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Papstnachfolge

Weißer Rauch und schmutzige Gerüchte

Aus: Christ & Welt Ausgabe 09/2013

Wenn sich die Kardinäle im März in Rom zur Papstwahl treffen, sind viele Machtkämpfe schon entschieden. Der amerikanische Vatikankenner John Allen erklärt, worauf es beim Konklave wirklich ankommt

Foto: Harald Oppitz KNA

Die brennendste Frage ist, was Papst Benedikts Rücktritt für die Politik der neuen Papstwahl bedeutet. Auf den ersten Blick erschien es wahrscheinlich, dass die Kardinäle kaum für eine Veränderung stimmen würden, während der alte Papst beim Konklave noch am Leben ist. Sie würden nur zögerlich etwas tun, was als respektlos empfunden werden könnte gegenüber dem alten Papst, so die Überlegung.

1. Wird das Konklave politisch für eine Öffnung stehen?
Da sich die Aufregung jetzt jedoch gelegt hat, macht sich eine andere Denkweise breit. Die gängige Meinung ist nun, dass aus mindestens drei Gründen Benedikts Rücktritt die Voraussetzung für ein Konklave schafft, das eher geneigt ist, die Kirche in eine andere Richtung zu führen: Erstens und ganz grundsätzlich kommt Benedikts Entscheidung einer dramatischen Abkehr vom üblichen Tagesgeschäft gleich. Sie macht bewusst, dass selbst eine engstirnige Institution mit Hingabe an die Tradition zu Überraschungen fähig ist. In diesem Sinne mag Benedikts Beispiel manche Kardinäle dazu anregen, über den Tellerrand zu schauen, neue Schritte zu riskieren.

Zweitens: Der Rücktritt bedeutet in sich, dass die Kirche einen Neuanfang braucht. Indem der Papst sagte, dass es ihm an notwendiger Kraft fehle, um „die Fragen größter Relevanz für das Glaubensleben“ anzupacken, die sich unserer sich rasch verändernden Welt stellen, hat er praktisch signalisiert, dass eine neue Richtung nötig ist.

Drittens: Benedikts Entscheidung, das Ende seines Papsttums vom Ende seines Lebens zu trennen, bedeutet, dass der Vorlauf für das Konklave nicht von elegischer Anerkennung dominiert werden wird. Diese wird stets gezollt, wenn eine weltweit bedeutende Person stirbt und man dazu neigt, die Tugenden des Verstorbenen zu übertreiben und die Fehler herunterzuspielen. Dies wird ein Konklave, das frei sein wird vom „Beerdigungseffekt“, der im April 2005 nach dem Tod von Johannes Paul II. eine so große Rolle spielte.

Bekannterweise ist der Begriff „Konklave“ lateinischen Ursprungs und bedeutet „mit einem Schlüssel“. Dies bezieht sich auf die Tatsache, dass die Türen verschlossen werden und die Wahl beginnt, sobald sich die Kardinäle in die Sixtinische Kapelle begeben haben und der päpstliche Zeremonienmeister die Worte „Extra omnes“ ausgesprochen hat, was „alle hinaus“ bedeutet. Vor ihrem geistigen Auge stellen die Menschen sich oft eine hochpolitische Atmosphäre hinter diesen verschlossenen Türen vor, mit Fraktionen von Kardinälen, die hastig flüsternd in den Ecken für oder gegen einen Kandidaten werben.

Ich selbst hatte dieses Bild vor einiger Zeit auch und malte mir aus, wie sinnbildlich auf Zigarren gekaut und Kuhhandel getrieben wurde. Dann interviewte ich 2002 Franz Kardinal König in Wien, zwei Jahre vor seinem Tod. Er hatte am Konklave von 1963 und den beiden Konklaven von 1978 teilgenommen. Ich fragte ihn nach der „Spannung“, die nach meiner Vorstellung in der Sixtinischen Kapelle spürbar sein müsse. „Wenn Sie sehen könnten, was drinnen passiert, würden Sie sich zu Tode langweilen“, lachte König.

In Wirklichkeit ist ein Konklave eher mit einem Gottesdienst als einem Parteitag vergleichbar. Bei jedem Wahlgang muss jeder der wahlberechtigten Kardinäle (diesmal sind es 117) zum Altar unter Michelangelos Fresko des Jüngsten Gerichts gehen, seinen Wahlzettel auf eine Patene legen und dann in einen Kelch werfen (beim letzten Mal allerdings nutzte der Vatikan eine eigens hergestellte Urne). Die Kardinäle geloben, dass sie den Kandidaten gewählt haben, von dem sie glauben, dass er von Gott auserkoren wurde, dann kehren sie zu ihren Sitzplätzen zurück.

