ab und wir landeten problemlos, blieben aber nach
dem Ausrollen zunächst auf der Landebahn stehen, da sofort mehrere gepanzerte Fahrzeuge unsere Maschine umstellten. Wir öffneten die Einstiegsluke, hakten unsere kleine Metallleiter ein und stiegen aus. Ein englischer Offizier verhörte uns kurz und gab dann einige Anweisungen. Es kamen zwei Sanitäter, die unseren Heckschützen auf einer Trage abtransportierten. Wir durften dann unseren Kleidersack holen, ich musste noch mal in die Maschine zurück, um meine Kanone zu entladen. Die Kanzel war übersät mit leeren Patronenhülsen meiner Kanone, nur noch wenige Patronen im Gurt. Dann wurden wir zu einer größeren Gruppe gefangener Kameraden geführt und wurden dort gefilzt. Uhren und Wertsachen wurden von einem ruppigen Korporal konfisziert. Orden und Ehrenzeichen wurden uns von der Uniform gerissen, Trophäen für die Sieger, wir waren Gefangene der Royal Air Force. Nach endlosem Warten begann ein stundenlanger deprimierender Fußmarsch durch die nächtlich-bizarren Ruinenfelder Hamburgs. Nach Mitternacht dann endlich Ankunft in einer als Gefangenenlager umfunktionierten Kaserne. In einer mit Hunderten von Aktenordnern gefüllten Turnhalle endete meine Reise dieses langen Tages in die Nacht. Ich war 21 Jahre alt und hatte den Krieg mit 17 Jahren zuerst naiv als spannendes Abenteuer erlebt. Erst langsam dämmerte es mir, dass man unsere jugendliche Begeisterungsfähigkeit schamlos ausgenutzt, aber auch unsere Unfähigkeit, die verhängnisvollen und menschenverachtenden politischen Entscheidungen des SS-Staates zu erkennen und richtig einzuordnen, auf das schändlichste missbraucht hatte.

Prof. Eckhart Buddecke

Antwort der Redaktion

 

 

Aktionsbündnis muslimischer Frauen in Deutschland eV. ()

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01.05.2015

„Wer braucht das Alte Testament?“ in C & W Nr. 18 vom 29.04.2015 zum Interview von Herr Leitlein mit Herrn Prof. Slenczka

Sehr geehrte Damen und Herren,

Bei Befassung mit diesem Interview komme ich zu folgenden Schlüssen:

1. Herrn Prof. Slenczkas These ist die Wiederaufnahme des Programms der Deutschen…

…Christen. Seine ständigen versuchten verbalen vordergründigen Distanzierungsversuche von dieser Tatsache führen nur zur Bekräftigung dieses Eindrucks.

2. Folgt man Herrn Slenczkas „Lehre“ müsste logischerweise das Neue Testament „gereinigt“ werden von

a) allen alttestamentlichen Reflexionszitaten,

b) allen auf dem Alten Testament beruhenden Gebotsbefolgungen des Judentums durch Jesu selbst bzw. sein Umfeld (Darstellung Jesu im Tempel, Diskussion mit den Schriftgelehrten im Tempel) sowie Handlungen Jesu (Lehre in den Synagogen, Bezeichnung des Tempels als „Haus des Vaters“, Jesu Gang nach Jerusalem, um dort - wie es bei gläubigen Juden Sitte war- das Pascha-Mahl nach jüdischen Riten, allerdings mit neuer Sinngestaltung, zu feiern etc.).

Die im Neuen Testament überlieferten Beispiele aus dem Leben Jesu gehören doch auch zur – so Herr Slenczka – „Identität“ der „Lebensgeschichte Jesu von Nazareth“ und zu Gotteserfahrung der Christen, die wir Christen – so Herr Slenczka – „zentral in der Person Jesus von Nazareth“ wahrnehmen. Herr Prof. Slenczka führt mit diesen seinen Aussagen seine These also selbst „ad absurdum“. Argumentative Logik scheint, wie auch andere Passagen seines Interviews zeigen, auf die hier aber einzugehen den Umfang dieses Beitrag sprengen würden, nicht seine Stärke zu sein.


