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Katholizismus

Was sagt die Kirche zum Sex?

Aus: Christ & Welt Ausgabe 50/2015

Liebe kann nicht Sünde sein, glauben die meisten Katholiken. Zusammenleben ohne Trauschein, zweite Ehe, homosexuelle Lebensgemeinschaften, das geht für sie in Ordnung. Der Passauer Bischof Stefan Oster nimmt das nicht hin. Wer Gott begegnet, liebt anders, sagt er. Sexualität gehöre in die Ehe. Stefan Vesper, Generalsekretär des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, wünscht sich dagegen Reformen. Ein Streitgespräch moderiert VON CHRISTIANE FLORIN

Foto: Daniel Fischer/STOCK4press

Im Mai kritisierte der Passauer Bischof Stefan Oster via Facebook eine Erklärung des Zentralkomitees der Katholiken (ZdK) zur Familiensynode. Wo, wenn nicht in Christ&Welt, sollten die beiden Positionen direkt aufeinandertreffen? Wir regten also ein Gespräch zwischen Stefan Oster und dem Generalsekretär des ZdK, Stefan Vesper, an. Beide sagen schnell zu, dann kommen andere Termine dazwischen. Schließlich gelingt das Treffen am 2. Dezember doch noch.

Die Diskutanten begrüßen sich im Passauer Bischofshaus mit freundlicher Distanz.
Für Stefan Oster ist es ein Heimspiel, Stefan Vesper ist Gast, das ZdK sitzt, wie die Redaktion von Christ&Welt, in Bonn. Zum Gespräch bittet der Bischof ins neue Fernsehstudio. Der Gottesmann ist Profi.

Oster war früher Journalist. Eine solche Berufung legt man mit der Priester- und Bischofsweihe nicht ab. Bevor die Aufnahmegeräte laufen, erzählen die beiden von klösterlichen Bieren und dem gemeinsamen Namenstag. Harmonisch-katholisch. Doch später wird schnell klar, wo die Harmonie endet: beim Reizthema Homosexualität und bei der Frage der Unauflöslichkeit der Ehe. Stefan Oster eilt der Ruf voraus, ein Hardliner zu sein, nett im Umgang, unnachgiebig in der Sache. Tatsächlich wirft Stefan Vesper an einer Stelle des Gesprächs das Wort »hartherzig« in die Debatte. Er sei nicht hart, er sei nur konsequent, gibt der Bischof immer wieder zu verstehen. Er argumentiert, er wirbt für die Lehre, er weist auf Widersprüche in der liberalen Position hin.

Als Stefan Oster über Homosexualität und Wissenschaft spricht, schrillen die Alarmglocken der Medienprofis im Raum. Wird er das später in der schriftlichen Fassung des Gesprächs so stehen lassen? Ist ihm klar, wie das, was er sagt, auf Schwule wirkt? Er autorisiert die Passage. 

Christ&Welt: Warum spricht die Kirche so viel über Sex und Jesus so wenig?

Stefan Oster: Wir werden so oft danach gefragt. Wir versuchen, Antworten zu geben, so gut wir können. Aber wir können es nicht immer gut.

C&W: Als Augustinus über die Verbindung von Sexualität und Ehe geschrieben hat, gab es noch keine Journalisten, die danach fragten. Da muss noch ein anderer Grund sein.

Oster: Ja, es gibt einen anderen Grund. Beim Reich Gottes geht es um Beziehung, um möglichst heile Beziehungen. Menschen sollen mit Gottes Hilfe lernen, in heilen Beziehungen zu leben. Sexualität gehört dazu, ist eine der tiefsten Formen, um liebende Hingabe ganzheitlich auszudrücken. Wir alle wissen aber auch, dass wir damit auch viel kaputt machen können, zum Beispiel, dass es manchmal nur um Befriedigung am anderen geht. Das Thema Sexualität gehört also in den Kern unseres Menschenbildes, insofern als wir fragen: Wie gelingt Liebe?

C&W: Im Frühjahr hat das Zentralkomitee der Katholiken, die Vertretung der Laien, eine Erklärung veröffentlicht zu den Themen Ehe, Familie und Sexualmoral. Sie haben den Inhalt auf Facebook scharf kritisiert. Was war an den Forderungen nicht heilsförderlich?

