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Gleichberechtigung

Wenn Mama mehr verdient

Aus: Christ & Welt Ausgabe 02/2013

Jetzt sind wir dran: Familienministerin Kristina Schröder, ihre Vorgängerin Ursula Lehr und die saarländische Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer fordern: Minijobs und Präsenzzwang müssen weg!

Foto: Rocco Thiede/Herder Verlag

Kristina Schröder: In jedem fünften Familienhaushalt in Deutschland ist die Frau Familienernährerin – das heißt: Sie verdient mehr als 60 Prozent des Familieneinkommens; davon ist die Hälfte alleinerziehend. Für alle Formen der Familienernährerinnen gilt es, in der breiten Öffentlichkeit ein Bewusstsein zu schaffen. Dazu gilt es, ihr Umfeld genau zu kennen: von prekären Arbeitsverhältnissen über Minijobs, das Thema Zeitsouveränität im Job, haushaltsnahe Dienstleistungen oder das Grundbewusstsein, dass jede Frau mit Kindern zu jeder Zeit zur Familienernährerin werden kann.

Ursula Lehr:
Als Familienernährerinnen sind Frauen in ganz unterschiedlichen Formen tätig. Zum Beispiel die freiwilligen Familienernährerinnen, die ihren Beruf gern ausüben und bei denen der Mann seine Karriere hintanstehen lässt und seine Frau unterstützt. Es gibt ja so ein Sprichwort: Hinter jedem erfolgreichen Mann steht eine starke Frau.

Schröder:
Ich glaube, umgekehrt ist es fast auch immer so. Allein schon deshalb, weil man nur dann in einem anspruchsvollen Beruf stark sein kann, wenn der private Rückhalt stimmt.

Lehr:
Doch was ist dann mit den Alleinerziehenden, den verwitweten, den geschiedenen Frauen oder jenen, die gar nicht heiraten wollen?

Schröder:
Genau das ist ein sehr wichtiger Punkt, da zu den Familienernährerinnen auch die Alleinerziehenden gehören. Sie machen zahlenmäßig fast die Hälfte aus. Wer Alleinerziehende nur über die Sorge für Kinder definiert, negiert den ökonomischen Aspekt.

Annegret Kramp-Karrenbauer:
Klar, da gibt es große Unterschiede. Frauen, die allein die Familie gut ernähren können, und eben auch jene Frauen, die mit einem kleinen Einkommen versuchen müssen, sich und die Kinder über die Runden zu bringen. Ich sehe derzeit einen engen und recht eindimensionalen Blick auf die Alleinerziehenden – nach dem Motto „die Armen und Hilfsbedürftigen“.

Schröder:
Alleinerziehende sind entgegen mancher Klischees nicht die ständigen Opfer! Schon die Umdeutung von Alleinerziehenden zu Familienernährerinnen kann in der familien- und gleichstellungspolitischen Debatte viel bewegen.

Lehr:
Das ist der große Unterschied zu den Fünfzigerjahren, als es noch hieß: Das Mädchen braucht nicht unbedingt einen Beruf, sondern vor allem eine gute Aussteuer. Heute pfeifen die jungen Frauen auf die Aussteuer, aber einen Beruf wollen alle haben! Ein anderer Aspekt ist auch: Ein großer Teil der Frauen, die heute Familienernährerinnen sind, arbeitet im Niedriglohnsektor und hat Minijobs. Das ist ein Problem.

Kramp-Karrenbauer:
Gerade in den westlichen Bundesländern gibt es Familien, wo der Mann erst der Hauptverdiener war und die Frau zum Beispiel auf 400-Euro-Basis etwas dazuverdiente. Dann fiel plötzlich der Alleinernährer oder Haupternährer aus. Es entstand so ein Druck auf Frauen in ihrem Job, der eigentlich gar nicht dazu geeignet ist, die ganze Familie zu ernähren. Sie hatten plötzlich die ökonomische Gesamtverantwortung für die Familie. Das ist sehr problematisch, weil hier zum Beispiel Minijobs vollkommen falsche Anreize setzen. Das widerspricht natürlich unserer Grundbotschaft, dass sich jede Frau heute so aufstellen muss, dass sie – wenn es darauf ankommt oder wenn sie es möchte – auch allein für die Familie sorgen kann.