Wustmann Ulrich

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31.03.2015

Der Wahlkämpfer

Den Beitrag von C&W-Redakteur Michael Merten über den "Wahlkämpfer" Raymond Burke habe ich mit Interesse gelesen.
Wenn es zutrifft, dass die katholische Kirche keine demokratisch-strukturierte Institution…

…ist und offenbar auch nicht sein möchte, sollte sich Kardinal Burke mit seiner ablehnenden Haltung zu den Vorstellungen seines obersten Dienstvorgesetzten, Papst Franziskus, doch eigentlich zurückhalten.
Kardinal Burke zählt zu denjenigen, die sehenden Auges zulassen möchten, wie die römische Kirche permanent Einfluss verliert - nicht nur im weltlichen Bereich, sondern auch bei ihren eigenen Mitgliedern, den "Schafen im Pferch". Er zählt zu denjenigen, die rechtschaffen Gläubige mit seinen rigorosen Thesen regelrecht vor den Kopf stößt.
Papst Franziskus dagegen hat die Gefahr einer Marginalisierung seiner Kirche erkannt (was seinem Vorgänger Joseph Ratzinger offenkundig misslang) und versucht, sich auf die "Schafe im Pferch" zuzubewegen, um weitere Ausbrüche aus diesem kirchlichen Pferch zu verhindern.
Ich meine, irgendwo einmal gelesen zu haben, dass päpstliche Entscheidungen, soweit sich diese auf die Glaubens- und Sittenlehre erstrecken, unfehlbar sein sollen.
Wenn sich also hohe Kirchenfunktionäre wie Kardinal Burke gegen die päpstlichen Lehrvorstellungen aussprechen, sollte dies nicht ohne Konsequenzen bleiben.
Kritische Geister wie die Theologen Küng und Drewermann wurden von den vatikanischen Kommandobehörden schlichtweg kaltgestellt. Dabei standen beide immer an der Seite der (noch) Gläubigen, ganz im Gegensatz zu Kardinal Burke.
Warum wird dieser aufmüpfige Kardinal nicht ebenfalls kaltgestellt?

Yvonne Walden

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28.03.2015

Leserbriefe Ablehnung Anzeige Kirche in Not

Diesen Brief schreibe ich ganz spontan, nachdem ich mich über christl. Zeitschriften informieren wollte und bei Google unter Christ und Welt dann irgendwas mit ankotzen…

…stand. Ich wurde neugierig und fand den kurz gefasst den "Pegida gegen Gutmenschen" Streit. Ganz ekelhafte Leserworte vermischt mit argumentierenden und bedenkenswerten. Dazu gäbe es viel zu sagen. Pegida und Co liegen mit vielen Äußerungen, die ich von ihnen gehört habe, meiner Meinung nach daneben, aber auch wir, die Mehrheitsgesellschaft, liegt daneben. Wir brauchen Selbstkritik: Denkfaulheit und Selbstgerechtigkeit grassieren, und manchmal wird es auch fies: Ein Kommentator der Frankfurter Rundschau schrieb sinngemäß: Es wäre ganz o.k., wenn in Frankfurt aus einer Schar von 4000 (!) Gegendemonstranten, die gegen gegen (70) Pegidas steht, Flaschen und Steine auf diese geworfen werden.
In den 70gern spielten linke Demonstranten (in Brokdorf und anderswo) mit dem Staat "David gegen Goliath". Heute spielen sie, nach ihrem Marsch durch die Institutionen, mit allem, was rechts von der Mitte ist (und das sind überwiegend Demokraten!!) "Goliath gegen David". Dieses unfaire Verhalten weckt Aggressionen. Mit Andersdenkenden fair umgehen war ein Leitmotiv des gesellschaftlichen Aufbruchs der 70ger und 80ger. Bitte alle mal in sich gehen!

Michael Rüter

Michael Rüter

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20.03.2015

Recht auf Abtreibung - im Ja und Nein

Ich bin immer wieder überrascht, wie wenig recherchiert wird, bevor man etwas schreibt. Wenn geschrieben wird, dass die Abtreibung erst ab 1871 bestraft werde, muss…

…man doch mal ein wenig tiefer schürfen. Wie wäre es z.B. mit der Wahrnehmung dessen was schon das Preußische Landrecht 1794 festgelegt hatte:
„§ 10: Die allgemeinen Rechte der Menschheit gebühren auch den noch ungeborenen Kindern schon von der Zeit ihrer Empfängnis.“ „§ 11: Wer für schon geborene Kinder zu sorgen schuldig ist, der hat gleiche Pflichten in Ansehung der noch im Mutterleibe befindlichen.“ Ich möchte, dass wir in unserer Bildungseuphorie wenigstens wieder soweit kämen wie unsere Vorfahren 1794 schon waren!

Hartmut Steeb

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