Oster: Für mich stellt sich die grundsätzliche Frage: Kann die Kirche Formen des Zusammenlebens segnen, die eine sexuelle Beziehung einschließen, aber eben keine Ehe sind? Sexualität hat ihren genuinen Ort in der Ehe zwischen Mann und Frau. Bisher sagt die Lehre nicht, dass Sexualität außerhalb der Ehe gut ist. Benedicere, segnen, bedeutet aber gutheißen. Findet das im Rahmen einer liturgischen Feier statt, wird es ausdrücklich gewürdigt. Das wäre eine Umkehrung der Lehre in diesem Punkt. Was bisher verneint wurde, würde nun bejaht.

C&W: Heißt das ZdK Sex außerhalb der Ehe gut, Herr Vesper?

Stefan Vesper: Nein, das ist doch gar nicht unsere Aufgabe. Wir haben als Vertreter der Laien ein Papier erarbeitet, um auf die Bischofssynode vorzubereiten. Ich bin dankbar dafür, dass der Bischof reagiert hat, habe mich aber darüber geärgert, dass er es nur über Facebook getan und sich nicht direkt an uns gewandt hat. Wir werben nicht für andere Lebensformen. Wir betonen in dem Papier stark die Wertschätzung der sakramentalen Ehe und der auf eine Ehe gegründeten Familie. Aber wenn wir in die Lebenswirklichkeit schauen, dann sehen wir, dass zum Beispiel in homosexuellen Partnerschaften auch Werte wie Treue und Verlässlichkeit gelebt werden. Aus dem gleichen Grund verdienen auch Paare, die unverheiratet zusammenleben oder in zweiter Ehe miteinander verheiratet sind, unsere Wertschätzung. Segnen, benedicere, heißt auch, für einen bestimmten Weg die Begleitung Gottes versprechen. Das müsste doch möglich sein.

C&W: Bischof Oster, Sie halten das mit den Werten für ein Scheinargument, haben Sie auf Facebook geschrieben. Damit werde bloß kaschiert, dass alles möglich sein soll.

Oster: Nein, das habe ich so nicht geschrieben. Aber die Werte, von denen da die Rede ist, gibt es in vielen Beziehungsformen. In einer Schulklasse werden auch Werte gelebt, zwischen Freunden werden Werte gelebt. Auch in der Beziehung zwischen Großeltern und Kindern werden Werte gelebt. Das verdeckt, worum es im Kern geht, nämlich: Wie wertet die Kirche Sexualität? Hat sie mit dem, was sie seit 2000 Jahren sagt, recht? Aus dem ZdK-Papier lese ich eine Veränderung der bisherigen Anthropologie heraus.

Vesper: Wir sind doch als Kirche in einem Lernprozess. Homosexualität galt lange als Krankheit, jetzt wissen wir, dass sie im Menschen angelegt ist, jedenfalls wird das im westlichen Kulturkreis weithin anerkannt. Gibt es im Bistum Passau eigentlich Gemeinden mit Seelsorge-Angeboten für homosexuelle Menschen und hierfür beauftragte Seelsorger?

Oster: Eigens nicht.

Vesper: Das finde ich schade ...

Oster: Aber wir haben viele Beratungsangebote, die natürlich auch Menschen mit homosexueller Neigung in Anspruch nehmen. Ich möchte das Thema aber nicht auf Homosexualität reduzieren. Ich habe lange Jugendarbeit gemacht. Daher weiß ich, dass 95 Prozent der Jugendlichen nicht so leben, wie die Kirche das idealiter vorgesehen hat.

Vesper: Die haben Sie sicherlich auch gesegnet.

Oster: Ja, aber nicht automatisch alle als Paar. Die Sexuallehre des Evangeliums ist wuchtig. Sie stand auch zu Jesu Zeit schon quer zur Meinung der Mehrheit. Die Jünger fragen ihn doch: Wenn wir uns nicht mehr scheiden lassen dürfen, warum sollen wir dann überhaupt heiraten? Wenn aber die Begegnung mit Jesus selbst lebensverändernde Qualität hat, dann ist diese Erfahrung so tiefgreifend, dass sie mir hilft, meine Sexualität gemäß dem Willen Gottes zu leben. Das heißt: entweder Sex nur in der Ehe oder gar kein Sex. Das betrifft uns alle, und wir sind hier auch alle auf dem Weg und ringen um Reifung. Ich habe jedoch Zweifel daran, dass viele noch wirklich glauben, dass die Begegnung mit dem Herrn die Beziehungsqualität, einschließlich der Sexualität, tatsächlich verändern kann. In der Debatte darüber spielt diese Frage kaum eine Rolle.

C&W: »Wer eine Frau nur lüstern anschaut, begeht schon Ehebruch«, sagt Jesus in der Bergpredigt. Will das ZdK solche harten Jesus-Worte nicht hören?

