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Christenverfolgung

Wort mit Sprengkraft

Aus: Christ & Welt Ausgabe 02/2013

Christenverfolgung ist zum großen Thema geworden für Politiker der C-Parteien wie für die Kirchen. Doch noch gibt es die weltweite Solidarität unter Gläubigen nicht.

Youcef Nadarkhani schmiedet neue Koalitionen. Der Pastor der evangelischen Kirche im Iran wurde gerade wieder festgenommen, nach einem abstrusen Prozess, der mit einem Todesurteil wegen Abfalls vom Islam endete, und einer überraschenden Freilassung im vergangenen September.

Der Theologe eint Parteien und Kirchen in Deutschland. Eine Allianz von Politikern und Kirchenführern setzte sich gemeinsam für ihn ein: Bundespräsident Joachim Gauck, Bundeskanzlerin Angela Merkel, Außenminister Guido Westerwelle (FDP), Europaparlamentspräsident Martin Schulz (SPD), die beiden großen Kirchen sowieso und eine Reihe kleinerer ebenfalls.

Die Medien schauen immer häufiger hin, wenn Christen diskriminiert, bedroht, vertrieben und umgebracht werden. Und sie gebrauchen immer öfter ein Wort mit Sprengkraft: Christenverfolgung. Denn es bringt Probleme auf eine einfache Formel. Und es bringt Menschen gegeneinander auf. Es verschärft schnell die Spannungen, deren Beseitigung es fordert.

Je herrischer die Muslimbrüder in Ägypten die religiösen Minderheiten ihres Landes diskriminieren, je brutaler die islamistischen Boko-Haram-Terroristen in Nigeria Andersdenkende abschlachten, desto mehr lässt sich das Wort „Christenverfolgung“ politisch instrumentalisieren. Es eignet sich zur Fortsetzung der Leitkulturdebatte mit anderen Mitteln. Mit-Leidtragende der Christenverfolgungsdiskussion sind Muslime in Europa. Sie dürfen in der Schweiz keine Minarette bauen. In Deutschland werden ihre Moscheen oft genug in Gewerbegebiete abgedrängt.

Ihre angebliche Integrationsunwilligkeit macht es islamischen Kulturvereinen noch schwerer, gegen die Polarisierungen in den eigenen Reihen anzugehen. Das schürt die in Deutschland gewachsene Abneigung gegen den Islam, die ohnehin im europäischen Vergleich an der Spitze liegt. Mit jeder Rucksackbombe auf Bahnsteigen sammelt sie weiteren Zündstoff an.

Zugleich stiftet das Wort Freundschaft. Es verbindet Volker Kauder und Volker Beck und beide mit katholischen und evangelikalen Glaubensstreitern. Bei der Konferenz Evangelikaler Publizisten, einem evangelikalen Verband, können Kirchengemeinden den Unions-Fraktionsführer für einen Abend zum Thema buchen. Beck, der menschenrechtspolitische Sprecher der Grünen, gehört noch nicht zum Referentenpool. Denn bisher herrschte kein Friede zwischen Beck und den Evangelikalen, die seinen Kampf für die Gleichberechtigung von Schwulen und Lesben als Abfall von Gottes Ordnung verurteilen. Aber dann erschien Beck mit Bild im Verbandsmagazin, als er die Vereinten Nationen zu mehr Einsatz für Religionsfreiheit aufrief. Wenn es um Leib und Leben von Christen geht, werden Konfliktthemen wie Homosexualität zur Beckmesserei.

Zu den Hunderten evangelikalen Initiativen gehört die Organisation „Open doors“.  Sie hat sich auf Christenverfolgung weltweit spezialisiert. Jedes Jahr stellt sie einen Christen-Weltverfolgungsindex auf. An der Spitze steht seit Jahren Nordkorea, gefolgt von neun islamischen Staaten. Die Kriterien dafür sind schwer nachvollziehbar, offenbar auch für das Werk selbst. Dafür steht es in der Kritik. Vor einigen Jahren halbierte es seine Schätzung der weltweit verfolgten Christen stillschweigend auf 100 Millionen Menschen.

Auch die katholische Kirche gewinnt mit dem Thema politischen Anschluss. Das Timing erwies sich als perfekt: Als in Ägypten die Annahme der neuen, islamistisch geprägten Verfassung verkündet wurde, begingen katholische Bischöfe den Gedenktag für bedrängte Christen. Für religiöse Freiheit in Indien, Indonesien und im Irak kämpft es sich inzwischen konsensfähiger als gegen Abtreibung, Homoehe und Ökumene-Aufrufe.

Christenverfolgung mutiert zum Profilwort der C-Parteien. Vielleicht muss sich CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe nach oben korrigieren. Er sagte in Christ&Welt, mit Menschenrechtsthemen ließen sich keine Wahlen gewinnen. Das könnte sich ändern. Die Bilder abgebrannter Kirchen und zerfetzter Leichen über Twitter und Youtube befeuern die Empörung in Deutschland. Aber noch im vergangenen September mussten sich deutsche Behörden vom Europäischen Gerichtshof sagen lassen, dass sie religiös Verfolgten zu wenig Schutz gewähren. Irakische Christen fanden zuerst im islamischen Syrien Zuflucht. Europa tat sich damit unglaublich schwer.

Um zu verstehen, was sich hinter religiöser Verfolgung verbirgt, muss man genau hinschauen. Dann zeigt sich eine kompliziertere Wirklichkeit. Nigerianische Bischöfe wehren sich gegen das Wort „Christenverfolgung“ und stellen ein völliges Versagen ihrer politischen Führung fest, der die religiöse Aufladung des Problems gut ins Konzept passt. In Ägypten werden Kopten seit Jahren planmäßig diskriminiert, ebenso wie muslimische Dissidenten. In Pakistan versetzt der religiöse Wahn alle in Angst.

Im Irak sind es ganz bestimmte terroristische Gruppen, die die Christen des Landes systematisch vertreiben und umbringen. In Indonesien werden Christen, liberale Muslime und Homosexuelle mit Gewalt bedroht. In einigen indischen Bundesstaaten ist ein militanter Hinduismus stark geworden, der nicht zwischen Nationalismus und Religion unterscheidet.

Der dritte oder vierte Satz einschlägiger Festreden lautet hierzulande gern, selbstverständlich gehe es um religiöse Freiheit ganz allgemein, und natürlich dürfe niemand wegen seines Glaubens Nachteile erleiden. Dann kommt die Überleitung: Aber die Christen seien die meistverfolgte Religion der Welt. Erst dann ist das eigentliche Thema intoniert.

Derzeit ist es richtig und wichtig, dass die Diskriminierung der koptischen Kirche in Ägypten öffentlich diskutiert wird. Aber es wäre schön, wenn ein evangelischer oder gar ein katholischer Bischof sich demnächst nachhaltig und hartnäckig für die Bahai im Iran einsetzte oder für die Zeugen Jehovas in Eritrea, die mit Zwangsarbeit, Misshandlungen und Folter zur Aufgabe ihres Glaubens gedrängt werden. Sie gehören, neben den Aleviten, zu den weltweit am heftigsten verfolgten religiösen Gruppen. Volker Beck vergisst nie, das zu erwähnen.

Erschienen in:
Ausgabe 02/2013
Redakteur:
Wolfgang Thielmann (Redakteur)
Thema:
Leitartikel
Stichworte:
Kirchen, Außenpolitik, Ethik, Tod