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Vatikan

Wider die theologischen Brandstifter

Aus: Christ & Welt Ausgabe 4/2015

Erzbischof Georg Gänswein über seine kurialen Krankheiten, sein Verhältnis zu Franziskus und Benedikt als Gegenpapst

Foto: Evandro Inetti/ZUMA/ddp images

Der Vatikan wirkt an diesem finsteren Nachmittag im Januar wie verwaist, Papst Franziskus ist auf Reisen. Kurienerzbischof Georg Gänswein (58), Präfekt des Päpstlichen Hauses, erscheint im schwarzen Talar. Gerade hat er noch in den Vatikanischen Gärten den Rosenkranz mit dem emeritierten Papst Benedikt XVI. gebetet. Mit ihm und vier Helferinnen lebt Gänswein im Kloster Mater Ecclesiae im Schatten des Petersdoms zusammen. Gänswein führt in die ausgestorbenen Gemächer der Präfektur. In Abwesenheit des Papstes hat der Präfekt seinen Mitarbeitern freigegeben. „Als Anerkennung“, sagt er. In seinem Arbeitszimmer mit Blick auf den Petersplatz sind ein übervoller Schreibtisch und nicht ausgepackte Umzugskisten zu erkennen. Das Interview findet im prächtigen Empfangssaal des Präfekten statt. Monsignore Gänswein wirkt gut gelaunt und zündet vor dem Gespräch noch einmal den Adventskranz an.


Christ & Welt: Vor Weihnachten sorgte Papst Franziskus mit seiner Ansprache über 15 Krankheiten der römischen Kurie für Furore. Sie saßen direkt neben dem Papst. Wann haben Sie aufgehört mitzuzählen?
Georg Gänswein: Als Präfekt des Päpstlichen Hauses saß ich wie immer bei solchen Anlässen zur Rechten des Papstes. Und wie immer hatte ich eine Kopie der Rede in meiner Mappe, aber keine Zeit, sie vorher zu lesen. Als die Aufzählung der Krankheiten begann, dachte ich mir: Jetzt wird’s spannend, und es wurde immer spannender. Bis zur neunten Krankheit habe ich noch mitgezählt …

Was ging Ihnen durch den Kopf?
Normalerweise nutzt der Papst den Weihnachtsempfang für die Kurie, um Rückschau auf das abgelaufene Jahr zu halten und auch einen Blick auf das kommende zu werfen. Dieses Mal war es anders. Papst Franziskus zog es vor, den Kardinälen und Bischöfen, unter ihnen auch einige im Ruhestand, einen Gewissensspiegel vor Augen zu halten.

Fühlten Sie sich angesprochen?
Natürlich habe ich mich gefragt: Wo trifft es dich? Von welcher Krankheit bist du infiziert? Was ist korrekturbedürftig? An einer Stelle musste ich an meine vielen Umzugskartons denken.

Meinen Sie die Anekdote vom Umzug eines Jesuiten mit unzähligen
Sachen? Franziskus sagte, Umzüge seien Zeichen der „Krankheit des Anhäufens“.
Genau. Seit dem Auszug aus dem Apostolischen Palast nach dem Rücktritt Papst Benedikts im Februar 2013 lagern nicht wenige meiner Sachen noch in Umzugskartons in einem Abstellraum. Ich kann darin aber keinerlei Krankheitsindiz erkennen.

Was bezweckte Franziskus mit dieser Art von Geißelung? Das könnte demotivierend wirken.
Diese Frage haben sich viele meiner Kollegen auch gestellt. Papst Franziskus ist jetzt fast zwei Jahre im Amt und kennt die Kurie inzwischen recht gut. Offensichtlich hat er es für nötig gehalten, Klartext zu reden und zur Gewissenserforschung anzuleiten.

