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Das Wesentliche: Gastfreundschaft

Zu Besuch bei Diktatoren

Aus: Christ & Welt Ausgabe 22/2012

Warum der Eurovision Song Contest unbedingt in Aserbaidschan stattfinden muss

Wer Gastfreundschaft per se für etwas Gutes hält, verkennt eine bittere und viel zu oft verschwiegene Wahrheit: Besuch zu bekommen ist nicht immer schön. Er bedeutet die Störung des Alltags, den Einbruch der Außen- in die verletzliche Innenwelt. Jeder Gastgeber, der einen Besucher in seine Wohnung lädt, muss immer damit rechnen, dass der ihm schlammige Fußabdrücke auf dem Perser hinterlässt und/oder über das ihm vorgesetzte Essen meckert. Anders als in einem Restaurant wertet man so ein Verhalten zu Hause als Beleidigung. Schließlich hat man das Essen selbst gekocht und den Perser für würdig befunden, im eigenen Wohnzimmer zu liegen. Der Perser gehört zur Persönlichkeit. Wer auf ihm herumtrampelt, provoziert Streit und Tränen. Und Streit und Tränen sind die Querseite der Gastfreundschaft. Beide gehören zur durchschnittlichen Familienweihnachtsfeier wie die Gans und der Baum. Dennoch lieben die Deutschen ihre Feiern mit Familie. Warum nur? Macht die Vergebung nach Streit und Tränen die Besinnlichkeit noch besinnlicher? Vielleicht. Schließlich weitet Gastfreundschaft den Horizont. Ist der Horizont des Gastes aber so beschränkt wie der eigene, weitet sich da gar nichts.

2006 wurde Gastfreundschaft zur Fußball-WM so definiert: „Die Welt zu Gast bei Freunden“. Noch so eine bittere Wahrheit: Ich muss mit meinem Gast nicht befreundet sein, um ihn zu bewirten. Im Gegenteil: Gastfreundschaft wird nach christlicher Lehre erst dann zum Werk der Barmherzigkeit, wenn sie Gästen gilt, die man nicht kennt oder nicht leiden kann. Umgekehrt sollte aber auch der Gast auf der Suche nach Gastwirten nicht wählerisch, sondern dankbar und demütig sein, sobald man einen hat.

Es führt also kein Weg daran vorbei: Wir müssen Aserbaidschan danken, es richtet am Samstag den Eurovision Song Contest aus und gibt unseren müden Stimmen und lahmen Talenten Obdach und Bühne – das ist barmherzig, das ist christlich. Weniger christlich ist, dass es der Gastwirt hausintern mit den Menschenrechten nicht allzu genau nimmt. Das muss auch gesagt werden, selbst wenn es Streit und Tränen gibt. Und es wird auch gesagt. So viel über aserbaidschanische Menschenrechte wurde europaweit noch nie geredet wie in diesen Tagen. Wenn ein Haar in der Suppe ist, muss wohl erst ein Gast darauf zeigen, damit auch die Welt es sieht.

Das Wichtigste an der Gastfreundschaft ist also der Dialog beim Essen, nicht das Essen selber. Nehmen wir etwa an, beim zu Ende gegangenen Katholikentag in Mannheim hätten die Bischöfe die Laien nur zum Essen, nicht aber zum Dialog geladen. Dann bestünde der „neue Aufbruch“, die Horizonterweiterung, die dort gewagt werden sollte, lediglich darin, dass man es schafft, sich am gleichen Ort zu befinden, ohne miteinander zu reden. Schrecklich unkatholisch wäre das!

Ein englisches Sprichwort sagt: „Keep your friends close, but your enemies closer“. Der Satz lässt sich auch positiv deuten: Wer sich den Feind ins Haus holt, macht ihn sich langfristig zum Freund. Wandel durch Annäherung: total gastfreundlich, total barmherzig, total christlich! Deshalb ist es auch keine Frage, ob der Eurovision Song Contest in Aserbaidschan und damit in einer Diktatur stattfindet. Die Frage ist eher, warum so viele Großveranstaltungen nicht in Diktaturen stattfinden. Wegen Hitler und Berlin 36? Ja, das war schlimm: Die ganze Welt schaut auf eine Olympiade und will die Diktatur nicht sehen. Aber deswegen gleich gar nicht mehr hinschauen?

Demnach sind nicht die EM in der Ukraine, die Formel 1 in Bahrain oder die Winterolympiade in Sotchi der Skandal: London 2012 ist es. Die Welt zu Gast beim Freund, wie langweilig ist das denn? Den kennt man doch in- und auswendig, was hat man sich da noch zu sagen? Oder geht es am Ende gar nicht um Politik, sondern nur um Sport, um volle Stadien und glückliche Sponsoren? Dann können EM und Olympiade wirklich überall stattfinden, dann ist es eh egal. Dann geht es auch beim Eurovision Song Contest nur um die Musik. So traurig das und die auch ist. Aber was, wenn es um mehr geht, um wahre Gastfreundschaft, sollte man dann nicht gerade den Alltag derer ein wenig stören, die genau das nicht wollen? Streit und Tränen, dann Versöhnung – ach, wenn nur alles so leicht wäre wie Weihnachten.

Erschienen in:
Ausgabe 22/2012
Redakteur:
Raoul Löbbert (Redakteur)
Thema:
Das Wesentliche
Stichworte:
Kultur, Außenpolitik, Ethik, Medien