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Bekenntnisse

Wir gehören dazu!

Aus: Christ & Welt Ausgabe 09/2013

Offiziell darf es schwule Priester nicht geben, aber die Wirklichkeit weicht von der reinen Lehre ab. Hier erzählen vier homosexuelle katholische Pfarrer vom täglichen Versteckspiel, von der Liebe zu ihrem Beruf und von den Wünschen an ihre Kirche

Das hat mich den Posten gekostet

Dass ich schwul bin, habe ich in meiner Zeit beim Bund gemerkt. Ich habe mit einem Priester des Vertrauens darüber gesprochen. Er sagte mir, dass Homosexualität kein Hindernis für den Priesterberuf sei. Danach habe ich das nie mehr thematisiert. Der Wunsch, Priester zu werden, war so stark, dass ich das Gefühl hatte, das Richtige
zu tun.

Warum auch hätte ich mich im Priesterseminar zu meiner sexuellen Identität äußern sollen? Warum sollte ich als Pfarrer die Leute damit behelligen? Das ist Privatsache, es gehört zur Professionalität, das auch im Privaten zu belassen.

Aber das ist nicht immer möglich. Ich selbst habe eine Position verloren, weil ich eine sehr umstrittene Entscheidung zu treffen hatte und plötzlich die Kritiker unter den Mitarbeitern meine Homosexualität ins Feld führten. Es wurde beobachtet, wer an meiner Tür klingelt und in welche Cafés ich gehe. Solche Vorwürfe fallen in der Kirche zu oft auf fruchtbaren Boden. Ich glaube nicht, dass es Zweck hat, dass schwule Priester sich zusammenschließen und ein Manifest formulieren. Die Kirche ist keine Demokratie, solche Initiativen verlieren sich.

Ich würde mir aber wünschen, dass Bischöfe einmal sagten: Schwule Priester gehören zu uns. Dann wäre klar: In der Führungsebene sitzen keine dankbaren Empfänger mehr von Denunziationen aller Art. Es gibt kluge Leute in den Bistümern, die sehr souverän mit diesem Problem umgehen, weil sie wissen, dass schwule Priester ihre Arbeit nicht schlechter machen als andere. Gäbe es mehr von diesen Leuten, dann hätte auch der rechte Rand in der Kirche weniger Gewicht. Denn bei dem Versuch, im Namen der reinen Lehre die Kirche von Homosexuellen zu „befreien“, geht es um sehr weltliche Anliegen: um Einfluss, um Posten, um Macht.

Ich lebe heute zölibatär, das war allerdings nicht immer so. Als unwahrhaftig empfand ich das Doppelleben nie. Das Glaubensbekenntnis kann ich aus vollem Herzen mitbeten, das zählt für mich. Ich lebe in einem sehr privaten Bereich im Konflikt mit der Kirche, aber dieser Spagat zerreißt mich nicht.

Es entsteht oft der Eindruck, schwule Priester seien eine Belastung für die Kirche. Das sehe ich natürlich völlig anders. Es gab vor vielen Jahren im „Focus“ eine Geschichte mit dem Titel „Schwule leben besser“. Da ist etwas dran. Wer zu einer Minderheit gehört, geht einfühlsamer mit Menschen um, ist weniger restriktiv. Auch wenn es klischeehaft klingt: Schwule Priester haben eine besondere Liebe zur Liturgie, zu den schönen Dingen, zu den Künsten. Zudem kommt man in gesellschaftliche Gruppen hinein, die der Kirche eher fernstehen.

Dass die Kirche ihre Haltung zur Homosexualität ändern wird, glaube ich nicht. Die Debatte wird sich im Nachgang zum Missbrauchsskandal eher verschärfen. Einige Kommentatoren haben ja den Zusammenhang zwischen dem Missbrauch von Jungen und homosexuellen Priestern hergestellt. Auch das findet in einflussreichen Kreisen leider offene Ohren.

Erschienen in:
Ausgabe 09/2013
Redakteur:
Die Redaktion
Thema:
Großaufnahme
Stichworte:
Katholisch, Sexualität