Wie waren die Reaktionen?
Medial war das natürlich ein Leckerbissen. Während der Ansprache habe ich schon die Schlagzeilen gesehen: Papst geißelt Kurienprälaten; Franziskus liest seinen Mitarbeitern die Leviten! Nach außen ist leider der Eindruck entstanden, dass es einen Riss zwischen dem Papst und der Kurie gibt. Dieser Eindruck trügt, er deckt sich nicht mit der Realität. Aber die Ansprache hat Wasser auf diese Mühlen gespült.

Wurde die Rede intern kritisiert?
Die Reaktionen reichten von Überraschung bis hin zu Betroffenheit und Unverständnis.

Vielleicht muss sich die Kurie mit Franziskus auf dauerhafte geistliche Übungen einstellen?
Darauf ist sie längst eingestellt. Papst Franziskus macht aus seiner geistlichen Prägung keinerlei Hehl. Er ist Jesuit, durch und durch geprägt von der Spiritualität seines Ordensgründers, des heiligen Ignatius von Loyola.

Wie erleben Sie Franziskus zwei Jahre nach seiner Wahl?
Papst Franziskus ist ein Mann, der von vornherein klargemacht hat, dass er Dinge, die er anders sieht, auch anders anpackt. Das gilt für die Wahl seiner Wohnung, des Autos, das er fährt, für den ganzen Audienzbetrieb im Allgemeinen und für das Protokoll im Besonderen. Man kann sich denken, dass das am Anfang gewöhnungsbedürftig war und ein gehöriges Maß an Flexibilität verlangte. Inzwischen ist daraus Alltag geworden. Der Heilige Vater ist ein Mann von außergewöhnlicher Schaffenskraft und lateinamerikanischem Schwung.

Viele fragen sich dennoch, wohin geht die Reise?
Wer aufmerksam auf die Worte des Papstes hört, erkennt darin eine klare Botschaft. Trotzdem taucht immer wieder die Frage auf: Wohin will Franziskus die Kirche führen, was ist sein Ziel?

Vor einem Jahr sagten Sie: „Wir warten noch auf inhaltliche Vorgaben.“ Sind diese nun zu erkennen?
Ja, viel deutlicher als vor einem Jahr. Denken Sie an das Apostolische Schreiben „Evangelii gaudium“. Darin hat er einen Kompass seines Pontifikats vorgelegt. Darüber hinaus hat er im
Laufe des Jahres wichtige Dokumente veröffentlicht und bedeutende Ansprachen gehalten, wie etwa in Straßburg vor dem Europaparlament und dem Europarat. Konturen haben sich deutlich abgezeichnet, und es wurden klare Akzente gesetzt.

Welche?
Der wichtigste Akzent heißt Mission, Evangelisierung. Dieser Aspekt zieht sich wie ein roter Faden durch. Keine innerkirchliche Nabelschau, keine Selbstreferenzialität, sondern das Evangelium in die Welt hinaustragen. Das ist die Devise.

Haben Sie Verständnis für Francis George, den emeritierten Erzbischof von Chicago, der kritisierte, die Worte des Papstes seien manchmal ambivalent?
Es gab in der Tat Fälle, da musste der vatikanische Pressesprecher nach einschlägigen Veröffentlichungen eingreifen, um Klarstellungen vorzunehmen. Korrekturen sind dann erforderlich, wenn bestimmte Aussagen zu Missverständnissen führen und von bestimmten Seiten vereinnahmt werden können.

Hat Franziskus die Medien besser im Griff als sein Vorgänger Benedikt?
Franziskus geht mit den Medien offensiv um. Er nutzt sie intensiv und direkt.

Auch geschickter?
Ja, er nutzt sie sehr geschickt.

Wer sind eigentlich seine engsten Ratgeber?
Diese Frage geistert stets und beständig umher. Ich weiß es nicht.