Vesper: Doch. Ich erinnere mich daran, wie ich 1980 beim Besuch von Papst Johannes Paul II. auf dem Butzweiler Hof stand und er solche Jesus-Sätze zitierte. Die Kirche soll dabei helfen, Sexualität verantwortlich zu gestalten, das sehe ich auch so. Das kann jedoch nicht bedeuten, alles abzuqualifizieren, was es an Zusammenleben außerhalb der Ehe gibt. Wenn jemand anders lebt, heißt das gleich, dass er vom Glauben abgefallen ist? Für mich nicht. Ich finde es zum Beispiel gut, dass es Gottesdienste zum Valentinstag gibt, in denen Paare gesegnet werden, ob sie nun verheiratet sind oder nicht. Viele von ihnen sind ja auf dem Weg zur Ehe.

C&W: Befürchten Sie eine Inflation des Segens, Bischof Oster?

Oster: Um den Segen Gottes bitten kann man für jeden einzelnen Menschen ausnahmslos. Aber wir tun uns schwer, Paare zu segnen, bei denen klar ist, dass sie nicht verheiratet sind, aber die sexuelle Beziehung das ist, was sie als Paar zueinander bindet.

C&W: Das Durchschnittsalter von Braut und Bräutigam liegt bei 30, die meisten haben schon lange vor der Hochzeit zusammengelebt. Fragen Sie beim Ehevorbereitungsgespräch genau nach, ob das Zusammenleben nur geschwisterlich war?

Oster: Nein. Ich freue mich, dass sie ihre Beziehung in eine Ehe überführen wollen. Ich sehe auch, dass Menschen auf dem Weg sind. Aber sollen wir deshalb nicht die Herausforderung des Evangeliums betonen?

C&W: Wenn nun 95 Prozent der Jugendlichen, wie Sie vorhin sagten, die Lehre entweder nicht kennen oder sie ignorieren, spricht das nicht gegen die Lehre?

Oster: Nehmen wir eine biblische Erfahrung: Jesus zieht durch Palästina und erzählt schöne Geschichten, er vermehrt Brot und läuft übers Wasser. Die Menschen laufen ihm in Scharen nach. Je klarer es wird, dass es um eine konkrete Beziehung zu ihm und Entscheidung für ihn geht, laufen alle davon. Am Kreuz ist er mutterseelenallein, selbst seine großartigen Jünger laufen davon. Ist der Satz: »Wer sein Leben um meinetwillen verliert, wird es gewinnen«, als Lehre zu hart für die Welt? In Passau gibt es viele Flüchtlinge. Ich stelle mir vor, sie sehen unsere Weihnachtsmärkte und fragen mich, was das sei. Dann müsste ich ihnen sagen: Das ist unsere Vorbereitung auf das Kommen Jesu in diese Welt. So feiern wir unseren Gott. Dann würden die Flüchtlinge doch sagen: Das ist komisch, wie ihr feiert und wartet. Wer von denen auf dem Weihnachtsmarkt findet wirklich in den Dom, um Christus anzubeten? Solange der Glaube so ist, dass ihn alle nett finden und ja keiner schimpft, ist es leicht, ihn zu vertreten. Aber die Mitte des Glaubens ist Liebe umsonst. Also letztlich: Gib dich ganz, gib dein Leben.

C&W: Was hat das mit der Ehe zu tun? Die Ehelehre der Kirche soll Menschen helfen, das Gute zu tun und erfüllt zu leben.

Oster: Aber was heißt denn »erfüllt« aus Gottes Blick? Es geht doch gerade nicht um ein Glück ausschließlich in dieser Welt! Daher ist auch die romantische Liebe eine Art Ersatzreligion geworden. Alles Glück wird von dieser Welt erwartet. Aber christliche Ehe heißt viel mehr als romantische Liebe. Da ist noch eine andere Perspektive.

C&W: Vergessen Sie Gott bei der Ehe, Herr Vesper?

Vesper: Es stimmt, was der Bischof sagt. Diesen Idealisierungsdruck gibt es, und zwar in der Kirche ebenso wie in der Gesellschaft. Bischöfe und Laien müssten eigentlich zusammenstehen und die Ehe gegenüber viel zu hohen Ansprüchen verteidigen und den Paaren den Rücken stärken.

C&W: Jetzt bitte nicht zu früh in den Konsens-Modus schwenken. Ihre Meinungen gehen doch ganz grundsätzlich auseinander. Der Bischof sagt: Die Lehre ist richtig und unbequem. Sie, Herr Vesper, sagen: Die Lehre ist falsch. 

