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Homosexualität

Wenn es aber Liebe ist

Aus: Christ & Welt Ausgabe 09/2013

Gerade hat das Bundesverfassungsgericht die Rechte homosexueller Paare gestärkt. Warum tut sich die katholische Kirche so schwer, Zuneigung und Treue zwischen gleichgeschlechtlichen Partnern zu akzeptieren? Andreas Püttmann plädiert dafür, die Wirklichkeit endlich zur Kenntnis zu nehmen

Foto: Can Stock Photo

Die Ehe, zumal die christliche, hat mit weitaus gravierenderen Problemen als homosexueller Konkurrenz zu kämpfen: mit Bindungsscheu und drastisch zurückgehenden kirchlichen Eheschließungen, mit hohen Scheidungsraten, massenhaft nicht- und außerehelich ausgelebter Heterosexualität, Promiskuität und Prostitution. Doch nichts davon erregt die christlich-konservativen Gemüter so sehr wie die Herausforderung durch „Homos“ und „Homo-Lobby“. Statt die real vorherrschenden Probleme zu bearbeiten, schwelgt man in sexueller Ordnungstheorie.

Der Streit um die Rechte gleichgeschlechtlicher Partnerschaften spaltet Kirchen und C-Politiker in zwei unversöhnliche Lager. Bei einer Allensbach-Umfrage 2009 zeigte sich nur jeder sechste Katholik zufrieden beim Thema „Umgang mit Homosexuellen in der Kirche“; der Anteil der Unzufriedenen stieg seit 2002 von 60 auf 68 Prozent. Bei einer Umfrage des Pew Research Center 2011 votierten 87 Prozent der Deutschen dafür, Homosexualität als Lebensform gesellschaftlich zu akzeptieren. Sogar „dass gleichgeschlechtliche Ehen gesetzlich anerkannt werden sollten“, meinten 2008 bei einer Infratest-Umfrage 54 Prozent, 21 Prozent wollten dies „überhaupt nicht“, 10 Prozent „eher nicht“. Forsa ermittelte 2012 eine Zustimmung von 75 Prozent für die Ausweitung des Ehegattensplittings auf homosexuelle Paare; selbst 66 Prozent der CDU/CSU-Anhänger waren dafür.

Vor einer „Aushöhlung der Ehe“ warnte Norbert Geis von der CSU. Doch dieses Schreckbild verfängt kaum angesichts von 27000 „eingetragenen Partnerschaften“ und insgesamt 67000 gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften. Sollte nicht gerade, wer die natürliche Anziehung von Mann und Frau in Gottes Schöpferwillen verankert sieht, mehr Vertrauen haben, dass dies auch ohne kulturelle Stützungsklimmzüge immer so sein wird?

Die „Focus“-Umfrage 2011: „Finden Sie gleichgeschlechtliche Erotik verlockend?“ bejahten sieben Prozent der Männer und vier Prozent der Frauen. Eine 2008 im „Neon“-Magazin publizierte Umfrage unter 20- bis 35-jährigen Deutschen ergab, dass sich fünf Prozent als „homosexuell“ (davon zwei Prozent „mit Hetero-Erfahrung“), drei Prozent als „bisexuell“ und sieben Prozent als „heterosexuell mit Homo-Erfahrung“ einstuften. Müsste man offenbar unterschiedlich motivierte homosexuelle Handlungen – von konstitutionell alternativlos über optional changierend bis launenhaft experimentell – nicht auch ethisch differenzierter beurteilen? Um welche Art Gleichgeschlechtlichkeit geht es in den einschlägigen Bibelstellen?

Dass Kirchen jede Art Homosexualität als „objektiv ungeordnet“ (römischer Weltkatechismus) betrachten, entbindet den sozialen Rechtsstaat nicht von der Aufgabe, eine freiheitliche und gerechte Rahmenordnung für die Lebensbünde seiner Bürger zu finden. Dabei hat er prinzipiell Gleiches gleich und Ungleiches ungleich zu behandeln und darf Art und Umfang seines Schutzes entsprechend abstufen.

Wie steht es also um Gleichheit und Ungleichheit zwischen Ehe und homosexueller Lebenspartnerschaft? Eine Antwort könnte von den „Ehezwecken“ in kirchlicher Lehrtradition ausgehen, die auch in staatlicher Logik relevante Kriterien sind: der gegenseitigen liebevollen Unterstützung („mutuum adiutorium“), der Zeugung und Erziehung von Nachkommenschaft („procreatio atque educatio prolis“), dem Mittel zur Eindämmung ungezügelten sexuellen Begehrens („remedium concupiscentiae“).

Offensichtlich gibt es eine fundamentale Ungleichheit: In der Ehe von Mann und Frau werden in der Regel Kinder gezeugt, was einer Partnerschaft zweier Männer oder Frauen von Natur aus nie möglich sein wird. Darüber können auch biologische Manipulationen nicht hinwegtäuschen. Eine Ausweitung des Ehegattensplittings, das besonders dort seinen Sinn entfaltet, wo es Paaren hilft, um der Kinder willen auf die Erwerbstätigkeit eines Partners ganz oder teilweise zu verzichten, ist insofern nicht geboten.

