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Umfrage

Was wollen die Schäfchen?

Aus: Christ & Welt Ausgabe 52/2011

An Weihnachten werden die Gottesdienste wieder gut besucht sein. Eine neue Umfrage, die Christ & Welt vorab veröffentlicht, zeigt jedoch: Rund fünfeinhalb Millionen Kirchenmitglieder tragen sich mit dem Gedanken an einen Austritt. Deutschland ist Missionsland geworden.

© Oliver Fabel/ www.corpus-delicti.de

Die Fakten liegen auf dem Tisch: Die beiden großen christlichen Kirchen verlieren seit Jahrzehnten Mitglieder. Allein seit der deutschen Wiedervereinigung 1990 haben die evangelischen Kirchen 17 Prozent ihrer Mitglieder verloren, in der römisch-katholischen Kirche waren es elf Prozent (Stand 2008). Der Anteil von Menschen sonstiger oder keiner Religionszugehörigkeit ist kräftig gewachsen, vor allem durch die deutsche Einheit. In den neuen Bundesländern gehörten zwischen 65 und 80 Prozent keiner Konfession an. Von 1990, dem letzten Jahr, in dem nur Westdeutsche gezählt wurden, bis 2008 stieg ihr Anteil in der Bevölkerungsstatistik um 46 Prozent. Entsprechend den von der Deutschen Bischofskonferenz herausgegebenen „Zahlen und Fakten 2010/11“ sowie einer EKD-Erhebung von 2009 ergibt sich aktuell folgende Konfessionsverteilung:

Römisch-katholisch: 30,2 Prozent

Evangelisch: 29,9 Prozent

Andere/keine Konfession: 39,9 Prozent

 
Eine gerade abgeschlossene Repräsentativuntersuchung von Sinus (Oktober 2011), zeigt, dass die Kirchen weiter schrumpfen werden. Entschlossen, aus ihrer Kirche beziehungsweise Religionsgemeinschaft auszutreten, sind demnach 2,4 Prozent der befragten Kirchenmitglieder ab 14 Jahren, also rund eine Million Menschen. Der Anteil liegt bei den evangelischen Christen mit 3,2 Prozent doppelt so hoch wie bei Katholiken mit 1,6 Prozent. Nimmt man diejenigen dazu, die über einen Austritt nachdenken, aber noch unentschlossen sind – auch hier ist der Anteil bei Evangelischen (12,1 Prozent) höher als bei Katholiken (9,9 Prozent) –, ergibt sich ein Schwundpotenzial von mehr als fünfeinhalb Millionen der beiden großen Kirchen.

Die Entkonfessionalisierung im Sinne wachsender Distanz zur Amtskirche wird also weitergehen. Deutschland ist für die christlichen Kirchen zu einem Missionsland geworden. Schuld daran ist nicht nur der säkulare Zeitgeist, sondern auch der demografische Wandel, der die überalterten kirchennahen Milieus im traditionellen Segment der Gesellschaft besonders hart trifft. Gleichzeitig zeigen die jungen Milieus, aber auch die kosmopolitisch gesinnten Leitmilieus eine überdurchschnittliche Austrittsbereitschaft.

Wenn wir die Perspektive wechseln, ist das Glas aber immer noch mehr als halb voll. Deutlich mehr als die Hälfte der Deutschen ist Mitglied in einer der beiden großen christlichen Kirchen – die damit immer noch so etwas wie Volkskirchen sind. Die differenzielle Betrachtung der verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen ergibt, dass es in nahezu allen sozialen Milieus eine christliche Mehrheit gibt, mit Ausnahme des Segments der modernen Unterschicht.

Wie ist also die Situation von Religion und Kirchen in unserem Land tatsächlich? Im folgenden „Religions-Trichter“ versuchen wir anhand der Umfrageergebnisse den harten Kern der deutschen Christenheit im Jahr 2011 einzugrenzen:

Erschienen in:
Ausgabe 52/2011
Redakteur:
Bodo Flaig (Geschäftsführer des SINUS-Instituts)
Thema:
Großaufnahme
Stichworte:
Evangelisch, Katholisch, Atheismus, Spiritualität, Kirchen, Lebensstil