Vesper: So würde ich es nicht sagen. Ich wüsste nur gern, wo Lehre »anfängt« und wo sie »aufhört«, oder besser gesagt: was sie im Kern meint. Wir beten alle dasselbe Glaubensbekenntnis, wir gehen alle am selben Punkt los. Dann lese ich in der Kritik an unserem Papier, das ZdK stehe nicht mehr auf dem Boden der Lehre. Das ist verletzend – und falsch. Die Lehre entwickelt sich weiter. Sie ist nicht statisch. Sie muss in jede Zeit und Kultur aufs Neue übersetzt werden. Lehre ist doch nicht nur, was die Bischöfe sagen. Es gibt auch die Theologie und den Glaubenssinn der Menschen. Ein Nachdenken darüber muss nicht nur erlaubt sein, das Zweite Vatikanische Konzil verpflichtet uns sogar dazu.

C&W: Ist das ZdK noch katholisch, Bischof Oster?

Oster: Die Kirche weiß durch die Offenbarung nicht nur tiefer, wer Gott ist; sie weiß auch, weil Gott Mensch geworden ist, tiefer, wer der Mensch ist und wohin der Mensch geht. Für mich steckt hinter dem ZdK-Papier nicht die Weiterentwicklung der Lehre, sondern der Wunsch nach einer neuen Anthropologie. Weiterentwicklung ist etwas Organisches. Nehmen Sie das Zweite Vatikanische Konzil. Dort wurde zum Aspekt der Fortpflanzung zusätzlich die Personalität in der Ehe besonders betont, der Bundescharakter. Das war keine neue Lehre, sondern eine organische Entwicklung. Wie bei einer Blume, bei der sich eine Knospe entfaltet. Aber gutzuheißen, was vorher Sünde geheißen hat, das heißt in diesem Bild: Wir pflanzen eine neue Blume. 

Vesper: Die Kirche muss sich doch im Bereich der Sexualmoral den Erkenntnissen der Humanwissenschaften stellen. Wir wissen jetzt zum Beispiel, dass Homosexualität im Menschen angelegt ist. Das kann die Kirche doch nicht ignorieren.

Oster: Wenn Sie mit »angelegt« angeboren meinen, dann würde ich das anfragen. Dass Homosexualität angeboren ist, ist meiner Ansicht nach keine gesicherte naturwissenschaftliche Erkenntnis. Wenn man zum Beispiel eineiige Zwillinge untersucht, die getrennt voneinander aufgewachsen sind, dann kann es sein, dass einer heterosexuell orientiert ist und einer homosexuell.

C&W: Und was sagt das?

Oster: Das heißt, dass Beziehungsqualität und Beziehungsfähigkeit reifen müssen. Und Sexualität gehört dazu. Sexualität ist etwas Plastisches. Wenn ich mir den ganzen Tag Pornos reinziehe, dann verwahrlost meine Sexualität. Wenn ich versuche, Treue zu leben, dann reift meine Sexualität als Liebesfähigkeit. Sexualität ist nicht einfach nur da, sie wird, sie entfaltet sich mit der ganzen Person, von Anfang an. Und keiner von uns kommt übrigens mit seiner Sexualität genau so auf die Welt, wie wir von Gott erdacht sind. Wir alle leben in einer gebrochenen, erlösungsbedürftigen Welt. Und das schließt alle unsere Dimensionen, die auf Beziehungsfähigkeit angelegt sind, mit ein. Das heißt: Auch unsere Sexualität wird, entsteht, reift, verändert sich, bei jedem! Daher ist Sexualität immer auch bleibend ein Lern- und Reifungsfeld für jeden von uns. Auch Varianten sexueller Orientierung entstehen. Auch eine homosexuelle Neigung entsteht, sie wird und ist nicht statisch bloß gegeben. Wir können die ganzen Lebensumstände eines Menschen, die psychosoziale Dimension nicht rauslassen.

Vesper: Homosexualität ist eine Orientierung, die man sich nicht aussucht. Und wenn das so ist, dann muss sie auch verantwortlich gelebt werden dürfen.

Oster: Das stimmt, man sucht sie sich in der Regel nicht aus. Aber folgt daraus schon die Norm, das Muss, dass sie »gelebt werden darf«? Wie ist es aus Ihrer Sicht mit Bisexualität, wie ist es mit Pädophilie? Oder noch mit ganz anderen Varianten sexueller Präferenzen? Ich will das auf keinen Fall alles als gleichwertig oder vergleichbar in einen Topf werfen, aber es gibt Menschen, die sich auch in diesen Orientierungen finden. Was sagt man denen?

