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Familienpolitik

Zwischen Leid und Lifestyle

Aus: Christ & Welt Ausgabe 50/2011

Warum Ministerin Kristina Schröders Sorge um kinderlose Paare kaum fruchtet.

Am Geld soll es nicht scheitern. Dieser zunächst harmlos klingende Satz von Kristina Schröder birgt politischen Sprengstoff. In der vergangenen Woche hatte die Bundesfamilienministerin vorgeschlagen, Paare bei den Kosten für eine künstliche Befruchtung finanziell zu unterstützen, wenn sie ungewollt kinderlos bleiben. Nach ihren Vorstellungen sollen Bund und Länder gemeinsam die Hälfte der Kosten übernehmen, die bis jetzt von den Paaren selbst getragen werden müssen.

Während Schröder mit ihrem Vorstoß in den neuen Bundesländern teilweise auf Zustimmung stößt, regt sich im Westen heftiger Widerstand. Bayern, Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein wollen im Bundesrat wahrscheinlich nicht für die Initiative stimmen. Mecklenburg-Vorpommern und Thüringen haben Unterstützung signalisiert, wenn der Bund die zusätzlichen Kosten komplett übernimmt. Nur Sachsen und Sachsen-Anhalt, die künstliche Befruchtung bereits aus Landesmitteln fördern, haben Rückendeckung zugesichert.

Zu den größten Skeptikern gehört ausgerechnet die familienpolitische Sprecherin der Unionsfraktion, Dorothee Bär. „In Zeiten der Haushaltskonsolidierung sollte genau überlegt werden, ob für Maßnahmen, die eine Erfolgsquote von weniger als 20 Prozent haben, zusätzliche öffentliche Gelder aufgewendet werden sollten“, erklärte die Familienpolitikerin. Die Behandlung sei sowohl für Frauen als auch für Neugeborene nicht risikofrei.

Die christlich-liberale Landesregierung in Schleswig-Holstein will entsprechende Initiativen im Bundesrat ebenfalls nicht unterstützen: „Die künstliche Befruchtung ist gerade bei Frauen fortgeschrittenen Alters nicht mit hohen Erfolgswahrscheinlichkeiten belegt“, heißt es in einer Stellungnahme des Sozialministeriums. Die Verlängerung unerfüllbarer Hoffnungen durch mehr erstattungsfähige Versuche könne die psychische Belastung von Paaren steigern. Pikiert gab man sich in Schröders politischer Heimat Hessen, wo die Ministerin lange im Landesvorstand der CDU saß: „Da wir bislang von der Initiative nur aus der Zeitung wissen und von der Bundesregierung darüber noch nicht informiert wurden, können wir leider keine Angaben zu unserer Auffassung machen“, heißt es aus dem zuständigen Sozialministerium.

Rund 5000 bis 7000 Euro kostet eine Kinderwunschbehandlung. Bis zum Jahr 2004 kamen die Krankenkassen für die gesamten Kosten auf. Im Zuge der Gesundheitsreform wurden die Leistungen gekürzt. Zurzeit übernehmen die Krankenkassen bei den ersten drei Versuchen einer künstlichen Befruchtung die Hälfte der Kosten. Ab dem vierten Anlauf müssen die Paare alleine für die Behandlung aufkommen.

Die Einschnitte schlugen sich umgehend in der Statistik nieder. Nach Angaben des Deutschen IVF-Registers (DIR) sank die Zahl der In-vitro-Babys von 17 000 im Jahr 2003 auf rund 8000 im Folgejahr. Nach einem kurzen Anstieg auf über 10 000 Geburten in den Jahren 2008 und 2009 ging die Zahl im vergangenen Jahr auf 6363 Neugeborene zurück. Im Freistaat Sachsen hingegen legten nach dem Beginn der öffentlichen Förderung 2009 die Behandlungszahlen um 30 Prozent zu.

Erschienen in:
Ausgabe 50/2011
Redakteur:
Astrid Prange (Redakteurin)
Thema:
Glaube
Stichworte:
Familie, Innenpolitik, Ethik