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Kölner Klinikskandal

Wo eine Pille, da ein Weg

Aus: Christ & Welt Ausgabe 05/2013

Es gibt eine "Pille danach", die mit der kirchlichen Morallehre vereinbar ist, sagt der Medizinethiker Stephan Sahm. Ein Gespräch über das katholische Menschenbild und die Freiheit des Arztes

Garo/PHANIE/Prisma

Christ&Welt: Gibt es die eine „Pille danach“ oder ist das ein Sammelbegriff für verschiedene Präparate?
Stephan Sahm: Man muss die Wirkungsweisen verschiedener Präparate unterscheiden. Es gibt Stoffe wie Levonorgestrel, das nicht abtreibend wirkt, sondern die Empfängnis verhindert. Das ist moralisch höchst bedeutsam, weil das Abstoßen der Leibesfrucht einer Tötungshandlung gleichkommt, die Verhinderung der Befruchtung aber nicht. Leider ist vielen Ärzten und erst recht vielen Laien nicht bekannt, dass „Pille danach“ nicht immer Abtreibung bedeuten muss.

C&W: „Pille danach“ ist also ein Kampfbegriff?
Sahm: Ja, das liegt daran, dass der erste in dieser Absicht entwickelte Stoff über den Weg einer Abtreibung Schwangerschaft verhindert.

C&W: Das würde bedeuten, es gibt eine „Pille danach“, die mit der katholischen Morallehre vereinbar wäre?
Sahm: Zumindest im Fall einer Vergewaltigung. Es wäre wichtig, dass alle Ärzte davon wissen, besonders die Ärzte an katholischen Krankenhäusern.

C&W: Aber die „Pille davor“ verschreiben katholische Kranken?häuser weiterhin nicht?
Sahm:
Wir können in diesem Interview nicht die gesamte kirchliche Position zu verantworteter Elternschaft diskutieren. Aber bei einem so schweren Verbrechen, wie es eine Vergewaltigung darstellt, ist Empfängnisverhütung moralisch verantwortbar und mit der kirchlichen Lehre vereinbar.

C&W: Sie leiten eine Klinik eines katholischen Krankenhauses. Wie hätten Sie selbst gehandelt, wenn sich, wie in Köln, ein mutmaßliches Vergewaltigungsopfer an Sie gewandt hätte?
Sahm:
Wir hätten die Frau untersucht und hätten sie beraten. Wir hätten ihr bei dieser Beratung auch die Möglichkeiten der Empfängnisverhütung aufgezeigt, was allein schon gesetzlich vorgeschrieben ist. Denn wir müssen alle medizinischen Handlungsalternativen erörtern. Wenn die junge Frau eine Abtreibung verlangt hätte, hätten wir darauf hingewiesen, dass dies mit unserem Gewissen nicht vereinbar ist, und sie an eine andere Institution verwiesen. Aber jemanden abweisen, der Hilfe braucht – das passt überhaupt nicht zum katholischen Profil.

C&W: Im Moment sieht es in der öffentlichen Diskussion so aus, als bestehe das katholische Profil eines Krankenhauses nicht in dem, was man tut, sondern in dem, was man unterlässt?…
Sahm:
Ja, das ist ein fataler Eindruck. Dem können wir nur begegnen, indem wir immer wieder zeigen: Wir haben exzellentes Fachpersonal, und wir nehmen den Menschen in all seinen Nöten ernst. Dazu gehören auch spirituelle Bedürfnisse. Das Ketteler-Krankenhaus in Offenbach steht in einer Multikulti-Stadt. Hier gibt es etwa viele Moscheen. Die Menschen kommen gern hierher, weil sie auch als Gläubige ernst genommen werden. Zudem meine ich, dass man das, was man aus guten Gründen unterlässt, offensiv nach außen vertreten sollte. Dass katholische Kliniken auf Suizidbeihilfe und Abtreibung verzichten, dass sie nicht mit embryonalen Stammzellen arbeiten und keine PID vornehmen – all das kann man erklären. Wir müssen dafür werben, dass dieser Haltung ein positives Menschenbild zugrunde liegt.

C&W: Warum gibt es keine bundesweit einheitlichen Leitlinien
für katholische Krankenhäuser?
Sahm:
Ich glaube nicht, dass man zentrale Leitlinien für alle braucht. Jedes katholische Krankenhaus sollte reif genug sein, seinen Umgang mit den betroffenen Menschen zu regeln. Es kann natürlich hilfreich sein, die Leitlinien der anderen Häuser zu kennen. Man muss ja nicht immer das Rad neu erfinden. Aber noch wichtiger ist, dass die Mitarbeiter geschult und auf dem neuesten Stand sind. Die mangelnde Information ist ein Problem aller Krankenhäuser, nicht nur der katholischen: Sie könnten diese Nacht mal als Test eine Telefonumfrage machen und werden feststellen, dass Sie von den diensthabenden Ärzten ganz unterschiedliche Auskünfte bekommen.