C&W: Ausgelebte Pädophilie ist eine Straftat, Homosexualität und Bisexualität zu Recht nicht mehr. Das muss man doch unterscheiden. 

Oster: Ich unterscheide ja ausdrücklich. Aber wir ringen hier nicht um die Frage nach Straftat oder nicht, sondern um die Frage, ob diese Orientierung irgendwie geworden oder schlicht gegeben ist und ob sich daraus, dass sich jemand in einer bestimmten Orientierung findet, aus der Sicht des Glaubens auch schon eine Art Recht auf verantwortete sexuelle Betätigung in dieser Hinsicht ableitet.

Vesper: Wenn es so ist, dass homosexuelle Menschen von Gott geschaffen, gewollt und geliebt sind, wenn sie Teil seiner Schöpfung sind wie alle anderen auch, wenn sie Beziehungen leben in Treue und Verlässlichkeit, dann sollte die Kirche sie doch wertschätzen und kirchlich begleiten.

Oster: Sie sagen: »Wenn es so ist.« Das ist aber wieder das Argument mit der angeborenen Neigung. Aus meiner Sicht mache ich da ein Fragezeichen. Aber zu Annahme und Begleitung jedes Menschen, egal welcher Orientierung, da bin ich dabei. Das ist unsere Aufgabe. Noch einmal: Wir alle sind von Gott gewollt und geliebt, aber niemand von uns ist genau so von Gott erdacht, wie er sich vorfindet. Aber eine andere Frage: Was ist nun mit dem, der in der vierten sexuellen Partnerschaft lebt?

Vesper: Das meine ich nicht und ich finde, Sie machen da etwas lächerlich. Uns geht es um Menschen, die es ernst meinen, die eine liebevolle, verbindliche Partnerschaft wollen. Wir werben doch nicht für den ständigen Partnerwechsel.

Oster: Ich mache das nicht lächerlich. Warum sprechen Sie dem, der in dritter oder vierter Partnerschaft leben will, die Ernsthaftigkeit ab?

Vesper: Das sind doch Scheingefechte. Reden wir über Fälle, die viel häufiger vorkommen als dritte, vierte Ehen. Reden wir über die zweite. Es kann doch sein, dass eine Ehe irreparabel zerbricht, zum Beispiel, wenn es Gewalt gibt oder Suchtprobleme. Warum schließt die Kirche Menschen von der Kommunion aus, die nach einer Zeit der Trauer einen neuen Partner finden, in einer zweiten Zivilehe glücklich sind, gemeinsam Kinder haben, sie taufen lassen und zur Kommunion führen? Und dann dürfen diese Eltern, die durch die Zeit des Leids und Neubeginns die Verbindung zur Kirche aufrechterhalten, nicht die Sakramente empfangen?

C&W: Bischof Oster, wenn eine Ehe scheitert, heißt das für Sie: Der Glaube war nicht tief genug, der Wille zum Durchhalten nicht entschieden genug?

Oster: Gott will, dass wir liebende Menschen werden. Aber es geht um Liebe in seinem Sinn. Am Altar versprechen zwei Menschen einander die Treue, bis der Tod sie scheidet, in guten wie in schlechten Tagen. Wenn eine Frau mir sagt: »Ich leide in meiner Ehe, aber ich bleibe meinem Mann treu und nehme das Kreuz auf mich, weil meine Ehe ein Weg zu Gott ist.« Was soll ich ihr dann sagen?

C&W: Dass die Ehe ein Kreuzweg ist?

Oster: Das Versprechen am Altar lautet nicht: Ich bleibe bei dir, wenn die Tage ein bisschen schlecht sind. Es umfasst ganz schlechte Tage. Soll ich einer solchen Frau sagen: »Wir haben die Lehre geändert, Sie können jetzt Ihren Mann verlassen und einen anderen heiraten«? 

Vesper: Aber wer stellt denn solche Fragen? Ich habe Respekt vor Menschen, die ihr Kreuz annehmen. Aber die meisten Menschen können eine solche Ehe nicht ertragen, in der sie schwer leiden. Für sie ist die Ehe zu Ende. Auch sie sind in ihrer Entscheidung zu respektieren, ohne Wenn und Aber.

