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Nordirland

Was ist daran christlich?

Aus: Christ & Welt Ausgabe 05/2013

Nach Jahren der Ruhe flammen nun die Konflikte zwischen den Konfessionen wieder auf. Waren einst die Katholiken die Verlierer, sind jetzt die Protestanten arm und perspektivlos. Viele suchen ihr Heil in Randale und Gewalt

Moscia/Archivolatino/laif

Seit mehr als sieben Wochen kommt es allabendlich zu Aufruhr in Belfast und auch anderen nordirischen Städten. Friedliche Proteste gehen in bedrohlicher Regelmäßigkeit in Straßenkämpfe und Randale über. 15 Jahre nach Abschluss des Karfreitagsabkommens sieht es aus, als würde sich die Geschichte wiederholen, als würde Nordirland zurückfallen in den schleichenden Bürgerkrieg.

Es ist zunächst ein Kampf um Symbole und Geschichte, der sich um das Verschwinden des Union Jacks, der Flagge Großbritanniens, aus dem nordirischen Alltag dreht und protestantische Loyalisten in Rage versetzt. Die Proteste der vergangenen Wochen – die ersten Flaggenproteste begannen Mitte Dezember – signalisieren eine gefährliche Radikalisierung eines spezifischen Segments der protestantischen Arbeiterklasse; dieser Teil des traditionellen industriellen Proletariats ist dabei, zu dem zu mutieren, was Soziologen als „Underclass“ klassifizieren – gebeutelt von Dauerarbeitslosigkeit und Verwahrlosung, hat diese Schicht den technologischen und ökonomischen Wandel verpasst, fühlt sich alleingelassen vom britischen Staat, zu dem sie sich bis dahin in unverbrüchlicher Loyalität bekannte. Das Gefühl dominiert, dass der britische Staat und seine Organe, allen voran die Polizei, dabei sind, sie zu verraten.

Als gefährliche Gegner des Friedensprozesses galten bis zum jüngsten Ausbruch von Gewalt die Extremisten der katholisch-republikanischen Szene, deren Aktivitäten die Politiker in London wie Dublin alarmierten, diverse Splittergruppen und Dissidenten, die sich dem Friedensprozess von Anfang an verweigerten und entschlossen sind, den blutigen Kampf um die irische Einheit fortzuführen, also Terrorgruppen wie die Real IRA und die Continuity IRA. Die schlossen sich kürzlich in einem Dachverband zusammen und versuchen unablässig, wenn auch bislang vergeblich, ein „Spectacular“ zu inszenieren; im Sprachgebrauch republikanischer Untergrundarmeen ist damit ein Bombenanschlag gemeint, der die Welt aufhorchen lässt, und sei es, weil Massenmord verübt wurde. Einzige „Erfolge“ ihres mörderischen Treibens waren 2012 die Ermordung eines protestantischen Gefängnisbeamten und eines katholischen Polizisten.

Jetzt mehren sich die Anzeichen, dass sich unter Loyalisten eine Haltung gegenüber der nordirischen Polizei herausbildet, die sich substanziell kaum mehr vom mörderischen Hass republikanischer Extremisten auf die Organe des Staates unterscheidet.

Über die Jahre hin haben sich Anlässe und Teilnehmer der fast rituellen Ausbrüche von Gewalt gewandelt. Zuletzt waren es also die Loyalisten, die auf die Straße gingen, um dagegen zu protestieren, dass der Union Jack nicht mehr täglich über dem viktorianischen Rathaus von Belfast aufgezogen wird. Die internationalen Medien, die bei dieser erneuten Explosion der Gewalt nach Nordirland schauen, versuchen ihrem Publikum zumindest eine Idee von den Ursachen des immer wieder aufbrechenden Konflikts zu vermitteln. Deshalb der Verweis auf „probritische Protestanten“ und „proirische Katholiken“. Etwas simplifizierend, wenn auch nicht falsch. Wobei in aller Regel immer auch auf die ethnische, sozioökonomische und historische Dimension des Konfliktes verwiesen wird.

Immerhin deutet der Verweis auf die konfessionelle Orientierung der Konfliktparteien an, dass in Nordirland die Religion nach wie vor eine große Rolle spielt. Was die meisten europäischen Journalisten eher befremdlich finden angesichts der weithin gehegten Überzeugung, dass die Säkularisierung überall unaufhaltsam voranschreitet und der Rückzug der Religion zugleich Voraussetzung wie Ergebnis gesellschaftlichen Fortschritts ist. Der Blick über den engen europäischen Horizont hinaus widerlegt diese Sicht. Gott ist eigentlich nur in Europa auf dem Rückzug, und sein Rückzug auf der Grünen Insel hält sich in engen Grenzen.