Auch keine Fremdkindadoption durch homosexuelle Paare, wenn man dem Kindeswohl Vorrang vor der Selbstverwirklichung der Erwachsenen einräumt. Ist es nicht schizophren, für eine gute Entwicklung von Heim-, Kindergarten- und Schulkindern Erzieherpersonal verschiedenen Geschlechts zu fordern, bei den engsten Bezugspersonen aber eine maskuline oder feminine Monokultur als problemlos zu propagieren? Darf man Hänselei auf Schulhöfen einfach in Kauf nehmen?

Andererseits gibt es durchaus Gleichheit zwischen hetero- und homosexuellen Paaren: die gegenseitige liebevolle Unterstützung, das Eintreten füreinander. Kritiker wenden gern ein, dies träfe auch auf sonstige Lebensgemeinschaften zu, etwa zusammenlebende ledige Geschwister. Selbst eine Parallele zu „Fahrgemeinschaften“, die ja auch „füreinander Verantwortung“ übernähmen, wurde schon gezogen. Der anthropologischen Kompetenz des Christentums ist ein so kurzschlüssiges Argument unwürdig. Dem Satz der Genesis: „Als Mann und Frau schuf er sie“ geht logisch der fundamentalere Satz voraus: „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei.“

Die Sehnsucht nach dem Du, nicht nur nach irgendeiner Gemeinschaft, sondern nach einem Leben in der liebevollen gegenseitigen Zusage: „Du, nur du und du für immer“, ist dem Menschen – vom raren Typus des Solitärs abgesehen – ins Herz gelegt. Wo man „Vater und Mutter verlässt“, um einem exklusiv und dauerhaft geliebten Partner ganz „anzuhangen“, wie es im Alten wie im Neuen Testament heißt, wird die Qualität jeder Wohn-, Fahr- und sonstigen Zweckgemeinschaft so evident übertroffen, dass eine Parallelisierung derartiger Gemeinschaften mit einem Liebespaar abwegig erscheint. So kann eigentlich nur reden, wer noch nie mit einem gleichgeschlechtlichen Paar gesprochen und seinen Umgang miteinander beobachtet hat.

Ein deutscher Bischof sagte denn auch schon, etwas ratlos klingend: „Wenn ich Herrn X und seinem Partner Y begegne: Soll ich dann etwa sagen: ‚Sie lieben sich nicht.‘?“ Wenn meine Ideen mit der Wirklichkeit kollidieren – Pech für die Wirklichkeit? Man kann über Bewertungen trefflich streiten, aber wer Tatbestände ignoriert, wird auch mit seinen Bewertungen nicht mehr ernst genommen.

Gewiss, der Bibelpassus von der „Auswanderung“ aus der Stammfamilie zur Verbindung mit dem geliebten Partner spricht nur von Mann und Frau und sagt: „Sie werden ein Fleisch.“ Auf den ersten Blick sind wir damit wieder bei der Ungleichheit und evidenten biologischen Komplementarität. Das seelische Geschehen jedoch unterscheidet sich offenkundig nicht von der Anziehung, die zwei homosexuelle Personen füreinander empfinden können: Ist da nicht die gleiche Sehnsucht nach dem anderen, das gleiche Herzklopfen vor dem ersten Geständnis der Zuneigung, die gleiche Freude auf das erwartete Wiedersehen, die gleiche Sorge um das Wohlergehen des anderen, der gleiche Schmerz bei der Trennung?

Neben dem naturgegebenen Unterschied zwischen hetero- und homosexueller Beziehung gibt es also übereinstimmende Wesenselemente, die man, da aus der Mitte der Person her kommend, als erheblich betrachten wird, sofern man nicht einem reinen Biologismus folgt.

Gleichgeschlechtliche Liebe als Liebe zu bestreiten wäre ignorant, sie mit begrenzten Nutzgemeinschaften zu vergleichen herabwürdigend. Dass eine Kirche hier, um den angemessenen Respekt zu lernen, bei der säkularen Gesellschaft in die Schule gehen muss, nachdem sie angesichts der Nöte, Ängste, Einsamkeit und Verzweiflung Betroffener und ihrer Familien viel zu lange humanitär versagt hat, darf einem als Christ, der seine Kirche liebt, ähnlich peinlich sein wie der einstige päpstliche Widerstand gegen die Menschenrechte.

Zum „Fremdschämen“ über katholische Intonationen des Themas (auch über evangelische ließe sich reden) gibt nicht der Weltkatechismus Anlass, der gegenüber der „nicht geringen Anzahl“ von Betroffenen „Achtung, Mitleid und Takt“ fordert. Weit anstößiger als diese Diktion sind Auftritte laienhaft sprücheklopfender „Eheschützer“, die suggerieren, die größte Bedrohung der Ehe gehe von Homosexuellen aus und es gäbe bei der sexuellen Identität Wahlfreiheit, wobei sich Homosexuelle für den „Irrtum“ entschieden hätten.