Oster: Wir müssen diese Menschen natürlich begleiten, aber unsere Aufgabe ist es auch, zu verdeutlichen, dass der Bund der Ehe unauflöslich ist. Die Eucharistie ist eine Feier des Bundes Gottes mit den Menschen, das Hochzeitsmahl des Lammes. In diesen Bund ist jede sakramentale Ehe hineingestellt. Wenn man in einer zweiten Verbindung lebt, steht das irgendwie quer zu diesem ersten Bund, der ja als Zeichen des unverbrüchlichen bräutlichen Bundes zwischen Gott und seiner Menschheit geschlossen wurde. Ich kenne einige Menschen, die zum zweiten Mal zivil verheiratet sind und die verstehen, dass der Empfang der Kommunion problematisch ist – auch wenn sie regelmäßig zur Messe kommen. Und ich spüre, dass deren tiefes Verständnis wahr ist. 

Vesper: Vor Menschen, die das können, habe ich Hochachtung. Ich bin aber auch auf der Seite derjenigen, die sich in einer zweiten Ehe ganz angenommen wissen wollen. Es geht doch nicht um eine zweite kirchliche Hochzeit, sondern darum, Menschen gewissermaßen vor Gott ins Recht zu setzen.

Oster: Wenn die erste Ehe unauflöslich ist, wie erklären Sie dann, dass dies nicht eine Form von Bruch der ersten Ehe sein soll? 

Vesper: Diese Aussage: »Die erste Ehe wirkt fort, egal was passiert«, finde ich hartherzig. 

C&W: Liegt der Hauptkonflikt zwischen Ihnen nicht tiefer als in der Frage des Kommunionempfangs? Sie, Herr Vesper, glauben, dass die Ehe unter bestimmten Umständen aufgelöst werden kann, der Bischof sagt wie das Lehramt: Die Ehe besteht weiter, ganz gleich, was geschieht.

Vesper: Ich glaube, es gibt irreparable Situationen. Denen müssen wir uns stellen, im Wissen und im Bewusstsein, dass die einmal gültig geschlossene sakramentale Ehe nicht aufgelöst werden kann.

C&W: Soll man an einer Ehe festhalten, auch wenn sie fu?r beide unertra?glich geworden ist, Bischof Oster? Ist das die Zumutung, die Jesus wollte?

Oster: Die Kirche kennt die Trennung von Tisch und Bett, sie weiß auch um Paare in großer Not. Das Problem mit der Kommunion entsteht erst mit der Wiederheirat. Übrigens: Als Jesus gefragt wird, warum Mose Scheidebriefe erlaubt hat, sagt er: Er hat das nur wegen eurer Hartherzigkeit getan. Die Menschen sind hartherzig, das führt laut Jesus zur Scheidung. Aber wenn Gott wirklich bei der Eheschließung mit im Bunde war, besteht diese Ehe über eine solche materielle Trennung hinaus. Deshalb ist es auch wichtig, genau zu prüfen, ob eine sakramentale Ehe gültig zustande gekommen ist, ob diese Ehe wirklich von Gott verbunden wurde. Von Gott her gedacht ist die Ehe unauflöslich, nicht von uns her. Man kann ihn nicht so einfach daraus verabschieden.

Vesper: Die Gültigkeit der Ehe wird ja bei Annullierungsverfahren überprüft. Es gibt auch sicher Menschen, für die die Annullierung der Ehe eine gute Lösung ist. Aber für die meisten Betroffenen kommt eine Annullierung nicht infrage, da sie ihre gescheiterte Ehe trotzdem als unauslöschlichen Teil ihrer Biografie sehen. Zudem ist die Art und Weise, wie sich vielfach Betroffene bei Annullierungsverfahren offenbaren müssen, kaum zu ertragen.

C&W: Wenn ich Sie richtig verstehe, Bischof Oster, dann finden Sie, dass noch immer zu viele zu leichtfertig kirchlich heiraten, ohne zu wissen, was sie sich da wirklich versprechen? 

Oster: Ja, es heiraten viele zu schnell. Es fehlt eine gute Ehevorbereitung. In volkskirchlichen Breiten ist die kirchliche Ehe bisweilen sogar zu einer Art Folkloreveranstaltung mit religiösem Anstrich verkommen. Das ist auch unser Versagen.

Vesper: Dass weniger als die Hälfte aller Ehen, in denen beide Partner katholisch sind, auch kirchlich geschlossen werden, halte ich für ein Desaster unserer Kirche. Die sakramentale Ehe darf doch nicht zu einem elitären Projekt werden. Das muss uns doch zu denken geben – übrigens auch, weil es in der Folge auch weniger Taufen bedeutet.