Nordirland ist nach wie vor stark religiös geprägt; Religion spielt in der Provinz am nordwestlichen Rande Europas mittlerweile sogar eine wichtigere Rolle als selbst in der irischen Republik, die stets zu Recht als eine der stärksten Bastionen des Katholizismus galt. Die Bastion wankt. Im Jahr 2011 wurden in der Republik Irland nur noch sechs Priester geweiht, auch das ein Indiz dafür, dass sich Irland verändert. Eine signifikante Minderheit von Iren zieht es im Übrigen vor, sich bei Umfragen als „kulturelle Katholiken“ zu bezeichnen.

Gewiss gibt es auch in Nordirland Indizien für eine religiöse Erosion. 1961 gab es unter 1,5 Millionen Menschen ganze 384, die sich Atheisten oder Humanisten nannten. Heute liegt der Prozentsatz bei acht Prozent. Rund 43 Prozent bekennen sich als Protestanten verschiedener Provenienzen, der Anteil der Katholiken liegt bei 41 Prozent. Seit 2001 ist die Zahl der Protestanten damit um fünf Prozent gesunken, die der Katholiken um ein Prozent gestiegen. Aber aus der Religionszugehörigkeit automatisch politische Rückschlüsse zu ziehen ist falsch. Der Anteil der Bevölkerung Nordirlands, der sich, gefragt nach der Staatsangehörigkeit, als irisch bezeichnet, sank auf 25 Prozent, ist also fast um die Hälfte geringer als der Anteil der Katholiken, während sich 40 Prozent britisch nennen und 21 Prozent es vorziehen, sich als nordirisch zu bezeichnen, sich also weder zu Großbritannien noch zu Irland gehörig fühlen.

Religion und Konfessionszugehörigkeit werden bedeutsame Faktoren bleiben, weil sie nicht nur eine spirituelle Rolle spielen. Religion stärkt das Zusammengehörigkeitsgefühl, unabhängig davon, ob alle der Religionsgemeinschaft Angehörenden überhaupt noch zum Gottesdienst gehen oder wirklich glauben. Religion sorgt so zumindest für sozialen Kitt, der eine Bevölkerungsgruppe zusammenhält.

Dessen ist sich die Führung von Sinn Fein und der IRA stets bewusst gewesen. Martin McGuinness und Gerry Adams, die Leitfiguren der republikanischen Bewegung, haben mit Katholizismus und Religion wenig im Sinn, aber hüteten sich davor, dies auszusprechen. Im Gegenteil – katholische Geistliche waren stets Teil der Bewegung und dienten während der „Troubles“ als nützliche Figuren, um geheime Kontakte mit britischen Regierungsstellen herzustellen.

Der religiöse Kitt aber wird dringender denn je benötigt von den protestantischen Loyalisten. Deshalb wird der Kampf der beiden Traditionen um Symbole und die Deutung der Vergangenheit weitergehen und an Schärfe eher noch zunehmen. Mitchel McLaughlin, führender Vertreter von Sinn Fein, enthüllte die Strategie seiner Partei vor einigen Jahren eher unfreiwillig, als er, bedrängt vom Interviewer der BBC, auf die Frage, was denn Sinn Fein auf dem Verhandlungsweg überhaupt erreicht habe für ihre Anhänger, hervorstieß, „ein Ausmaß von Unsicherheit und das Fehlen von Selbstvertrauen bei den Protestanten“.

Das Selbstvertrauen der Protestanten ist seit geraumer Zeit nicht ausgeprägt gewesen. Darauf deutete auch schon ihr starres Festhalten an Marschrouten und Ritualen hin. Jetzt sind sie bedrohlich in ihrer Verunsicherung. Sie fühlen sich auf der Verliererstraße der Geschichte, sind so etwas wie der „verlorene Stamm“ Nordirlands, nicht englisch, nicht irisch, mit schottischen Wurzeln, ohne wirkliche Freunde, ohne die Unterstützung, die dem katholischen „Underdog“ fast automatisch und oft unkritisch-naiv zufloss.

Vor allem sind sie sich schon lange der Tatsache bewusst, dass Großbritannien froh wäre, wenn es sich der nordirischen Bürde entledigen könnte. Besonders stark empfinden das die Loyalisten der Working Class, die wirtschaftlich nutzlos und ausgegrenzt sind und den Anschluss an neue Zeiten verpasst haben.

