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Editorial

Wir Meinungsdiktatoren

Aus: Christ & Welt Ausgabe 1/2015

Auch in katholischen Kreisen geht das Pegida-Vokabular um

Christ&Welt hat nur wenige Anzeigen. Umso stärker werden diese wenigen beachtet. Vor einigen Wochen warb eine Vereinigung namens „Sanctus“ unter der Überschrift: „Handkommunion ist sakrilegisch“. Das mit dem Sakrileg ist Quatsch, aber Anzeigenkunden dürfen Unsinn behaupten, solange der nicht verfassungswidrig ist. Viele Leser reagierten erbost. Ob das die Meinung der Redaktion sei, fragten sie. Anzeigen werden offenbar genauer gelesen als mancher Artikel. Mund oder Hand? Das habe ich die Kollegen noch nie gefragt. In meinem Kommunionunterricht – das war 1977 – hatte der Priester erklärt, die geformten Hände bildeten eine Schale. Ein schönes Zeichen, diese Schale, fand ich. Ich habe es beibehalten, auch bei Hochämtern im Kölner Dom, als neben mir lauter junge Männer in Pullundern dem Leib Christi die Zunge entgegenstreckten. Aber kirchenpolitische Streitigkeiten über die „richtige“ Frömmigkeit lassen sich nicht mit dem Unterdrücken von Anzeigen lösen, schrieb ich den erbosten Lesern.

Vor einigen Tagen erreichte uns wieder eine Anzeigenbuchung. Diesmal von „Kirche in Not“. Dieses weltweite Hilfswerk päpstlichen Rechts setzt sich für verfolgte Christen ein. In der Anzeige wird der „Kongress Weltkirche“ in Würzburg angekündigt. Themen sind unter anderem: Aberglaube im aufgeklärten Europa, arabischer Winter und die Islamisierung des Nahen Ostens, Christenverfolgung, katholische Medienarbeit und katholisch-orthodoxe Ökumene, Berufungen und Entwicklungshilfe.

Ein Punkt in der Anzeige ist mehr als eine Frömmigkeits-Geschmackssache: „Gegen den Strom von Meinungsdiktatur und Political Correctness“ heißt der. Da geht es um die Verfassung, nicht nur um meine. Ein Blick ins Kongressprogramm zeigt: Gemeint sind nicht Diktaturen im politikwissenschaftlichen Sinne. Gemeint sind demokratische Staaten wie die Bundesrepublik. Wir haben die Anzeige abgelehnt.

Zugegeben: Ich finde es auch lästig, dass nicht immer alle meiner Meinung sind. Aber zum Glück sind andere so frei, „Unsinn!“ zu rufen, wenn ich meine Meinung kundtue. Dieses Land als Diktatur zu bezeichnen ist eine Diffamierung. Christsein zeigt sich darin, dankbar zu sein für das Gute, das man hat. Auch das habe ich aus dem Kommunionunterricht mitgenommen. Ich bin dankbar, in einem freien Land zu leben. Die katholische Kirche ist aber seit Benedikt XVI. geübt darin, Demokratien mit ihren Kompromissen und Mehrheitsentscheidungen mal eben zu einer „Diktatur des Relativismus“ umzudeuten. Auch der diktaturerfahrene Franziskus hat diese Wendung zitiert. Sehr Papsttreuen geht deshalb eine Kampfvokabel wie „Meinungsdiktatur“ gläubig über die Lippen. Aber wie kommt eine solche Verachtung für die plurale Demokratie in den Anzeigentext eines Hilfswerks, das es aufgrund seiner Erfahrung mit den Opfern lupenreiner Diktaturen besser wissen müsste?

Schirmherr des Treffens ist Würzburgs Bischof Friedhelm Hofmann, der Kunstsinnige im Episkopat. Bei der Neuausgabe des „Gotteslobs“ bewies er Sinn für eine plurale Liedauswahl und legte sich mit Konservativen an. Kaum zu glauben, dass er Meinungsvielfalt als Bedrohung ansieht. Seine Pressestelle antwortet ausweichend auf meine Nachfrage.

Erschienen in:
Ausgabe 1/2015
Redakteur:
Christiane Florin (Redaktionsleiterin)
Thema:
Christ&Welt
Stichworte:
Katholisch, Familie