Mit den Synoden zur Familienseelsorge im vergangenen und kommenden Herbst hat Franziskus einen Schwerpunkt gesetzt. Vor allem die Frage der Zulassung wiederverheirateter Geschiedener zu den Sakramenten sorgt für Meinungsverschiedenheiten. Manche haben den Eindruck, Franziskus sei mehr an der Seelsorge gelegen als an der Lehre …
Diesen Eindruck teile ich nicht. Da wird künstlich ein Gegensatz konstruiert, der so nicht existiert. Der Papst ist oberster Garant und Hüter der kirchlichen Lehre und gleichzeitig oberster Hirte, oberster Seelsorger. Lehre und Seelsorge bilden keinen Gegensatz, sie sind Zwillinge.


Sind der amtierende und der emeritierte Papst bei den wiederverheirateten Geschiedenen entgegengesetzter Auffassung?
Ich kenne keine lehrmäßigen Aussagen von Papst Franziskus, die der Auffassung seines Vorgängers entgegenstünden. Das wäre auch absurd. Das eine ist, das pastorale Bemühen deutlicher zu betonen, weil die Situation es erfordert. Das andere ist, eine Änderung in der Lehre vorzunehmen. Ich kann seelsorgerisch einfühlsam, konsequent und gewissenhaft nur dann handeln, wenn ich das auf der Grundlage der vollen katholischen Lehre tue. Die Substanz der Sakramente ist nicht in das Belieben der geistlichen Hirten gestellt, sondern vom Herrn der Kirche vorgegeben. Das gilt auch und gerade für das Ehesakrament.


Gab es den Besuch einiger Kardinäle bei Benedikt während der
Synode mit der Bitte, er solle zur Rettung des Dogmas eingreifen?
Einen solchen Besuch bei Papst Benedikt hat es nicht gegeben. Ein vermeintliches Eingreifen des emeritierten Papstes ist pure Erfindung.

Wie reagiert Benedikt auf die Versuche traditionalistischer Kreise, in ihm einen Gegenpapst zu erkennen?
Es waren nicht traditionalistische Kreise, die das versucht haben, sondern Vertreter der theologischen Zunft und einige Journalisten. Von einem
Gegenpapst zu sprechen ist einfach dümmlich, aber auch verantwortungslos. Das geht in Richtung theologische Brandstiftung.

Zuletzt gab es Aufregung um einen Beitrag, der im jüngst neu aufgelegten vierten Band der Gesammelten Schriften Joseph Ratzingers erschienen ist. Der Autor hat einige Schlussfolgerungen zum Thema der wiederverheirateten Geschiedenen im Sinne einer strikteren Haltung abgeändert. Wollte Benedikt sich damit in die Synodendebatte einmischen?
Keineswegs. Die Überarbeitung des genannten Aufsatzes aus dem Jahre 1972 war bereits lange vor der Synode abgeschlossen und dem Verlag zugesandt. Es sei daran erinnert, dass jeder Autor das Recht hat, in seine Schriften einzugreifen. Jeder Kundige weiß, dass Papst Benedikt die Schlussfolgerungen des genannten Beitrags spätestens seit 1981 nicht mehr teilt, das sind mehr als 30 Jahre! Als Präfekt der Glaubenskongregation hat er dies in verschiedenen Stellungnahmen klar zum Ausdruck gebracht.

Der Zeitpunkt der Veröffentlichung der Neuauflage zur Synode war dann aber alles andere als glücklich …
Der vierte Band der Gesammelten Schriften, in dem der Aufsatz abgedruckt ist, sollte bereits 2013 erscheinen. Die Erscheinung hat sich aus verlegerischen Gründen verzögert und erfolgte erst im Jahr 2014. Dass zu diesem Zeitpunkt eine Synode zum Thema Familie stattfindet, war bei der Planung der Veröffentlichung der einzelnen Bände absolut nicht vorhersehbar. Die beiden Ereignisse sind zeitlich einfach zusammengefallen. Dahinter steckt keinerlei strategische Absicht.