Das ist die Realität in der Sixtinischen Kapelle: Es gibt lange Zeitspannen zum Schweigen und Beten, keine Fluransprachen, keine dramatischen Momente, wenn ein Königsmacher auftaucht und seine Stimme einem anderen Kandidaten zusichert, keine Zugeständnisse und keine Ehrenrunden. William Kardinal Keeler aus Baltimore erklärte in einem Interview nach der Wahl Benedikts XVI., was manche Kardinäle tun, um die Wartezeit zu füllen: „Ein Kardinal sagte mir, dass er, während die Stimmen ausgezählt wurden, drei Rosenkränze aufgesagt habe.“ Ein anderer fügte hinzu, er habe zwei aufgesagt, und ein Dritter sagte, er habe seinen mit mehr Frömmigkeit gebetet, deshalb sei es nur einer gewesen.
Demzufolge entfaltet sich das politische Handeln nicht innerhalb des Konklaves. Es beginnt davor – und zwar in diesem Augenblick. Vier Austragungsorte sind besonders ausschlaggebend.


2. Was passiert in der Generalkongregation?
Einer der wichtigsten Orte, um Freunde zu gewinnen und Menschen zu beeinflussen, sind die Treffen der Generalkongregation, an denen alle Kardinäle teilnehmen, auch die nicht Wahlberechtigten über 80. Beim letzten Mal wurden 13 Treffen der Generalkongregation vor dem Konklave abgehalten, sie fanden in der Synodenhalle des Vatikans statt. Hier sind offene Diskussionen über die Themen möglich, mit denen sich die Kirche konfrontiert sieht.

Manche Kardinäle murrten 2005 nach den Treffen, dass die Atmosphäre zu sehr einer Bischofssynode gleiche, mit langatmigen Reden und wenig Raum für echte Mitwirkung. Einige erwähnten, es sei vor allem schwierig gewesen, die über 80-Jährigen, von denen 50 bis 60 im Raum waren, zum Einhalten der Sieben-Minuten-Regel zu bringen. Dennoch bestätigten die meisten Teilnehmer, dass die Art und Weise, wie der damalige Kardinal Joseph Ratzinger in seiner Rolle als Dekan des Kardinalskollegiums diese Sitzungen leitete, seinen Weg für die Papstwahl vorgezeichnet habe. Ratzinger, sagten die Kardinäle später, kannte alle, sprach zu ihnen in ihrer eigenen Sprache und respektierte ihre Meinungen. Allgemein festigten seine Auftritte den Eindruck vieler Kardinäle, dass seine mediale Darstellung als „Gottes Rottweiler“ mehr auf Mythen als auf der Realität beruhte.

Diesmal ist der italienische Kardinal Angelo Sodano der Dekan. Er ist schon über 80 Jahre und wird nicht im Konklave sein, sodass die Generalkongregation die Gelegenheit bietet, dass ihm ein anderer die Schau stiehlt. Wenn man die Kardinäle über eine besonders eindrucksvolle Rede oder einen besonders geeigneten Kandidaten sprechen hört, ist das richtungweisend.

3. Welche Rolle spielen die Medien?

2005 einigten sich die Kardinäle bei einem der Generalkongregationstreffen darauf, vom 8.April, dem Tag der Beerdigungsmesse von Johannes Paul II., bis zum 18. April, dem Eröffnungstag des Konklaves, nicht mit den Medien zu sprechen. Es wurde damals berichtet, eine offizielle Sperre sei verhängt worden, aber der Vatikan betonte, es sei „eine Aufforderung, kein Verbot“ gewesen. Es ist noch unklar, ob es diesmal eine ähnliche Vereinbarung geben wird. Bis jetzt ist sie jedenfalls noch nicht in Kraft getreten.

Manchmal wird Vatikanpolitik unangenehm. Im April 2005 hörte man von verschiedenen Versuchen, Kandidaten zu sabotieren: Die italienischen Medien verbreiteten Gerüchte, Kardinal Angelo Scola von Venedig werde wegen Depressionen behandelt. Sie unterstellten ihm psychologische Instabilität, die ihn für das höchste Amt der Kirche untauglich machen könnte. Es gab Berichte, Kardinal Ivan Dias von Mumbai leide an Diabetes, ein Zeichen von schlechter Gesundheit. Zudem machte eine E-Mail-Kampagne die Runde, die angeblich von Mitgliedern seiner eigenen Gruppe in Indien initiiert worden war und Beschwerden über seinen „unnahbaren, dickköpfigen und arroganten Stil“ enthielt.

Es kursierten Mutmaßungen über ein Buch in Argentinien, das behauptete, Jorge Mario Kardinal Bergoglio habe in den 1970er-Jahren der Militärjunta inakzeptabel nahe gestanden. Sogar an der Verfolgung zweier liberaler argentinischer Jesuiten solle er mitschuldig gewesen sein; etwas, was seine Verteidiger vehement bestritten. In einer anderen E-Mail-Kampagne, ausgehend von Mitbrüdern, die Bergoglio noch aus seiner Zeit als Provinzial des argentinischen Jesuitenordens kannten, hieß es: „Er hat nie gelächelt.“ Es erschienen zudem Berichte, wonach Ratzinger und Sodano, die beide als führende Kandidaten gehandelt wurden, sich bei schlechter Gesundheit befänden.