Schröder:
Unter diesem Aspekt sehe auch ich die Minijobs sehr kritisch. Die meisten Frauen wollen nach der Babypause in Teilzeit arbeiten. Und sie landen dann in einem Minijob. Und dieser ist in den seltensten Fallen das, was er eigentlich auch sein könnte: eine Brücke in den Arbeitsmarkt. Stattdessen sehen wir Klebeeffekte: einmal Minijob – immer Minijob.

Lehr:
Jedes junge Mädchen sollte deshalb bei seiner Lebensplanung unbedingt auf eine Berufsausbildung setzen. Ein Beruf, der Spaß macht und sie ernähren kann, ist für die jungen Frauen heute sehr wichtig. Sich darauf zu verlassen, ich werde heiraten und bin dann versorgt – diese Zeiten sind für immer vorbei. Mein nächster persönlicher Rat an Frauen, die wegen der Geburt eines Kindes ihren Job unterbrochen haben, wäre ganz klar: nicht zu lange aus dem Berufsleben auszusteigen. Wer beispielsweise im Hochschulbereich zwei oder mehr Semester unterbricht, der ist quasi draußen. Ich halte es für einen Fehler, wenn Menschen motiviert werden, drei Jahre oder länger ihren Job zu unterbrechen. Das tut auch vielen persönlich nicht gut.

Kramp-Karrenbauer:
Hier ist es wichtig, darauf zu schauen, wie die Anreize und Rahmenbedingungen gesetzt werden. Wer schnell nach der Geburt eines Kindes wieder in den Beruf zurück möchte, darf nicht vor die Wahl gestellt werden: schnell zurück oder gar nicht. Hier sind auch die Arbeitgeber gefordert.

Schröder:
Wenn beide Partner arbeiten, sind die Arbeitszeiten der Taktgeber eines jeden Familienlebens. Der Dreh- und Angelpunkt eines gelingenden Familienlebens ist die Souveränität über die Arbeitszeit. Das gilt existenziell besonders für unsere Familienernährerinnen. Hier ist mittlerweile mehr möglich als noch vor zehn Jahren: Teilzeitarbeit – zum Beispiel 30-Stunden-Jobs in Führungspositionen – gehört heute dazu. Aber da ist sicher noch mehr machbar. Zeit lässt sich nicht komplett mit Geld kompensieren. Umfragen belegen: Die jungen Mütter und Väter wollen heute mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen.

Lehr:
Das ist richtig. Aber ich denke an Gespräche, die ich damals für meine Habilitation zu Frauen im Beruf führte. Da kam heraus, dass Teilzeitbeschäftigte die ganze Last des Berufes hatten und im Vergleich zu ihren Kollegen in den weniger Stunden im Betrieb mehr arbeiteten. Die angenehmen Seiten der Berufstätigkeit aber, sich zum Beispiel in der Mittagspause mit den anderen auszutauschen, die hatten sie nicht.

Schröder:
Viele Paare sagen auch, wenn beide zu 75 Prozent arbeiten und man eine gute Kita und eventuell noch engagierte Großeltern hat, dann kann man partnerschaftlich etwas daraus machen. Das sind übrigens Teilzeitjobs, die großes Zukunftspotenzial haben. Auch hat sich bei den Unternehmern viel verändert. Kaum jemand wird heute Teilzeitarbeitende noch als Minderleister sehen – im Gegenteil. Oft sind das die effizientesten Mitarbeiter.

Kramp-Karrenbauer:
Ich habe hier meine eigenen Erfahrungen gemacht. Sowohl mein Mann als auch ich haben in Teilzeit gearbeitet. Oft waren wir von Informationsflüssen abgeschnitten. Die besondere Affinität der Deutschen zur Präsenz am Arbeitsplatz hat bei in Teilzeit arbeitenden Frauen zu Vorurteilen geführt, wenn es darum ging, Führungspositionen in Teilzeit zu besetzen. Hier kommt es stark auf die Unternehmensphilosophie an. Internet und Telearbeit machen ja heute vieles leichter.