In naiver Berufung auf Face-to-face- oder Telefonumfragen, die natürlich nur einen Sockelprozentsatz selbstbewusster Homosexueller ermitteln können, rechnet man die Betroffenen – gegen den Katechismus – zur Quantité négligeable von „ein bis zwei Prozent“ herunter. Übrigens überraschend für Katholiken, die sonst immer auf „Wahrheit statt Mehrheit“ pochen, hier aber numerische Aspekte gegen das Schutzbedürfnis von Grundrechtsträgern in Stellung bringen.

Die Logik des Rechtsstaates ist eine andere, und die der christlichen Ethik, die die gleiche Würde und Freiheit jeder einzelnen menschlichen Person ins Zentrum stellt, auch. Wer homosexuellen Diskussionspartnern dann noch via ARD öffentlich wünscht, sie möchten doch die Freuden des „richtigen“ Geschlechtsverkehrs, mit dem sie ja vielleicht „falsche Erfahrungen“ gemacht hätten, noch entdecken, um ihre Sexualität „verantwortlich einzusetzen“, der mag Huldigungen in einem sektiererisch selbstreferentiellen Milieu erheischen, doch zu mehr Nachdenklichkeit, Differenzierung und Respekt in der Debatte tragen solche Äußerungen nichts bei.

Ohne die Tugenden der Einfühlung und der Barmherzigkeit, der Klugheit und der Mäßigung kann die Debatte nicht sachgemäß und nicht christlich geführt werden. Auf die mittlerweile überdrehende Politik der „Antidiskriminierung“, die selbst bereits Intoleranz gebiert, sollten Christen nicht mit einer Radikalisierung des eigenen Diskurses reagieren. Angesichts der Niederlagen der Christlich-Konservativen bei den Themen Verhütung, Scheidung, Abtreibung, Sexualkunde und Pornografie hatten sie sich wenigstens bei diesem Thema mit dem „gesunden Volksempfinden“ der Mehrheit bündnisfähig gefühlt und sehen sich nun ausgerechnet hier am heftigsten angefeindet.

Das kann durchaus „homophobes“ Ressentiment verstärken oder auslösen – für das es allerdings bei Kirchgängern nur in der älteren Generation demoskopische Anhaltspunkte gibt. In einer Allensbach-Umfrage 2008 zeigten sich unter 50-jährige Kirchennahe toleranter gegenüber homosexuellen Nachbarn als kirchenferne Befragte. Das ist bemerkenswert, denn in anderen Fragen erweist sich das unterscheidend christliche Profil regelmäßig als altersunabhängig. Hier aber erscheint die Generationszugehörigkeit einflussreicher als die Kirchennähe.

Wer das naturrechtlich fundierte Leitbild der Ehe von Mann und Frau überzeugend gegen eine überzogene Gleichstellungspolitik verteidigen will, muss dies mit wirklichkeitsgerechten und differenzierten Argumenten tun. Durch Kenntnisnahmeverweigerung zur Vermeidung kognitiver Dissonanz, herabsetzende Vergleiche und anmaßende Ratschläge der Gesinnungshelden ihres rechten Milieurands droht die Kirche um ihren Restkredit als moralische Instanz gebracht zu werden.

Drei Kardinäle des deutschen Sprachraums haben dagegen einen adäquateren Ton angeschlagen, ohne die tradierten Normen aufzugeben: Kardinal Schönborn sagte 2010 in Wien: „Beim Thema Homosexualität etwa sollten wir stärker die Qualität einer Beziehung sehen. Und über diese Qualität auch wertschätzend sprechen. Eine stabile Beziehung ist sicher besser, als wenn jemand seine Promiskuität einfach auslebt.“

2012 bestätigte er einen in homosexueller Partnerschaft lebenden Pfarrgemeinderat im Amt und erklärte sich „von seiner gläubigen Haltung, seiner Bescheidenheit und seiner gelebten Dienstbereitschaft sehr beeindruckt“. Kardinal Woelki anerkannte beim Mannheimer Katholikentag eine „Ähnlichkeit“ mit heterosexuellen Beziehungen, wo „zwei Homosexuelle Verantwortung füreinander übernehmen, wenn sie dauerhaft und treu miteinander umgehen“

Kardinal Meisner schloss im Jahr 2010 seine Antwort auf den offenen Brief eines Betroffenen mit dem Vorschlag: „Auch wenn ein Homosexueller die kirchliche Sicht nicht uneingeschränkt übernehmen will, können beide Seiten gemeinsame Ziele entdecken und sich zum Beispiel energisch dafür einsetzen, dass Homosexuelle nicht diskriminiert werden, dass abfällige Äußerungen über Homosexuelle aus unserer Alltagssprache verschwinden und dass Stammtischgeschwätz seiner Plattheit überführt wird. Ich denke, das wären lohnende Ziele.“

Behutsame Akzentverschiebungen, die von den Simplifizierungen talkshowkompatibler Paradekatholiken nicht übertönt werden sollten.

Erschienen in:
Ausgabe 09/2013
Redakteur:
Andreas Püttmann (Freier Autor)
Thema:
Großaufnahme
Stichworte:
Katholisch, Sexualität, Lebensstil