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Was ist heilig?

Wir Scheinheiligen

Aus: Christ & Welt Ausgabe 05/2012

Journalisten haben die Macht, die moralischen Maßstäbe der ganzen Gesellschaft zu verschieben. Die Schnäppchenmentalität, die sie in der Causa Wulff beklagen, haben sie selbst herbeigeschrieben

Aus den Kommentarspalten dringt moralischer Weihrauch in dicken Schwaden, es werden Maßstäbe angelegt, die vor gesellschaftsstabilisierenden Werten strotzen: Treu und Redlichkeit, vollkommene Transparenz, reine Weste im Beruflichen wie im Privaten. Journalisten belehren gegenwärtig die Politik, was „man“ tun darf und was nicht, sie sind herausgetreten aus einer mit gemessener Distanz berichtenden und analysierenden Rolle. Sie – von den Blättern des Springer Verlags bis zur ehemals seriösen „FAZ“ – sonnen sich im neuen Wohlgefühl einer moralischen Präzeptorenrolle.

Jahrzehntelang galt solch wertgebundener Journalismus nur als Spezialistentum. In Redaktionsstuben großer Massenmedien, vor allem den Funkhäusern, saßen (heute pensionsreife) Missionare der 68er-Generation, denen mühevoller Einkommenserwerb in den Etappen der Marktwirtschaft zu banal schien, deren missionarischer Fundus aber noch nicht erschöpft war und die deshalb mit ihren Anliegen die Medien okkupierten. Von dieser Bastion aus verdächtigten sie eine moralisch argumentierende Politik sowie die normensetzenden Religionen der Repression. Die Vereinbarung von Tugendmaßstäben war im Wege, da man es auf eine lustvolle Gesellschaft des „Laisser-?aller“ angelegt hatte.

In Fernsehmagazinen und -talkshows, in Kommentaren und Reportagen dominierten jahrzehntelang die Obertöne eines Kollektivismus, in dem Begriffe wie Leistung, Elite, Erziehung, Disziplin oder auch Sparsamkeit in ebenso geringem Kurs standen wie die Zehn Gebote oder die besondere Förderung der auf Kinder angelegten Ehe als Keimzelle einer Gesellschaft. Die Strafjustiz nahm die Gesellschaft als Täter in den Blick, ein Bildungssystem sollte von der Gleichbegabung aller Kinder ausgehen. Journalisten konstruierten mit ihnen geistesverwandten Sozialwissenschaftlern ein idealistisches wie utopisches Gesellschaftsmodell. Die Menschen nahmen diese mit medialer Macht als Leitbild vorgeführten Konstruktionen für Wirklichkeit, suchten sich ihnen anzupassen. Dagegen war schwer anzuregieren. Eine lustvolle Gesellschaft der Ausbeutung durch alle, das war die Erwartungshaltung an die Politik. Ausufernde staatliche Sozialsysteme waren da nicht infrage zu stellen, ausufernde Staatsverschuldung galt als Zeichen staatspolitischer Verantwortung. Es war eine Gesellschaft vom Stamme Nimm.

Journalisten fahren auf Staatsbesuche oder Wirtschaftsreisen mit, lassen sich von Politik und Wirtschaft zu glanzvollen Ereignissen einladen. Sie dinieren mit den Mächtigen und verschaffen sich das Gefühl, dazuzugehören, wo sie doch nur dabei sind. Journalisten treten aus ihrer dienstleistenden Berichterstatterpflicht heraus und inszenieren sich als elitäre Kaste, die gut gepflegt werden will.

Alle wesentlichen Unternehmen räumen den Journalisten Rabatte für Waren und Dienstleistungen ein, von denen Normalbürger nur träumen können. Wie selbstverständlich lassen sich Reisejournalisten von den großen Touristikunternehmen und Fremdenverkehrsämtern in alle Welt einladen, um anschließend mit banal-unterhaltsamer Berichterstattung für diese Reisen zu werben. Autofirmen stellen großzügigst Testwagen zur Verfü?gung, und wenn sich ein Journalist zum Kauf entschließt, dann bekommt er meist 15 Prozent auf den Listenpreis. Journalisten fliegen billiger mit Fluggesellschaften, haben eine rabattierte Bahncard. Der Journalistenausweis ist ein Pass für Schnäppchenjäger.

Fernsehmoderatoren münzen ihre gebührenfinanzierte Prominenz in lukrative Nebenjobs um. Sie moderieren für Unternehmen und Verbände, sie bieten ihre rhetorischen Dienste bei den Redner-Services im Internet an. Natürlich feierten namhafte Journalisten auch mit bei den großen Partys, die der Event-Manager Manfred Schmidt in der Republik veranstaltet hat. Man darf wohl davon ausgehen, dass sie beim ebenso harmlosen wie nunmehr berüchtigten „Nord-Süd-Dialog“ in Hannover das dort ausgehändigte Kochbuch auch dann mitgenommen hätten, wenn sie gewusst hätten, dass es ihnen die Landesregierung schenkt.

Das alles mag nicht illegal sein. Ehrenrührig ist es schon, weil es die Glaubwürdigkeit der eigenen Zunft untergräbt. Mit sich selbst sind Journalisten nicht pingelig. Abweichungen zwischen Anspruch und eigenem Verhalten werden nur anderen vorgehalten, wenn es politisch nutzt, dem Bundespräsidenten gegenwärtig. Mehr noch: Unterstellungen werden für die Tat genommen. Die „FAZ“ rückt ihn in die Nähe der sizilianischen Mafia, die „Welt am Sonntag“ schreibt kritischen Lesern, es müsse sie doch interessieren, „ob unser Staatsoberhaupt in einen möglichen Fall von Korruption verwickelt ist“. Das ist von überbordender Scheinheiligkeit.

Wie wäre es, wenn die Journalisten erst einmal alle Angriffspunkte aus dem Wege räumten, die ihrer eigenen Glaubwürdigkeit im Wege stehen? Wie wäre es also, wenn der Deutsche Presserat die ethischen Richtlinien für die Zunft derart überarbeitete, dass berufsbezogene Rabatte aller Art nicht mehr angenommen werden dürfen? Dass sie oder ihre Verlage alle Reisen, Bücher, Bild- und Tonträger sowie Testfahrten und Testessen vollständig selber zahlen? Wie wäre es, wenn alle Medienunternehmen das Verbot jeglicher berufsbezogener Vorteilsannahme in die Arbeitsverträge aufnähmen? Wie wäre es, wenn alle Verlage und Sender gemeinsam dafür sorgten, dass es keine Presserabatte mehr gibt?

Dann wäre die Zeitenwende da. Dann wäre moralische Entrüstung nicht mehr nur „der Heiligenschein der Scheinheiligen“ (Helmut Qualtinger). Dann könnte man dem Journalisten wieder glauben, und er würde vielleicht nicht mehr – wie Max Weber das schon beklagt hat – „zu einer Art Pariakaste“ gehören, „die von der Gesellschaft stets nach ihren ethisch tiefststehenden Repräsentanten sozial eingeschätzt wird“.

Michael Rutz ist Geschäftsführer der
Beratungsfirma Prof. Rutz Communications.

 

Erschienen in:
Ausgabe 05/2012
Redakteur:
Michael Rutz (Publizist)
Thema:
Leitartikel
Stichworte:
Innenpolitik, Ethik, Medien