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Werte

Zeigst du noch Haltung oder buckelst du schon?

Aus: Christ & Welt Ausgabe 38/2011

Wir haben nicht nur unsere finanziellen Reserven verschleudert, sondern auch unsere geistigen, warnt Wolfram Weimer. Er erklärt, wie wir aus den kulturellen Schulden wieder herauskommen. Ebenfalls in dieser Ausgabe: Frauen um die vierzig ringen um Haltung.

© John Lund/Drew Kelly/Blend Images LLC/A

Alle klagen über die Schuldenkrise, die finanzielle. Dabei leiden wir an größeren Debitoren, den kulturellen nämlich, und womöglich bedingen diese die finanziellen sogar. Nehmen wir Lothar Matthäus oder Daniela Katzenberger oder Mario Barth. Jeder kennt sie. Aber wer hat schon einmal etwas von Herbert Kroemer, Peter Grünberg oder Gerhard Ertl gehört? Kaum einer. Dabei sind sie deutsche Nobelpreisträger der jüngsten Zeit. Allerdings Wissenschaftler. Und da beginnt das Problem. Wir haben eine seltsame Hierarchie von Wichtigkeiten etabliert, die technische und wissenschaftliche Intelligenz gering schätzt, die rhetorische höher und die inszenatorische am höchsten. Das Gewusste und Gekonnte sind uns zusehends weniger wert als das Interpretierte und noch weniger als das zur Schau gestellte. Wie der Schuldschein zum wahren Vermögen steht auch der Bühnenschein zum intellektuellen Vermögen in einem zusehends krassen Missverhältnis.

Entdecker, Erfinder, Wissenschaftler, Akademiker – die konzentrierte Sphäre der Intelligenz, die Wahrheitssucher also haben Deutschland groß und vor allem reich gemacht. Es gab dereinst sogar einen Heldenkult um Wahrheit und Wirklichkeit, woraufhin Kinder Forscher, Ingenieure, Lokführer, Ärztinnen werden wollten. Vorbei. Heute träumen sie von dreierlei Äußerlichkeitsberufen: Model-, Fußballer- und Showmasterkarrieren. Die Welt der Bühne hat die des Labors als Sehnsuchtsort abgelöst – Wunderkerzen ersetzen Wahrheiten.

Man mag den Niedergang des Bildungssystems schelten, die Technikfeindlichkeit der Postmoderne oder die Fahrigkeit einer Vergnügungswelt. Die Folgen sind jedenfalls heikel, denn uns zerrinnt das Intelligenzbewusstsein wie in einer Sanduhr der Zerstreuung. In dieser Sanduhr aber steckt nichts weniger als unser künftiger Wohlstand. Dem finanziellen Schuldennehmen geht das kulturelle also voraus. Wir leben nicht nur monetär von der Substanz. Die schleichende Erosion unserer kollektiven Intelligenz, unserer technischen Dominanz, unserer finanziellen Solidität kommt aus einer kulturellen Haltung des Spielerischen, des Unernstes, weil wir die Hierarchie der Wahrheiten durch eine Hierarchie der Fahrigkeiten ersetzen. Wir schätzen Wahrheiten einfach nicht mehr genug, seitdem wir uns von Gott als letztgültiger Wahrheit verabschiedet haben.

Lieber schauen wir auf Heidi Klums stolzierende Mädchen, salbadern mit Oliver Kahn, lauschen millionenfach den Selbstblamagen von „Deutschland sucht den Superstar“. Und lassen es zu, dass Tausende unserer besten Wissenschaftler auswandern.

Die fehlende Wertschätzung für das Wahrheitsprinzip und der Marsch in die Power-Point-Selbstpräsentationswelt laufen parallel. Das Kleid des Marketings umschmeichelt alles; Professoren, Politiker und Unternehmer, Sportler, ja selbst Bischöfe, die etwas gelten wollen, müssen zusehends darauf achten, dass sie medial geschmeidig und präsent sind. Die Aufmerksamkeitsökonomie treibt dabei ihre eigenen Blüten. Wenn zum Beispiel Ursula von der Leyen – eine Meisterin in diesem Fach – für eine vermeintlich gute Sache morgen halb nackt auf einem Schimmel durch eine deutsche TV-Kita reiten würde, man würde es fast als normal erachten.

Nietzsche hat gesiegt

Immer weniger hört man auf das, was einer zu sagen hat, als darauf, wie und wo und vor wie vielen er es sagt. Ernst Jüngers Diktum „Die Intelligenz ist unsere glitzernde Uniform“ hat sich ins Gegenteil verkehrt. Heute ist häufig die glitzernde Uniform unsere Rest-Intelligenz. Schaut man genauer hin, welchen Wahrheitskategorien diese Subprime-Kultur folgt, dann sieht man einen Rigorismus Kants ebenso schwinden wie eine Systematik Thomas von Aquins. Dagegen haben Friedrich Nietzsche, Jeremy Bentham und Jürgen Habermas durchaus Konjunktur und weben am unterbewussten Äußerlichkeitskleid mit.