C&W: Haben Sie als Beschäftigter ?eines katholischen Krankenhauses mehr Angst, einen Fehler zu machen, weil Sie nicht nur mit dem Patienten, sondern auch mit dem Bischof Ärger bekommen könnten?
Sahm:
Nein, ich habe keine Angst. Natürlich ist der ganze Bereich Lebensschutz emotional sehr aufgeladen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Kölner Ärzte aus Angst vor arbeitsrechtlichen Konsequenzen so gehandelt haben. Das wäre fatal. Wir vertreten hier in Offenbach das katholische Profil aus Überzeugung, nicht aus Angst. Es hat eine hohe Plausibilität, den Beginn des menschlichen Lebens mit der Verschmelzung von Ei und Samenzelle anzusetzen. Dazu stehen wir. Das kann man gerade nicht vermitteln, indem man Patienten abweist, sondern indem man mit ihnen spricht und sie berät. Ich würde im Gegenzug auch von nicht kirchlichen Krankenhäusern erwarten, dass sie Patientinnen, die die „Pille danach“ wünschen, eingehend beraten. Dazu gehört, dass sie die Frau darüber aufklären, wie die Pille wirkt. Und dass sie bei einer Abtreibungspille auch auf die psychischen Konsequenzen hinweisen. Das werden Sie aber kaum erleben, das wird ja auch öffentlich nie eingefordert. Aber eigentlich ist es eine Bevormundung der Patienten, wenn diese Information fehlt und das moralische Problem einer Abtreibung gar nicht angesprochen wird.

C&W: Warum kann die Kirche der Gesellschaft ihre Position so schwer verständlich machen?
Sahm:
Weil sie ihre Position zu wenig erklärt und zu wenig dafür wirbt. Von den amerikanischen Bischöfen kann man lernen, wie es anders geht. In Connecticut gibt es die Vorschrift, dass Ärzte allen Vergewaltigungsopfern eine „Pille danach“ anbieten müssen. Für die amerikanischen Bischöfe stellte sich die Frage: Steigen wir aus diesem System aus oder können wir unter bestimmten Bedingungen mitmachen? Sie haben dann die Zusammenhänge geprüft und die „Pille danach“, die keine Abtreibung bewirkt, zugelassen.

C&W: 2009 machte der Fall eines neunjährigen Mädchens in Brasilien Schlagzeilen. Es war vom Stiefvater vergewaltigt worden und mit Zwillingen schwanger. Nach der ?Abtreibung wurden die Mutter und die beteiligten Ärzte vom Ortsbischof exkommuniziert. Der Vatikan kritisierte diese Strafe. Welchen Ermessensspielraum haben katholische Ärzte überhaupt?
Sahm:
Die katholische Kirche erlaubt dem Arzt eine Güterabwägung, wenn das Leben der Mutter bedroht ist. Ein Arzt kommt im Laufe seines Berufslebens sehr oft in ethische Konflikt?situationen. Er kann grundsätzlich gegen Abtreibung sein und trotzdem bei Gefahr für das Leben der Mutter zu Handlungen gezwungen sein, die das Leben des ungeborenen Kindes gefährden. Die Tötung der Leibesfrucht ist aber weder als Ziel noch als Mittel gewollt.

C&W: Sie gehören einem Ethikrat an, den mehrere katholische Krankenhausträger eingesetzt haben. Wie verbindlich sind Ihre Empfehlungen?
Sahm:
Diese Empfehlungen werden in allen Krankenhäusern dieser Träger kommuniziert. Aber die Empfehlungen ersetzen nicht die einzelne Entscheidung des Arztes. Sie sollen sozusagen bei seiner Gewissensbildung mitwirken. Sie sollen ihn für alle Aspekte einer Entscheidung sensibilisieren – die medizinischen, psychischen und moralischen. Die Verantwortung bleibt beim einzelnen Arzt.

C&W: Welchen Einfluss haben Bischöfe auf Ihre Empfehlungen?
Sahm:
Der Bischof von Trier, Stephan Ackermann, beruft die Mitglieder des Rates, der auf Initiative der Träger mehrerer katholischer Krankenhausketten eingerichtet wurde. Dem Rat gehören Mediziner, Juristen und Theologen an. Die Anfragen der Themen kommen aus beteiligten Kliniken, die um eine entsprechende Stellungnahme in sie bedrängenden Fragen bitten.

Stephan Sahm ist Chefarzt am katholischen Ketteler-Krankenhaus in Offenbach und habilitierter Medizinethiker. Der Gastroenterologe gehört einem Ethikrat an, den vier große katholische Krankenhausträger 2008 gebildet haben. Stephan Sahm hat zahlreiche Bücher veröffentlich, unter ?anderem über Palliativmedizin. Er schreibt regelmäßig für die „FAZ“.

Erschienen in:
Ausgabe 05/2013
Redakteur:
Christiane Florin (Redaktionsleiterin)
Thema:
Glaube
Stichworte:
Katholisch, Ethik, Sexualität, Abtreibung