Sie fühlen sich als Verlierer, obgleich das Karfreitagsabkommen von 1998 den Verbleib Nordirlands bei Großbritannien so lange sicherstellt, bis eine Mehrheit in beiden Teilen der Grünen Insel dies ändern will. Zwar spricht wenig dafür, dass der Traum von der irischen Einheit, der Albtraum der Unionisten, in Erfüllung gehen wird. Was ein Problem auch für Sinn Fein/IRA darstellt, die ihre Hardliner durch Verweis auf die vielversprechende demografische Entwicklung zum Niederlegen der Waffen bewegen konnte. Doch das erwies sich als voreilige Hoffnung. Im Süden, in der Republik Irland, existiert der Wille zur Einheit nicht, in Nordirland gibt es keine Mehrheit, obwohl der Anteil der Protestanten langsam, aber stetig schrumpft und unwesentlich über dem der Katholiken liegt.

Die irische Einheit rückt also in immer weitere Ferne. Um das auszugleichen, ist es für Sinn Fein wichtiger denn je, mehr und mehr Entscheidungen wie die von Belfast zu erreichen, etwa einen Spielplatz nach einem verurteilten IRA-Terroristen zu benennen, der sich zu Tode hungerte, Statuen historischer protestantischer Figuren abzubauen und dafür neue Denkmäler für IRA-Kämpfer zu errichten und die Gälisierung der Provinz voranzutreiben, obgleich nur ein geringer Prozentsatz der irisch-katholischen Bevölkerung Gälisch spricht. In acht Stadt- und Landkreisen Nordirlands wird der Union Jack überhaupt nicht mehr aufgezogen, dafür weht dort die irische Flagge. Der Streit um Symbole ist gewiss besser als Gewalt und offener Bürgerkrieg, aber das Risiko der Eskalation besteht. Zumal dann, wenn Hitzköpfe
in lokalen Stadt- und Gemeinderäten Nordirlands triumphalistisch die Interessen ihres jeweiligen Stammes ohne jegliche Rücksicht durchsetzen.

Der Einfluss der nordirischen Regierung, die auf Gewaltenteilung zwischen der stärksten protestantischen und der stärksten katholischen Partei basiert, auf die streitenden Gruppen ist gering. Eine überzeugende Erklärung dafür liefert Paul Bew, Historiker an der Queen’s-Universität Belfast. Wenn Sinn Fein Gewaltakte republikanischer Dissidenten verurteile, erinnerten sich viele Menschen der jahrzehntelangen Unterstützung genau solcher Taten durch Sinn Fein/IRA.

Den Demokratischen Unionisten, die mit Peter Robinson den Regierungschef stellen, mangelt es an Glaubwürdigkeit, wenn sie Unruhen verdammen, weil solcherart Proteste und Ausschreitungen über viele Jahre zu ihrem Arsenal gehörten. Der langjährige Führer der Demokratischen Unionisten war Reverend Ian Paisley, berühmt-berüchtigt für seine Predigten gegen den Papst und die Katholiken, so als ob man noch mitten im Religionskonflikt vor vier Jahrhunderten steckte.

Das bedeutet nicht, dass Premier Peter Robinson, der Nachfolger Ian Paisleys, und sein Stellvertreter Martin McGuinness es nicht ernst meinten mit der Verdammung der Ausschreitungen. Sie meinen es bitter ernst, allein wegen möglicher gravierender wirtschaftlicher Folgen für Nordirland. Geschäftsinhaber in Belfast jammern über massive Umsatzverluste; amerikanische Touristengruppen stornieren unter Verweis auf die „gefährliche Situation“ ihren geplanten Aufenthalt in Belfast und gehen stattdessen nach Dublin. Vor allem: Dringend benötigte ausländische Investoren könnten abgeschreckt werden durch die Fernsehbilder, die rund um die Welt gehen. Ohne sie sieht die wirtschaftliche Zukunft der Provinz alles andere als rosig aus: im Süden die Republik Irland, schwer angeschlagen und hoch verschuldet, wenn sie auch mit enormer Kraftanstrengung versucht, sich aus der Krise zu befreien; im Osten Großbritannien, das mit vielen Milliarden jahrzehntelang die Provinz unterhalten und seit dem Karfreitagsabkommen von 1998 noch mehr Geld ausgegeben hat, um die Streitparteien zu befriedigen und den fragilen Frieden abzusichern.

Jetzt ringt London mit hoher Staatsverschuldung und strukturellem Haushaltsdefizit. Selbst wenn es wollte, könnte Großbritannien kein zusätzliches Geld für die Provinz aufbringen. Eine Rückkehr zum offenen Bürgerkrieg, zu einer Lage wie in den Siebziger- und Achtzigerjahren wird es in Nordirland wohl nicht geben. Dafür sind die politischen wie logistischen Voraussetzungen nicht mehr gegeben. Aber sollten die Verwahrlosung und der soziale Abstieg nicht aufgehalten werden, bleibt Gewalt oft die attraktivste Alternative.

Erschienen in:
Ausgabe 05/2013
Redakteur:
Jürgen Krönig ()
Thema:
Großaufnahme
Stichworte:
Evangelisch, Katholisch, Außenpolitik