Die Zyniker und Machtmenschen, die Karrieristen und Realpolitiker folgen Nietzsche heute mit einer Selbstverständlichkeit, mit der Wind durchs Land weht. Die Selbstlegitimation von Wahrheit durch Macht ist ein Gift, an dem nicht nur Diktatoren schnüffeln, es hat in verdünnten Dosen des Manageriellen und der Machbarkeiten mehr Gefolgsleute, als man ahnt.

Die zweite modische Versuchung eines variablen Wahrheitsbegriffs liegt in der Tradition Benthams und seines Utilitarismus, der Nutzwertideologie, die tatsächlich glaubt, das Praktische sei das Eigentliche. Wenn es aber um die essenziellen Dinge des Lebens und der Gesellschaft geht, auch um diskursfähigen Journalismus übrigens, dann wirkt das Nutzwertige zuweilen wie eine Gebrauchsanweisung zur Infantilisierung. Vom kommunikativen Utilitarismus leitet sich nichts ab, was über die Sondertarife für Mallorcareisen oder den Wirkungsgrad von Hautcremes hinausgehen würde. Er be-deutet nichts, darum hat er dort nichts zu suchen, wo es um Deutung gehen sollte. Der Benthamianismus ist zwar ein zuweilen sympathisch praktischer Zug der Wahrheitssuche, tatsächlich aber höhlt er in einer Welt der Machbarkeits?fixierung das Bewusstsein von Relevanzen und Existenziellem aus. Er befördert eine Gesellschaft, der alles egal ist, solange die Cholesterinwerte stimmen und der Handytarif günstig ist.

Die dritte und wichtigste Versuchung gegenwärtiger Wahrheitsrelativierung liegt in der Auflösung von Wahrheiten zu diskursiven Konsensen. Vom deutschen Idealismus bis zu Jürgen Habermas reicht die Fraktion der Post-Veritaten, die Wahrheiten nur aus subjektiven Kategorien oder als Diskursfußnoten akzeptieren. Diese Auflösung fundamentaler Verbindlichkeiten führt im Alltag dazu, dass die Politik sich am liebsten auf Umfragen stützt, dass die Wirtschaft sich an Analysten und der Marktforschung orientiert und der Journalismus an der nackten Quote. Alles nachvollziehbar – nur zahlen wir mit diesen lemurenhaften Techniken der Vermittlung unseres Bewusstseins einen Preis der opportunistischen Verflachung.

Nun hat die Habermassche Diskursivierung der Wahrheit mit Google und Wikipedia einen ungeahnten Triumph erreicht. Die suggestive Kraft der kommunikativen Mitte hat heute Konjunktur wie nie zuvor. Wir sind dabei, unsere Wissenswelten nach Mitte-suchenden Algorithmen des Massengeschmacks zu sortieren. Die Suchmaschine Google wirkt wie der Fetisch unserer Zeit. Was wir durch Google auf unseren Bildschirmen finden, halten wir für wahr – obwohl Expertise dort zuweilen durch das Halbwissen sich selbst regulierender Massen ersetzt wird.

Man muss nicht gleich wie Jaron Lanier einen „digitalen Maoismus“ fürchten, aber die Mode der Wahrheitsfindung durch mittige Selbstvermassung ist doch ambivalent. Wenn sich nämlich in immer mehr Diskursen alle auf einem Quadratmillimeter konsensualer Mitte versammeln, dann wird es gedanklich ziemlich eng, dann werden nötige Debatten durch Gemeinplätze vernebelt. Denn die politisch korrekte Mitte verheißt zwar einen behaglichen Ort der Ruhe.

Wenn dieser Wahrheitsmodus aber dominant wird, dann bekommen wir eine Politik, die sich massen- und mehrheitskonform seicht dahin biegt. Sie verweigert das, was man von ihr bräuchte: klare Weichenstellungen, Führung durch Haltung, Mut zur Meinung. Interessanterweise sind Adenauers Wiederbewaffnung und Westbindung, Willy Brandts Ostverträge, Kohls Euro, Schröders Agenda 2010 – viele historisch weise Entscheidungen der bundesrepublikanischen Geschichte gerade gegen Mainstream, Mehrheit und Mitte durchgesetzt worden.

Heute beobachten wir hingegen eine systematische Führungslosigkeit in Politik und Parlamenten. Fernseh-Talkshows von Maybrit Illner oder Frank Plasberg laufen dem Parlament den Rang ab. Bunte TV-Studios werden zu Bühnen des politischen Scheindiskurses. Das Parlament – ohnedies auf dem Weg zur Abstimmungsmaschine einer verkrusteten Parteienoligarchie – verliert Autorität. Das Koordinatensystem unserer Willensbildung verschiebt sich derartig ins Mediale, dass veritable Minister achselzuckend erklären: Eine Illner-Sendung ist heute wichtiger als zehn Bundestagsdebatten. Wenn die Welt des Inszenatorischen aber so wichtig wird, mutiert das Mediensystem dann nicht zu einer Derivate-Szene des Politischen?