Benedikt XVI. hatte nach seinem Rücktritt versprochen, „verborgen vor der Welt“ zu leben. Er taucht aber doch immer wieder auf. Warum?
Wenn er bei verschiedenen wichtigen kirchlichen Ereignissen präsent ist, dann deshalb, weil er von Papst Franziskus persönlich eingeladen wurde, so etwa zur Teilnahme am Konsistorium im vergangenen Februar, zur Heiligsprechung Johannes Pauls II. und Johannes’ XXIII. im April sowie zur Seligsprechung Pauls VI. im Oktober. Darüber hinaus hat er ein Grußwort verfasst zur Einweihung des nach ihm benannten Auditorium Maximum der Päpstlichen Universität Urbaniana in Rom. Papst Benedikt war dazu eingeladen, ist dieser Einladung aber nicht gefolgt.

In dem Grußwort, das Sie damals in seinem Namen vortrugen, machte er allerdings klare theologische Aussagen. „Der Verzicht auf die Wahrheit ist tödlich für den Glauben“, schrieb er etwa.
Das Grußwort war ein eindrucksvoller Beitrag zum Thema „Wahrheit und Mission“. Man konnte eine Stecknadel fallen hören, so still war es während des Vortrags in dem übervollen Auditorium. Inhaltlich war es ein theologischer Klassiker. Papst Franziskus, dem Benedikt zuvor den Text zukommen ließ, war sehr beeindruckt und hat ihm dafür gedankt.

Spricht Benedikt manchmal über seinen Rücktritt? Ist er erleichtert?
Er ist mit sich im Frieden und überzeugt, dass die Entscheidung richtig und notwendig war. Es war eine durchbetete und durchlittene Gewissensentscheidung, und damit steht jeder Mensch vor Gott allein.

Sie hatten mit Benedikts historischem Rücktritt im Februar 2013 zu kämpfen. Wie denken Sie heute über diesen Schritt?
Es stimmt, dass mir die Entscheidung zu schaffen machte. Es fiel mir nicht leicht, sie innerlich anzunehmen. Ich hatte zu kämpfen, um damit fertig zu werden. Der Kampf ist inzwischen längst ausgestanden.

Sie haben Benedikt Treue bis in den Tod geschworen. Das bedeutet auch, dass Sie bis dahin an seiner Seite, also im Vatikan, bleiben werden?
Am Tag seiner Wahl zum Papst hatte ich ihm versprochen, ihm in vita et in morte beizustehen. Mit einem Rücktritt hatte ich damals natürlich nicht gerechnet. Das Versprechen gilt aber und behält Geltung.

Bischöfe sollen Hirten sein. Fühlen Sie sich als Erzbischof an der römischen Kurie zuweilen wie ein Hirte ohne Herde?
Ja, manchmal schon. Aber inzwischen kommen immer mehr Einladungen zu Firmungen, Jubiläumsmessen und anderen Gottesdiensten. Bisher habe ich darauf recht defensiv reagiert und nur wenige Zusagen gegeben. Das habe ich in letzter Zeit geändert. Der direkte Kontakt mit den Gläubigen ist sehr wichtig. Deshalb nehme ich, wann immer möglich und mit meinen dienstlichen Verpflichtungen vereinbar, pastorale Aufgaben an. Das tut gut und auch not. Außerdem ist das die beste Medizin gegen eine der von Papst Franziskus aufgelisteten Kurien-Krankheiten: die Gefahr, ein Bürokrat zu werden.

Georg Gänswein ist Präfekt des Päpstlichen Hauses und engster Vertrauter des emeritierten Papstes Benedikt. Geboren wurde er 1956 in Riedern im Schwarzwald. Mit 18 verspürte er die Berufung, Priester zu werden. Sein Weg führte über München und Freiburg nach Rom. Seit 2012 ist er Kurienerzbischof.

Das Gespräch führte Julius Müller-Meiningen.

 

 

Erschienen in:
Ausgabe 4/2015
Redakteur:
Julius Müller-Meiningen ()
Thema:
Geistesgegenwart
Stichworte:
Katholisch