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Katholizismus

Was sagt die Kirche zum Sex?

Aus: Christ & Welt Ausgabe 50/2015

Liebe kann nicht Sünde sein, glauben die meisten Katholiken. Zusammenleben ohne Trauschein, zweite Ehe, homosexuelle Lebensgemeinschaften, das geht für sie in Ordnung. Der Passauer Bischof Stefan Oster nimmt das nicht hin. Wer Gott begegnet, liebt anders, sagt er. Sexualität gehöre in die Ehe. Stefan Vesper, Generalsekretär des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, wünscht sich dagegen Reformen. Ein Streitgespräch moderiert VON CHRISTIANE FLORIN

Foto: Daniel Fischer/STOCK4press

Im Mai kritisierte der Passauer Bischof Stefan Oster via Facebook eine Erklärung des Zentralkomitees der Katholiken (ZdK) zur Familiensynode. Wo, wenn nicht in Christ&Welt, sollten die beiden Positionen direkt aufeinandertreffen? Wir regten also ein Gespräch zwischen Stefan Oster und dem Generalsekretär des ZdK, Stefan Vesper, an. Beide sagen schnell zu, dann kommen andere Termine dazwischen. Schließlich gelingt das Treffen am 2. Dezember doch noch.

Die Diskutanten begrüßen sich im Passauer Bischofshaus mit freundlicher Distanz.
Für Stefan Oster ist es ein Heimspiel, Stefan Vesper ist Gast, das ZdK sitzt, wie die Redaktion von Christ&Welt, in Bonn. Zum Gespräch bittet der Bischof ins neue Fernsehstudio. Der Gottesmann ist Profi.

Oster war früher Journalist. Eine solche Berufung legt man mit der Priester- und Bischofsweihe nicht ab. Bevor die Aufnahmegeräte laufen, erzählen die beiden von klösterlichen Bieren und dem gemeinsamen Namenstag. Harmonisch-katholisch. Doch später wird schnell klar, wo die Harmonie endet: beim Reizthema Homosexualität und bei der Frage der Unauflöslichkeit der Ehe. Stefan Oster eilt der Ruf voraus, ein Hardliner zu sein, nett im Umgang, unnachgiebig in der Sache. Tatsächlich wirft Stefan Vesper an einer Stelle des Gesprächs das Wort »hartherzig« in die Debatte. Er sei nicht hart, er sei nur konsequent, gibt der Bischof immer wieder zu verstehen. Er argumentiert, er wirbt für die Lehre, er weist auf Widersprüche in der liberalen Position hin.

Als Stefan Oster über Homosexualität und Wissenschaft spricht, schrillen die Alarmglocken der Medienprofis im Raum. Wird er das später in der schriftlichen Fassung des Gesprächs so stehen lassen? Ist ihm klar, wie das, was er sagt, auf Schwule wirkt? Er autorisiert die Passage. 

Christ&Welt: Warum spricht die Kirche so viel über Sex und Jesus so wenig?

Stefan Oster: Wir werden so oft danach gefragt. Wir versuchen, Antworten zu geben, so gut wir können. Aber wir können es nicht immer gut.

C&W: Als Augustinus über die Verbindung von Sexualität und Ehe geschrieben hat, gab es noch keine Journalisten, die danach fragten. Da muss noch ein anderer Grund sein.

Oster: Ja, es gibt einen anderen Grund. Beim Reich Gottes geht es um Beziehung, um möglichst heile Beziehungen. Menschen sollen mit Gottes Hilfe lernen, in heilen Beziehungen zu leben. Sexualität gehört dazu, ist eine der tiefsten Formen, um liebende Hingabe ganzheitlich auszudrücken. Wir alle wissen aber auch, dass wir damit auch viel kaputt machen können, zum Beispiel, dass es manchmal nur um Befriedigung am anderen geht. Das Thema Sexualität gehört also in den Kern unseres Menschenbildes, insofern als wir fragen: Wie gelingt Liebe?

Erschienen in:
Ausgabe 50/2015
Redakteur:
Christiane Florin (Redaktionsleiterin)
Thema:
Großaufnahme
Stichworte:
Katholisch, Sexualität