Eine Folge dieses Trends ist, dass wir uns in der Mediendemokratie permanent mit Alarmismen beschäftigen. Wir jagen von einer Panik in die nächste. Kampfhunde und Sars, Feinstaub und BSE, Vogelgrippe und Klimawandel, Finanzkrise – der Alarmismus prägt die Mediendemokratie, eben weil sie sich nicht an Wahrheiten orientiert, sondern an Stimmungen. Neil Postman warnte einst mit Blick auf die Boulevardisierung, dass wir uns zu Tode amüsieren könnten. Wahrscheinlicher ist, dass wir uns zu Tode paniken lassen.

Das Paradoxe an dieser Situation ist, dass ausgerechnet der sich so individualistisch gerierende Globalisierungskapitalismus eine schleichende Sozialisierung beschleunigt. Am Ende der kollektiven Vermittung trinken wir alle Kaffee bei Starbucks, haben Freunde bei Facebook, hören Lady Gaga und lesen Thriller von Dan Brown, weil er bei Google die meisten Treffer zählt und wir keine eigene Meinung mehr haben. Die Angst vor dem Selbst und einer autonomen Wahrheit treibt uns in die Arme der Massen und ihrer armen Kultur. Identität, Originalität, Eigenheit wirken in dieser superstrukturierten Welt der Vollkaskomeinungen wie Antiquitäten aus längst versunkenen Titanenzeiten. Man gibt sich lieber geschmeidigen Netzwerken hin und Communitys, weil sie kollektive Bande einer Welt sind, die die Wahrheit fürchtet wie der Chorknabe das Solo.

Doch wie mahnte noch Oswald Spengler: „Die Masse ist am Ende das
radikale Nichts.“ Wenn die Gesellschaft nur dem Masseninstinkt folgt, keine
fundamentale Wahrheit mehr akzeptiert oder nach ihr strebt, wird sie aus der Tiefe ihres Ichs fungibel wie ein Wertpapier. Nicht nur die Refinanzierung unserer maroden Staaten, auch die Grundfesten unserer Kultur zeigen zusehends ungedeckte Schecks. Unsere Wahrheiten sind keine Felsen mehr, sie sind Wanderdünen geworden. Die Wertpapier- und die Wertekrise liegen dicht beieinander.

Schuldner unserer Kompromisse

Wer also gehofft hatte, dass nach dem 20. Jahrhundert der ideologischen Raserei nun ein Zeitalter der offenen Wahrheitssuche, der Falsifizierungslust, des experimentellen Individualismus begönne, der sieht sich getäuscht. Die Masse ist wieder da, nicht mehr als Mob oder Klasse oder Aufmarschtruppe bei Paraden, sondern als Ordnungsprinzip der digitalen Globalisierung. Sie bringt ausgehöhlte Systeme der Konformität und Gesellschaften mit beschränkter Haftung hervor. Sie macht uns alle zu Schuldnern unserer Kompromisse. Die Schuldenkrise ist eine Chiffre unserer Zeit, wir haben Schulden der Identität, weil wir Wahrheiten nur noch fremd entlehnen, sie uns leihen, und zwar von der Masse.

Nun kann man hoffen, dass im Moment der Krise nicht nur die Finanzmärkte eine neue Solidität erzwingen, sondern auch die Ideenmärkte eine neue
Wahrheitskultur. Das Vertrauen auf geistiges Fremdkapital und die Flucht in die Infantilisierung wird wohl nicht so weit gehen, dass am Ende eine ganze Gesellschaft im Big-Brother-Container sitzt und über Pickel und Burnouts räsoniert. Da Pestalozzi recht hat – „Die Masse und der Staat haben keine Tugend, nur das Individuum hat sie!“, wird irgendwann ein Rettungsschirm der Individualisierung und „neuen Ernsthaftigkeit“ an Börsen wie in Buchstaben kommen müssen.

Die Politik wird wieder lernen, dass Wahrheiten unabdingbar sind, dass Demokratie nie alternativlos ist und dass heute nicht mehr gilt, mehr Demokratie zu wagen, sondern mehr Haltung.

Wolfram Weimer ist Publizist. Er hat das Debattenmagazin Cicero gegründet und war Chefredakteur der Tageszeitung „Die Welt“ sowie des Magazins „Focus“. Der Text ist ein Auszug aus der Rede „Die Medien und die Wahrheit“, die Wolfram Weimer beim Medienempfang des Erzbistums Köln am 14. September 2011 gehalten hat.

Erschienen in:
Ausgabe 38/2011
Redakteur:
Wolfram Weimer (Publizist)
Thema:
Großaufnahme
Stichworte:
Kultur, Ethik, Lebensstil