Niemand hatte die Zeit, all diese Gerüchte zurückzuverfolgen, und genau diese Verunsicherung war die eigentliche Absicht. Wer sie verbreitet, spekuliert darauf, dass es ausreicht, negative Aussagen in die Welt zu setzen, um bestimmte Kandidaturen zu behindern. Diese Hetzkampagnen entstanden fast immer außerhalb des Kardinalskollegiums. Allgemein herrscht ein sehr vornehmer und respektvoller Ton in den Diskussionen der Kardinäle untereinander. Bezüglich solcher Gerüchte gilt die Faustregel, dass man sie für falsch halten sollte, bis das Gegenteil bewiesen ist. Das ist nicht immer einfach in der Treibhausatmosphäre der Zeit vor dem Konklave. Die Spekulationen werden aus dem gleichen Grund in Umlauf gebracht, aus dem weltliche Politikberater offensive Angriffe starten. Ob es uns gefällt oder nicht: Manchmal funktionieren Negativkampagnen.


4. Wo wird’s diskret?
Um sich ihre Meinung zu bilden, verlassen sich die Kardinäle nicht allein auf die Presse und auf die Eindrücke, die sie während der Treffen der Generalkongregration erhalten. Informelle Gespräche finden am Rande statt, zwischen Kardinälen, die seit langer Zeit befreundet sind, die die gleiche Sprache sprechen oder eine ähnliche Vorstellung davon haben, in welche Richtung die Kirche gehen sollte.

Im Gegensatz zu vorherigen Konklaven fanden diese Sitzungen im Jahr 2005 fast ausschließlich an diskreten Orten statt, wie zum Beispiel in den Privatwohnungen von Kurienmitgliedern, bei den Nationalkollegien, wo viele Kardinäle wohnten, ehe sie in die Casa Santa Marta auf vatikanischem Boden umzogen, und in den Aufenthaltsräumen von verschiedenen kirchlichen Einrichtungen in der ganzen Stadt. Teilweise um die Öffentlichkeit zu meiden, blieben die Kardinäle ihren bevorzugten römischen Restaurants fern. Im Anfangsstadium fanden die wichtigsten Treffen meist in den jeweiligen Sprachgruppen statt. In solch einer Umgebung, fern von neugierigen Blicken, konnten die Kardinäle frei über verschiedene Kandidaten sprechen und ein Gefühl dafür entwickeln, was die anderen dachten. Ein Kardinal drückte es so aus: „Manche fühlten sich eher unwohl bei diesem freien Gesprächscharakter, aber genau das muss man tun, wenn man etwas erreichen will."

5. Dusche oder Bad?
Früher schliefen die Kardinäle während des Konklaves tatsächlich im Apostolischen Palast des Vatikans, um sie von der Außenwelt zu isolieren, manchmal auf Feldbetten an Orten, die normalerweise als Büros oder Lagerräume genutzt wurden. Das war nicht immer angenehm: Kardinal König beschrieb die unwürdige Situation älterer Männer, die sich im Dunkeln ihren Weg durch unübersichtliche Flure zum Badezimmer suchen mussten – manchmal habe man sogar ihr Ächzen widerhallen hören können.

Johannes Paul II. änderte dies, indem er verordnete, dass die Kardinäle stattdessen in der Casa Santa Marta wohnen sollten, dem 20-Millionen-Dollar-Hotel auf vatikanischem Boden, in dem gewöhnlich Besucher des Heiligen Stuhls untergebracht werden. Die Einrichtung hat 108 Gästesuiten mit einem Aufenthaltsraum und einem Schlafzimmer und 23 Einzelzimmer mit eigenem Bad. Beim letzten Mal gingen einige Kardinäle den Weg von der Casa Santa Marta zur Sixtinischen Kapelle zu Fuß, während andere die für sie bereitgestellten Kleinbusse nutzten.





John L. Allen Jr. ist langjähriger Vatikankorrespondent der führenden amerikanischen Zeitschrift „National Catholic  Reporter“ (NCR). Von ihm erschien zuletzt in Deutschland: „Das neue Gesicht der Kirche. Die Zukunft des Katholizismus“ (Gütersloher Verlagshaus).  Übersetzung: Hanna Lütke Lanfer.

Erschienen in:
Ausgabe 09/2013
Redakteur:
John L. Allen ()
Thema:
Glaube
Stichworte:
Katholisch, Kirchen, Außenpolitik, Medien, Papst