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Kinderwunsch

„Wir mussten lügen“

Aus: Christ & Welt Ausgabe 50/2011

Ein Paar ringt sich zu einer künstlichen Befruchtung durch. Beide sind bei der katholischen Kirche beschäftigt. Wie rechtfertigen sie ihre Entscheidung? Ein Dialog.

© Unclesam/Fotolia

Sie sagten beide beherzt Ja, als sie vor dem Traualtar gefragt wurden, ob sie die Kinder annehmen, die Gott ihnen schenken will. Sie ist 26, er 29, als sie sich reif für ein Leben zu dritt fühlen. Doch die Natur scheint sich gegen das junge Paar verschworen zu haben. Sie leidet an einer Stoffwechselkrankheit, die ihre Fruchtbarkeit einschränkt, er wiederum weiß, dass seine Spermien nicht besonders leistungsfähig sind. Als die beiden schließlich nach unzähligen erfolglosen Versuchen erfuhren, dass sich ihr Kinderwunsch nur mithilfe künstlicher Befruchtung erfüllen ließe, verfielen sie in eine vorübergehende Schockstarre. Zu der Angst vor den Problemen einer künstlichen Befruchtung kam dann noch die Angst um den Arbeitsplatz hinzu. Schließlich fühlten sich die beiden als katholische Theologen und Mitarbeiter im kirchlichen Dienst der vatikanischen Morallehre verpflichtet. Am Ende des Glaubens- und Gewissenskonfliktes setzt sich schließlich der Kinderwunsch durch.

Die beiden möchten anonym bleiben. Christ & Welt haben sie anvertraut, wie schwer ihnen die Entscheidung gefallen ist.

Sie: Plötzlich war klar, es würde schwer werden, ein Kind zu bekommen. Langwierig und teuer. Wir erzählten erst einmal niemandem davon, auch nicht unseren Freunden. Nachfragen hätten wir nicht ertragen. Auch unsere Arbeitgeber durften auf keinen Fall davon erfahren. Die katholische Kirche verbietet künstliche Befruchtung ohne Ausnahmen. Bei unserer Einstellung haben wir unterschrieben, uns nach der katholischen Morallehre zu richten.

Er: Dazu kam, dass wir selber ethische Bedenken hatten. Schon als Student hat mich die Frage nach dem Beginn menschlichen Lebens beschäftigt. Ich habe damals viel mit einem Freund diskutiert, der Biologe ist. Die Lehre der Kirche besagt, der Moment der Befruchtung ist der Beginn des Lebens. Auch für mich war klar, dass der Mensch dem lieben Gott nicht ins Handwerk pfuschen darf. Bei der künstlichen Befruchtung werden der Frau mehrere Eizellen entnommen und in der Petrischale mit den Spermien zusammengebracht. Anschließend werden zwei befruchtete Eizellen im Mutterleib eingesetzt. Die anderen Eizellen werden eingefroren. Kommt es zur Schwangerschaft, bleiben Eizellen übrig, die sich theoretisch zu Kindern entwickeln könnten. Die werden aber nicht mehr gebraucht und irgendwann vernichtet.

Sie: Das ist der Stachel, der bleibt. Wir gehen dieses Risiko ein, wenn wir uns auf die künstliche Befruchtung einlassen.

Er: Mir wurde es leichter ums Herz, als der Arzt sagte, die Eizellen würden eingefroren, bevor es zur Zellteilung kommt. Das ist für mich ein großer Unterschied: Ohne Zellteilung ist noch nichts Neues entstanden.

Sie: Trotzdem haben wir uns bemüht, nicht an die Grenzen des Möglichen zu gehen, auch wenn die Chancen auf ein Kind dann vielleicht größer gewesen wären. Ich habe mir zum Beispiel bewusst nur sechs Eizellen entnehmen lassen und nicht zwanzig. Diese Zeit war sehr schwierig für uns. Vor der Eizellenentnahme musste ich hormonstimulierende Medikamente nehmen, die starke Nebenwirkungen haben. Nach der Operation begann das Warten. Das war das Schlimmste. Nach der Befruchtung kam der Transfer, bei dem mir zwei Eizellen wieder eingesetzt wurden. Dann kamen endlose zwei Wochen. Erst dann kann man eine Schwangerschaft nachweisen. Oder eben nicht. Beim ersten Versuch klappte es nicht. Schon die Einnistung war gescheitert.