Oster: Da sind wir beim Thema Glaubenserosion. Ich werde oft gescholten, wenn ich das ausspreche. Aber wir sind wohl noch lange nicht am Ende der Entwicklung. Der Entkonfessionalisierungsprozess setzt sich in der jungen Generation fort. Der Kirchenbesuch hat sich seit 1990 halbiert, die Zahl der Eheschließungen ist aber im selben Zeitraum noch deutlich stärker zurückgegangen: von 116 000 auf 44 000. Die kirchliche Bindung – und das heißt: ich treffe eine Lebensentscheidung vor Gott – schwindet, das Entfremdungspotenzial wird sich noch deutlich vergrößern.

Vesper: Ja, wir leben in einer Gesellschaft, in der ein konfessionelles Bekenntnis nicht mehr selbstverständlich ist. Aber es gibt keinen Anlass, das kulturpessimistisch zu beklagen. Für einen Bischof ist es genauso notwendig wie für Laien, das Erscheinungsbild der Kirche zu verbessern, damit sie anziehender wird für die Menschen dieser Zeit. Ich meine damit nicht die Oberfläche. Ich meine, dass die Kirche barmherziger werden sollte. Papst Franziskus kommt sehr gut an, aber in unserer Kirche müsste man es an allen Stellen noch viel deutlicher spüren. Das hat auch mit unserem Thema Ehe zu tun. Wenn Sie sagen: Die sakramentale Ehe war so, ist so und bleibt so, dann glaube ich nicht, dass Sie eine größere Menschenmenge für unsere Kirche begeistern können.

C&W: Bischof Oster, als Sie noch kein Priester waren, hatten Sie eine Freundin. Haben Sie sich an die Lehre der Kirche gehalten?

Oster: Ich bin nicht linear in den Glauben hineingewachsen. Als junger Kerl habe ich die Lehre der Kirche irgendwie wahrgenommen, eigentlich weiß ja auch jeder, was katholisch ist. Aber dann war das alles eine Zeit lang weit weg von mir.

C&W: Sie haben sich also nicht daran gehalten?

Oster: Nein. Aber das, was ich jetzt vertrete, habe ich nicht erst als Bischof vertreten. Ich habe so etwas wie Bekehrung erlebt, schon lange. Und danach habe ich bald 20 Jahre mit Jugendlichen gearbeitet, die wussten, was ich vertrete, und viele sind dennoch gekommen. Wir haben um die Themen gerungen. Ich habe ihnen immer gesagt: Ich will euch nicht irgendwelche Normen überdrücken, ich möchte, dass ihr dem Herrn begegnet. Das hat auch mein Leben, mein Denken, meinen Blick auf die Welt dramatisch geändert. Erneuerung des Herzens durch Begegnung mit Gott ist zentral. In volkskirchlichen Strukturen und womöglich auch in ZdK-Strukturen hat das Wort »Bekehrung«, das biblisch so wichtig ist, nach meiner Wahrnehmung kaum noch einen Klang. Verändert der Glaube mein Leben? Verändert die Begegnung mit dem Herrn mein Leben? Das sind die zentralen Fragen.

C&W: Und das ZdK will nicht sich, sondern den Herrn verändern?

Vesper: Ihre Bemerkung zu den Strukturen, Herr Bischof, nehme ich mal als kleine Spitze mit Erheiterung auf ... Was Sie ZdK-Strukturen nennen, sind die gewählten Vertreter katholischer Verbände, und wenn ich in unsere Vollversammlung blicke, sehe ich viele tiefgläubige Menschen, die gerade weil ihnen der Glaube und die kirchliche Beheimatung so wichtig sind, so ernsthaft um viele Fragen ringen. Sie, Bischof Oster, haben vorhin so schön gesagt: Was katholisch ist, das wissen die Leute doch. Das ist ein sehr kluger Satz. Katholisch heißt doch nicht: So ist es, und rechts und links davon ist nichts mehr.

Oster: Nehmen Sie mich so wahr?

Vesper: Manchmal schon. Ich finde zur Bestimmung des Katholischen die Regeln des heiligen Benedikt sehr aufschlussreich. Eine lautet: Alle Ordensleute müssen in den Gottesdienst. Der Abt muss darauf achten. Eine andere Regel: Wenn einer krank ist, muss er nicht kommen. Wenn der Abt aber den Eindruck hat, der Mönch tut nur so, als sei er krank, dann muss der Mönch doch kommen. Wenn der Abt aber den Eindruck hat, das sei eine zu große Härte, dann soll der Abt klug abwägen. Katholisch sein heißt: auf Lebenswirklichkeiten eingehen. Ein Bischof muss auf die Rechtmäßigkeit achten, aber er braucht auch Menschenfischerqualitäten. Die haben Sie natürlich, aber Sie sollten beides vielleicht etwas besser ins Verhältnis bringen.