Schröder:
Was uns derzeit noch fehlt, ist ein Abschied von den Präsenzritualen. Mitarbeiter sind davon noch so eingeengt, dass sie nicht selbstbewusst zu ihren familiären Verpflichtungen stehen. Da haben uns die skandinavischen Länder schon einiges voraus, denn nicht derjenige ist der beste Mitarbeiter, welcher am längsten hinterm Schreibtisch sitzt. Es fehlt in Deutschland noch oft eine Kultur des Respekts vor familiärer Verantwortung. Hier ist die Vorbildwirkung von Vorgesetzten enorm wichtig.

Kramp-Karrenbauer:
Und da schließt sich der Kreis zu den Alleinerziehenden, weil besonders sie in einem hohen Maße auf ein familienfreundliches Klima angewiesen sind. Sie haben keinen natürlichen Verbündeten in Form eines Partners. Das belastet diese Gruppe besonders, weil sie permanent das Gefühl haben, im Stich gelassen zu werden und für alles allein verantwortlich zu sein.

Schröder:
Ich kann mich in diese permanente Anspannung gut hineinversetzen, wenn man nichts delegieren kann und die To-do-Liste immer länger wird. Hier könnten haushaltsnahe Dienstleistungen als Unterstützung ideal greifen.

Lehr:
Jede Frau ist eine potenzielle Familienernährerin, weil sie in ihrem Leben in Situationen geraten kann, ihre Familie von ihrem eigenem Einkommen zu ernähren. Wie kann eine Politik fairer Chancen darauf antworten, zum Beispiel bei plötzlichen Scheidungen?

Kramp-Karrenbauer:
Die Hauptaufgabe von Politik besteht hier vor allem darin, nicht dem einen oder anderen Lebensmodell Vorteile zu verschaffen. Unser Maßstab ist das Vereinbaren von Familie und Beruf: mit Blick auf Kinder und zu pflegende, ältere Angehörige.

Schröder:
Das Thema der Vereinbarkeit von Pflege und Beruf spielt sich oft im Stillen ab. Wir haben mittlerweile mehr Pflegebedürftige in Deutschland als zu betreuende Kinder unter drei Jahren.

Kramp-Karrenbauer:
Hier gilt es, auch einmal den Fokus auf die vielen älteren Frauen zu lenken, die in einer doppelten Problematik stecken: Sie waren erst sehr lange wegen der Kindererziehung aus dem Beruf ausgestiegen. Dann fassten sie gerade in den Unternehmen wieder Fuß, und plötzlich steht eine Pflegeverantwortung an.

Lehr:
Das betrifft auch schon die Frauen im mittleren Alter, die sogenannte Sandwich-Generation: die für Kinder, manchmal auch schon für Kindeskinder sorgen und dann die Pflege oder das Altenheim ihrer Mutter oder ihres Vaters sicherstellen müssen.

Schröder:
Und wenn diese Frau dann auch noch Familienernährerin ist, dann stellt sich diese Situation wie unter einem Brennglas dar. Wenn es dann finanzielle Probleme gibt oder Strukturen nicht funktionieren, sind die Konsequenzen besonders drastisch, weil es gleich eine ganze Familie betrifft und nicht nur die Chancen einer einzelnen Frau.

Lehr:
Von einem Mann als Familienernährer erwartet die Gesellschaft nicht unbedingt, dass er sich gleichzeitig um die alten Eltern sorgt, für die Kinder oder Enkelkinder da ist.

Kramp-Karrenbauer:
Obwohl sich auch hier schon erfreulicherweise einiges
verändert hat. Mein erster Telearbeitsplatz, den ich Anfang 2000 als Innenministerin des Saarlandes genehmigt habe, das war für einen männlichen Kollegen, der sich um seine zu pflegenden Eltern kümmern wollte. Damals gab es intern einige Diskussionen – heute ist das selbstverständlich.

Schröder:
Ich würde gern auch einmal über die Binnensituation in den Familien sprechen, weil die Familienernährerinnen neben der Kinderbetreuung auch in einem bemerkenswerten Maß sich weiterhin um den Haushalt kümmern müssen. Das ist auch zwischen den Partnern nicht unproblematisch.


