Ideologie
Wir brauchen ihn doch!
Aus: Christ & Welt Ausgabe 02/2012
Rettet die Freiheit vor den Freidemokraten! Der Liberalismus trägt nicht die Schuld an der Krise des Kapitalismus. Er ist die Lösung. Eine Liebeserklärung anlässlich des FDP-Dreikönigstreffens in Stuttgart.

Wenn Deutschlands Liberale nicht mehr sind, woran werden wir uns erinnern? Sicher an Genschers gelben Pulli. Oder an die 18-Prozent-Schuhe von Westerwelle. Der eine oder andere wird Jürgen Möllemann noch kennen, obwohl viele Liberale gerade ihn gern vergessen würden. Und gab’s da mit Otto Graf Lambsdorff nicht schon mal einen Adligen, der in der Flick-Affäre ziemlich tief von seinem hohen Ross gefallen war?
Wer es gut meint mit der FDP, wird sagen, dass die Liberalen Deutschland etwas schenkten, was es bis dahin noch nicht gab: stabile Koalitionen und Leutheusser-Schnarrenberger, den schönsten Ministerdoppelnamen der bundesrepublikanischen Geschichte. Abgesehen davon, was bleibt vom Liberalismus? Ist das Beste, was man über ihn sagen wird, dass er Jahrzehnte regierte, ohne je mächtig gewesen zu sein? Es wäre wohl so, wenn die Geschichte des deutschen Liberalismus deckungsgleich mit der Geschichte der einzigen Partei wäre, die sich zu ihm bekennt und momentan mit Volldampf an der Selbstauflösung arbeitet.
Gerade zum FDP-Dreikönigstreffen in Stuttgart lohnt es sich, daran zu erinnern: Der Liberalismus ist ein Plot, der größer ist als seine momentan handelnden Figuren. Entwickelt wurde er von Denkern wie John Locke und John Stuart Mill. Sie formten das Postulat von der zu schützenden Freiheit des Individuums. Der Liberalismus wurde so zum Wesenskern der Demokratie und konnte mit ihr und Coca-Cola nach dem Zweiten Weltkrieg erstmals erfolgreich nach Deutschland verschifft werden. Obwohl seitdem der Liberalismus in der Bundesrepublik systemrelevant ist, kann doch nur eine Minderheit der Deutschen bis heute mit dieser Importware etwas anfangen – und jene Minderheit wird in der Finanzkrise zudem immer kleiner. „Nie zuvor“, schrieb der Philosoph Peter Sloterdijk jüngst, „haben Begriffe wie liberal und neoliberal eine so niederträchtige Konnotation angenommen wie in den letzten Jahren. Noch nie hat man die Freiheit so eng und so fatal mit der Besessenheit von Menschen durch den Gier-Stress in Verbindung gebracht.“ Wie konnte es so weit kommen, dass Freiheit und Gier zu Synonymen wurden? Ist Westerwelle schuld mit seinen 18 Prozent oder doch Lambsdorff?
Der bürstete die FDP nach dem Ende der sozialliberalen Koalition einseitig auf Wirtschaftsliberalismus. An die Stelle der Freiheit des Einzelnen trat die Freiheit des Marktes. Dass der Einzelne ein Akteur auf diesem Markt ist und ihn gestalten kann zu seinem Wohl, wurde dabei unterschlagen, auch gegenüber dem Wähler. Dabei hätten die handelnden Figuren nur daran denken müssen, was ein guter Plot zwingend braucht: Struktur, Gefühl und ein bisschen Drama.
Jede Ideologie, auch der Liberalismus, ist ein politisches Lagerfeuer. Der Mensch will sich an der großen Idee das Gemüt wärmen, er verlangt nach Trost und einer Erklärung für die Unbill des Alltags. Ideologien sind immer gute Geschichten. Der christliche Konservativismus und die Sozialdemokratie konnten dieses Bedürfnis nach Sinn lange befriedigen. Dass immer weniger Menschen sich dafür interessieren, liegt nicht etwa daran, dass sie die Sinnsuche aufgegeben haben. Gerade während der Finanzkrise würden viele den völlig befreiten Markt, der sich gegen sie verschworen zu haben scheint, gerne verstehen. Wer versteht, braucht sich nicht zu fürchten. Doch SPD und CDU haben dafür keine selig machenden Geschichten mehr auf Lager. Aus Asche lassen sich niemals Funken schlagen.
Der Vorteil des Liberalismus ist: Weil er nie wirklich gebrannt hat in Deutschland, brannte er nicht aus. Auch jetzt nicht, da er für Gier-Stress und Krise verantwortlich gemacht wird. Was kann der Liberalismus dafür, dass er missverstanden wird? Für ihn ist jedes Individuum ein Handelnder und kein Opfer der Verhältnisse. Er spornt weniger die Reichen an, noch reicher zu werden, als die Armen, ihrer Armut zu entkommen. Er ist die Ideologie gegen jede Krise und nicht deren Ursache. Man sollte deshalb keinesfalls den Fehler begehen, im Liberalismus nur einen Heizpilz für Investmentbanker zu sehen, eine Besserverdienenden-Ideologie. Er ist, wie es der Wirtschaftsphilosoph Gerd Habermann in der „Welt“ formulierte, „eine frohe Botschaft vor allem für die, die kein Eigentum haben, außer an ihrem Talent, ihrem Fleiß und ihrer Tüchtigkeit“. Klingt romantisch? Muss es! Politische Ideologien sind romantisch. Aber bisweilen funktionieren sie, ohne in Diktaturen auszuarten, das hat im Gegensatz zum Sozialismus der angelsächsische Liberalismus nach 1945 bewiesen.
Ob sich jedoch der deutsche Liberalismus intellektuell regenerieren lässt, hängt davon ab, ob sich neue Anhänger dieser Idee finden. Um es mit den Worten Sloterdijks zu sagen: Diese neuen Liberalen sind nicht nur „süchtige, brauchende Wesen“, sondern bergen „das Potenzial zum gebenwollenden, großzügigen und souveränen Verhalten“ in sich. Ganz ähnlich sloterdijkte bereits der jüngst zurückgetretene FDP-Generalsekretär Christian Lindner, als er sagte, dass Deutschland unbedingt einen „mitfühlenden Liberalismus“ brauche. Auch wenn das nach blau-gelber Caritas klang (wofür sich Lindner viel Häme anhören musste), war es nicht falsch. Das Problem aber ist: In der FDP wird so vieles (und manchmal auch das Gegenteil) zu fast allem gesagt, dass sogar das Richtige falsch und das Falsche richtig klingt. Es ist das Drama einer Partei, die nie Volkspartei war, aber gerne eine wäre und es allen recht machen möchte. An sämtlichen Ecken werden mit flotten Formulierungen Irrlichter entfacht, die nicht wärmen, aber schnell verlöschen. Weil die FDP selbst nicht glaubt, was sie sagt, glauben ihr auch die anderen nicht. Insoweit ist Werner Hoyers legendär-peinliche FDP-Standortbestimmung als „Partei der Besserverdienenden“, die will, „dass alle besser verdienen“, allemal ehrlicher als das, was Philipp Rösler zum Amtsantritt sagte: „Ab heute wird geliefert.“
Liefern, ohne zu wissen, was, regieren, ohne zu wissen, wie: Nie hat ein Vorsitzender die Ratlosigkeit seiner Partei besser auf den Punkt gebracht. Ja, auch an ihn werden wir uns erinnern. „Aber was beweist das?“, fragt Sloterdijk: „Nichts anderes, als dass die Sache der Liberalität zu wichtig ist, als dass man sie den Liberalen überlassen dürfte.“