Er: Wir erfuhren das Ergebnis im Urlaub. Es war niederschmetternd. Aber wir waren zusammen und konnten uns gegenseitig Mut machen. Wir sprachen auch über Adoption. Aber das kam für mich nicht infrage. Ich kann mir nicht vorstellen, ein Kind, das nicht mein eigenes ist, auf Kommando zu lieben. Für meine Frau war meine Ablehnung schwierig zu akzeptieren. Im Zweifelsfall hätte es bedeutet, gar keine Kinder zu haben.

Sie: Der zweite Versuch war noch schlimmer. Ich hatte eine Fehlgeburt in der elften Woche. Körperlich und seelisch war das eine Qual. Dazu kam noch, dass ich dauernd krankgeschrieben war und meinem Chef nicht die Wahrheit sagen konnte. Ständig dachte ich mir neue Lügen aus und fühlte mich furchtbar dabei. Manchmal zweifelte ich an mir. Bin ich vielleicht keine richtige Frau? Haben wir es nicht verdient, ein Kind zu bekommen? Vor allem, wenn ich andere Frauen mit Babybauch sah, die einfach so schwanger geworden waren, fühlte ich mich elend.

Er: Wir haben viel geheult in der Zeit. Ich habe versucht, meine Frau zu trösten, Hoffnung zu verbreiten, den Druck zu nehmen. Das Wichtigste war, uns als Paar nicht zu verlieren. Das haben wir geschafft. Aber die Lügen am Arbeitsplatz haben mich auch sehr belastet. Bis zu der Fehlgeburt hatte ich noch nicht einmal meinen Eltern etwas erzählt. Sie sind sehr gläubig und verteidigen das, was der Papst sagt. Ich hatte einfach Sorge, sie könnten mich verurteilen – für die künstliche Befruchtung und für das Lügen.

Sie: Ich bin dann schließlich zu meinen Schwiegereltern gefahren und habe ihnen alles erzählt. Ihre Reaktion war überwältigend. Sie waren voller Verständnis, haben unsere Not mitempfunden und waren richtig betroffen, weil wir nicht früher zu ihnen gekommen waren.

Er: Ich bin meiner Frau dankbar, dass sie diesen Schritt gemacht hat. Als ich mit meinem Vater sprach, sagte er: „Die Wahrheit ist wichtig, aber es gibt Situationen, in denen man lügen muss.“ Da war der Knoten geplatzt. Eine große Hilfe war auch der behandelnde Arzt. Er hat uns motiviert und ist gleichzeitig realistisch geblieben. Er ist uns so nah gekommen, hat alles miterlebt. Es war wichtig für uns, dass wir uns von ihm verstanden fühlten.

Sie: Schließlich blieben noch genau zwei Eizellen übrig. Wir hatten also noch einen Versuch, bevor wir die ganze Prozedur von vorne hätten beginnen müssen. Und tatsächlich wurde ich schwanger, erlebte eine normale Schwangerschaft und wir bekamen ein gesundes Kind. Es hat zwei Jahre gedauert.

Er: Wir haben die künstliche Befruchtung in sehr engen Grenzen genutzt. Am Ende blieb keine einzige befruchtete Eizelle übrig, zufällig, aber auch, weil wir so vorsichtig vorgegangen sind. Wenn wir eines Tages vor dem lieben Gott stehen, können wir ihm alles guten Gewissens erklären.

Sie: Seit ein paar Wochen arbeiten wir an unserem zweiten Kind. Jetzt warten wir wieder auf den Schwangerschaftstest. Die Behandlung belastet mich wieder, aber diesmal ist es etwas ganz anderes. Schließlich haben wir das alles schon mal geschafft. Wir sind Eltern geworden.

Aufgezeichnet von Anna Papathanasiou.

Erschienen in:
Ausgabe 50/2011
Redakteur:
Anna Papathanasiou ()
Thema:
Glaube
Stichworte:
Katholisch, Kirchen, Familie, Ethik