Oster: Ich soll also eine andere Ehe-Lehre vertreten?

Vesper: Sie sind meiner Frage: »Wo hört die Lehre auf?« geschickt ausgewichen. Ich glaube, dass die Lehre sich entwickelt, nicht nur durch die Bischöfe, sondern auch durch das, was uns in den Menschen dieser Zeit begegnet. Die Lehre immer weiter zu entwickeln, das heißt in Treue zur Tradition die Zeichen der Zeit im Licht des Evangeliums zu deuten.

Oster: Der entscheidende Punkt ist für mich die Unauflöslichkeit der Ehe. Das ist unsere Lehre und ich sehe nicht, wie sich das ändern könnte.

Vesper: Die sakramentale Ehe ist unauflöslich. Aber sie darf nicht ausweglos sein. Ein Priester kann laisiert werden, ein Ordensmann kann seinen Orden verlassen. Aber Eheleute, die aus guten Gründen sagen, wir schaffen es nicht mehr, für die gibt es keinen Ausweg. Ist da nicht ein »Denkfehler«?

Oster: Nein, da ist kein Denkfehler. Zum Konstitutivum des Priesterseins gehört nicht die Ehelosigkeit. Das sehen Sie daran, dass evangelische Pfarrer, die konvertieren und Priester werden, verheiratet bleiben dürfen. Ein Ordensgelübde ist kein Sakrament und deshalb mit der Ehe nicht unmittelbar vergleichbar. Aber ich gestehe zu, dass diese Lehre äußerst schwer vermittelbar ist.

C&W: Der Papst wird sich auch noch zum Thema äußern. Schwer vorstellbar, dass er den ganzen Aufwand samt Umfrage vor der Familiensynode betrieben haben soll, wenn er die Lehre nicht ändert, sondern nur das Altbekannte anders formuliert. Steht Franziskus näher bei Stefan Oster oder näher bei Stefan Vesper?

Oster: Dass der Papst die Menschen fragt, ist sehr gut. Der Dialog ist wichtig, auch um einander besser zu verstehen, auch um die kirchliche Lehre tiefer verständlich zu machen. Das will die Synode auch. Aber wir dürfen doch nicht denken, es geht nur um wiederverheiratete Geschiedene. Das ist auch ein mediales Phänomen.

C&W: Aber es war doch auch unter den Bischöfen auf der Synode der strittigste Punkt, bei keiner anderen Frage gab es eine so knappe Mehrheit.

Oster: Natürlich geht es darum, jedem Menschen am Ort konkrete Begleitung in einzelnen Situationen zu geben. Das hat Johannes Paul II. schon gesagt, das hat Benedikt schon gesagt. Franziskus wiederholt es. Bei den konfessionsverschiedenen Ehen ist er kürzlich ein wenig vage geblieben. Aber wir erwarten mit Spannung sein nachsynodales Schreiben.

C&W: Er betont stärker das Gewissen und weniger die Lehre.

Oster: Aber der Papst würde nie sagen, dass die Lehre keinen Einfluss aufs Gewissen haben soll.

Vesper: Unser Gespräch findet im Windschatten dieses wunderbaren Papstes statt. Er will mehr Barmherzigkeit in dieser Kirche. Das fordert die Bischöfe heraus und die Laien. Ich hoffe, dass die nationalen Bischofskonferenzen gestärkt werden und dass es für den deutsch- sprachigen Raum eine Lösung geben wird. Das wird die Kirche nicht auseinanderreißen. Ich bitte Sie, sich auch persönlich in der Bischofskonferenz für barmherzige Lösungen einzusetzen.

Oster: Ich finde Franziskus auch wunderbar. Aber ich glaube nicht, dass in Deutschland wiederverheiratete Geschiedene zur Kommunion gehen dürfen und zum Beispiel in Polen nicht. Das geht nicht. Über die Unauflöslichkeit der Ehe kann nicht regional entschieden werden.

C&W: Warum ist es eigentlich gut, zu heiraten?

Oster: Um lieben und geliebt sein zu dürfen – und es immer mehr zu lernen; um Leben zu schenken und um durch einander tiefer zu Gott zu finden.

Vesper: Weil man liebt und weil man geliebt wird, weil das gemeinsame Leben in Vertrauen und Verantwortung mit Gottes Hilfe gelingen kann, hoffentlich mit Kindern und Enkeln. 

Erschienen in:
Ausgabe 50/2015
Redakteur:
Christiane Florin (Redaktionsleiterin)
Thema:
Großaufnahme
Stichworte:
Katholisch, Sexualität