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Entweltlichung 1

Mehr singen, weniger brauen?

Aus: Christ & Welt Ausgabe 49/2011

Anselm Bilgri war Mönch und ist heute Unternehmensberater. Und findet, dass die Kirche mehr von der Wirtschaft lernen sollte.

Kardinal Meisner sehe das richtig mit der Entweltlichung, meint Anselm Bilgri. Der Kölner Erzbischof hatte die Trennung der katholischen Kirche vom Weltbild Verlag verlangt: Die Bischöfe könnten nicht damit Geld verdienen, wogegen sie predigten. „Das stimmt schon“, sagt Bilgri, der in Andechs am Ammersee Mönch war und heute als Redner, Berater und Coach tätig ist, mit breitem, bayerisch gefärbtem Telefonhochdeutsch, „aber die Kirche predigt auch den lieben Gott und ist eher unbarmherzig.“ Zum Beispiel bei den wiederverheirateten Geschiedenen. Denen verwehre sie die Eucharistie. Sie wird also, sagt der frühere Mönch, nicht nur bei Weltbild unglaubwürdig: „Ein bisschen Umsatz mit Erotikbüchern ist nicht ihr größtes Problem.“

Die katholische Kirche, meint er, stehe sich selbst im Weg: „Sie befasst sich zu viel mit ihrer Struktur und mit ihren Problemen und auch mit der Bewahrung ihrer Privilegien. Sie ist immer noch staatsnah. Das kommt aus der Vormoderne. Da waren Bischöfe Fürsten. Das merkt man mitunter noch heute an ihrer Hofhaltung. Da würde eine gewisse Entweltlichung guttun.“ Er wünscht sich eine Kirche, „die den Menschen zugewandt ist und ihnen zuhört. Das muss sie aber auch leben. Wenn die Kirche zu hören vorgibt, aber sich nichts ändert, wirkt sie nicht gerade glaubwürdig.“

Bilgri spielt auf den Dialogprozess an, der zwischen Laien und Bischöfen stattfindet, bei dem etwas geschehen soll, aber nichts passieren darf. Bilgri erinnert an Papst Johannes XXIII., den Initiator des Zweiten Vatikanischen Konzils. „Der wollte ein Aggiornamento, eine Kirche von heute, er wollte die Fenster öffnen, damit der Heilige Geist hineinkommt. Entweltlichung klingt auch ein bisschen wie: wieder alles zumachen.“

Die katholische Kirche kann von der Wirtschaft lernen, sagt er: „Man muss sich einsetzen, man muss effizient handeln und man muss sein Vorgehen transparent machen.“ Und, fügt er an, die Bischöfe sollten Führungskompetenz gewinnen. Es wird kaum Wert auf die Fähigkeit gelegt, Kirche leiten zu können. Er würde gerne einen Bischof coachen, „sehr gerne. Das sind ja alles hochintelligente Leute, aber kaum ein Kirchenmann hat zum Beispiel mal ein mittelständisches Unternehmen geführt.“

Er selber bringt diese Erfahrung mit. Da liegt auch der Grund, warum Entweltlichung mit seinem Leben zu tun hat. Anselm Bilgri, zum Priester geweiht von Joseph Kardinal Ratzinger, verließ das Benediktinerkloster am Wallfahrtsort Andechs 2004 im Streit. Er hat es wirtschaftlich saniert. Nie war so viel Andechser Bier verkauft worden wie unter seiner Leitung. Er hatte eine Führungsakademie aufgebaut, ein Musikfestival und auch spirituelle Angebote. Bilgri war Andechs, und Andechs war Bilgri.

Das ist gefährlich in einer Gemeinschaft. 2003 wurde nicht er Nachfolger von Abt Odilo Lechner, sondern der jüngere Johannes Eckert. Der wollte weniger brauen und mehr beten. Bilgri nahm ein Sabbatjahr und dann seinen Abschied. Nach vier Jahren als Gesellschafter eines Beratungsunternehmens arbeitet er heute als Freiberufler; unter anderem lehrt er an der Hochschule München, der zweitgrößten in Deutschland für angewandte Wissenschaften. „Natürlich kann man meine Biografie als Verweltlichung lesen“, sagt er. „Ich bin ein säkularisierter, ein in die Welt zurückgekehrter Mönch. Aber ich habe nicht das Gefühl, ich hätte meine spirituellen Wurzeln abgeschnitten. Es ist die Aufgabe der Kirche, mit ihrer Botschaft in der Welt zu leben. Ich versuche, Werte des Evangeliums in weltlicher Umgebung zu vertreten.“ Für manchen gilt er als gescheitert. Für ihn ist damit nicht alles gesagt: „Viele aus meiner neuen Umgebung schätzen es, dass ich auch diese Erfahrung mit ihnen teile.“

Erschienen in:
Ausgabe 49/2011
Redakteur:
Alexa Hennig von Lange (Schriftstellerin und Radiomoderatorin)
Thema:
Großaufnahme
Stichworte:
Katholisch, Wirtschaft