Kramp-Karrenbauer: Für viele Männer ist es nach wie vor ein Problem, wenn sie die Rolle verlassen müssen, die ihnen traditionell zugewiesen wird. Das verlangt sehr selbstbewusste Männer.

Schröder:
Das verlangt nach selbstbewussten, partnerschaftlichen Ehen, wo nicht alles gegeneinander aufgerechnet wird.

Lehr:
Frauen als Familienernährerinnen sind sicher auch eine Herausforderung für ihre Männer. Gerade wenn sie in verantwortlicher Position arbeiten und dann weniger zu Hause sind. Sie können dann nicht regelmäßig das Essen kochen oder die Wäsche machen. Das verlangt große Selbstständigkeit bei den Männern.

Kramp-Karrenbauer:
Haushaltsnahe Dienstleistungen helfen auch ein Stück weit, den Haushalt zu entmystifizieren. Wenn man sich TV-Serien anschaut, die in den Fünfziger- oder Sechzigerjahren spielen, und beobachtet, welche Prioritäten damals galten – die Wäsche musste glatt gebügelt sein und alles war überall sauber und rein –, merkt man, was sich heute in praktischen Dingen verändert hat. Unabhängig davon, dass vieles durch Technik heute einfacher geht. Wenn Mann und Frau heute – bevor sie Kinder bekommen – berufstätig sind, haben sie auch die Chance, dass sie sich partnerschaftlich auf eine Teilung der Aufgaben im Haushalt einigen. Die Kunst liegt darin, dies beizubehalten, wenn die Familie größer wird. Oder man investiert in fremde Unterstützungsleistungen.

Lehr:
Die Familienernährerinnen, deren Mann arbeitslos ist, werden nicht sagen, wir leisten uns noch eine Putzhilfe.

Kramp-Karrenbauer:
Es geht um eine Erweiterung von Lebens- und Wahlmöglichkeiten. Wer über Männer und ihre Rolle redet, redet auch ein Stück weit über die eigene Erziehungsleistung. Mein ältester Sohn ist 24 Jahre alt. Wie und wann er sich heute im Haushalt beteiligt, das hat auch etwas mit mir zu tun.

Schröder:
In der ganzen gleichstellungspolitischen Debatte geht es mir zu selten mit positivem Unterton um die Männer. Wo sind die fröhlich stimmenden neuen Rollenbilder für Männer? Die Ansagen „Du musst“ reichen nicht. Ein erster Wandel zeigte sich bei den Vätermonaten und in der Berichterstattung darüber. Sollten hier nicht auch die Männer selbst häufiger aktiv werden?

Lehr:
Wenn wir uns abschließend fragen, was sollte aktuell die Politik in Angriff nehmen, um besonders die Situation von Familienernährerinnen im unteren gesellschaftlichen Drittel zu verbessern, denke ich zuerst an berufsbegleitende Qualifizierungen und Weiterbildungen für Frauen sowie Flexibilität im Arbeitsleben.

Kramp-Karrenbauer:
Wie bereits gesagt, ich würde zuerst an die Minijobs herangehen, weil hier falsche Anreize und Akzente gesetzt werden.

Schröder:
Maßnahmen zur Zeitsouveränität stehen für mich an erster Stelle. Hier geht mehr als momentan umgesetzt wird. Die kulturellen oder mentalen Hürden, die uns daran hindern, müssen wir einreißen!





Das Gespräch zwischen Bundesfamilienministerin Kristina Schröder, der saarländischen Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer und Altersforscherin Ursula Lehr, von 1988 bis 1991 ebenfalls Bundesfamilienministerin, ist ein Vorabdruck aus dem Buch „Mama zahlt“, das am 14.Januar im Herder Verlag erscheint. Es wird hier in leicht gekürzter Form
wiedergegeben.


Erschienen in:
Ausgabe 02/2013
Redakteur:
Alexa Hennig von Lange (Schriftstellerin und Radiomoderatorin)
Thema:
Großaufnahme
Stichworte:
Kultur, Familie, Innenpolitik, Ethik