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Das Wesentliche: Evangelikale

"Wir sind nicht die Salafisten des Christentums"

Aus: Christ & Welt Ausgabe 04/2013

Pfarrer Michael Diener, der Vorsitzende der Evangelischen Allianz wehrt sich gegen einen Vergleich

Warum fällt einem Orientalisten der Begriff „evangelikal“ ein, wenn er Salafisten beschreiben will? Menschen, die sich als evangelikal bezeichnen, stehen einigermaßen fassungslos davor, dass ihre Frömmigkeit mit den Absichten einer fundamentalistischen islamischen Gruppierung gleichgesetzt wird. Mit Salafismus verbindet die öffentliche Wahrnehmung ein Nein zur Unterscheidung von Religion und Staat, ein Nein zur Demokratie, ein Nein zu Menschenrechten und ein Nein zur Toleranz, also zu den Grundwerten einer offenen Gesellschaft. Salafisten bekämpfen westliche Kulturen als Satanswerk, mit Worten und auch mit Gewalt.

Daher will mir nicht in den Kopf, dass der Wiener Islamwissenschaftler Rüdiger Lohlker Salafisten als Evangelikale des Islam bezeichnet (siehe C&W 3/2013). Wer so vergleicht, muss sich fragen lassen, ob er nur naiv ist oder ob er polarisieren und diskriminieren will. Es ist unmöglich, den christlich geprägten Begriff seines Kontextes zu berauben und auf eine islamische Gruppierung anzuwenden, der alle Attentäter des 11.September 2001 angehörten. Ich hätte nicht für möglich gehalten, dass es im 21. Jahrhundert Gelehrte gibt, die einen derartig unreflektierten Wissenschaftsbegriff öffentlich vertreten, der Gesamtzusammenhänge ignoriert.

Zwischen Salafisten und Evangelikalen liegen Welten. „Evangelikal“ ist die englische Form des deutschen Wortes „evangelisch“. In der Konfessionsbezeichnung schwingt der Hinweis auf eine Grundorientierung mit: die Konzentration auf das Evangelium, also auf die Kernbotschaft des Neuen Testaments. Diese Orientierung verbindet die ganze evangelische Christenheit und daher auch evangelikale Kirchen, Organisationen und Strömungen, sei es der evangelikale Flügel der anglikanischen Kirche, der Pietismus in Deutschland oder die weltweite Pfingstbewegung, die sich unter allen Kirchen und Religionen derzeit am schnellsten ausbreitet. Weltweit wird die Zahl der Evangelikalen auf 600 Millionen geschätzt.

Und was immer man über Evangelikale sagen mag – niemand bestreitet, dass sie, die sich dem Evangelium verpflichtet wissen, nie zur Gewalt greifen können und dürfen, wenn es darum geht, ihren Glauben zu verbreiten oder dafür einzustehen. Auch deshalb, weil sie mitunter zu denen gehörten, die wegen ihres Glaubens benachteiligt oder auch vertrieben wurden.

„Intensiv evangelische Christen“ – diese Charakterisierung fiel Bundeskanzlerin Angela Merkel ein, als sie Vertreter des Dachverbandes der Evangelikalen in Deutschland, der Evangelischen Allianz, empfing. Die Intensität stößt zunehmend auf Anerkennung. 2011 verabschiedete die Weltweite Evangelische Allianz zusammen mit dem Päpstlichen Rat für den Interreligiösen Dialog und dem Weltkirchenrat einen gemeinsamen Verhaltenskodex im Blick auf „das christliche Zeugnis in einer multireligiösen Welt“. Da verpflichten sich die Unterzeichner zur Religions-und Glaubensfreiheit, zu Respekt und Dialog zwischen den Religionen. Und auch zur Mission mit Worten und Taten. Das irritiert manche Menschen. Doch Mission gehört zum Wesen der christlichen Kirchen. Für Evangelikale bedeutet das, dass sie, vielleicht deutlicher als andere, zum Glauben einladen.

Sie stellen mehr als zwei Drittel der evangelischen Missionare, die aus Deutschland in die Welt gehen: Prediger und Theologen, Ärzte und Ingenieure. Und, ja: Sie treten dafür ein, dass Christen, Muslime, Hindus und Buddhisten ihren Glauben leben, aber auch, dass sie ihren Glauben wechseln können. Sie bekennen sich zum Schutz des Lebens von Anfang an und bis zum Tod und zur Familie aus Frauen, Männern und Kindern. Und sie erwarten, dass man das würdigt und sie nicht in einem Atemzug mit einer islamischen Gruppierung nennt, die ihr Weltbild mit Druck und mitunter auch mit Terror durchsetzt.


Der Autor, Pfarrer Michael Diener, ist Vorsitzender der Deutschen Evangelischen Allianz und Präses des Evangelischen Gnadauer
Gemeinschaftsverbandes.


Erschienen in:
Ausgabe 04/2013
Redakteur:
Michael Diener ()
Thema:
Das Wesentliche
Stichworte:
Evangelisch, Islam, Innenpolitik, Außenpolitik, Ethik, Tod, Jesus