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Missionsland

„Was haben wir falsch gemacht?“

Aus: Christ & Welt Ausgabe 02/2012

In der Ausgabe 52/2011 berichtete Christ & Welt über eine neue Studie des Sinus-Forschungsinstituts: Rund fünfeinhalb Millionen Menschen in Deutschland sind demnach bereit, aus den Kirchen auszutreten. Wie werden Pfarrer mit leeren Gotteshäusern fertig? Zwei von ihnen kommen hier zu Wort.

© Marie Docher/ PhotoAlto/ F1 online

Wenn Johannes Först einen Vortrag in der Pfarrei Burgwindheim hält, dann ist das so, als wäre ein Berater von McKinsey zu Besuch. Seine Haare hat er mit Gel in Form gekämmt, sein Hemd ist blütenweiß, die Wangen frisch rasiert. Sein Jackett hat er auf einen Stuhl neben sich gelegt, ihm ist warm. Berater werden oft dann gerufen, wenn es um ein Unternehmen schlecht steht. So schlecht, dass die eigene Führungsspitze nicht mehr weiterweiß. Wenn Plan A, B und auch C gescheitert sind. Dann braucht man jemanden von außen, jemanden, der weniger emotional in die betrieblichen Strukturen verstrickt ist.

So jemand ist Johannes Först. Denn um die Kirche steht es nicht gut. Warum, das hängt mit der „großen Unbekannten“ zusammen. Über die möchte Johannes Först heute reden. Först ist Dozent an der Universität Regensburg. Am Lehrstuhl für Pastoraltheologie setzt er sich wissenschaftlich mit den Problemen der Kirche auseinander. Seine Forschungsergebnisse hat er in Schaubildern, Grafiken und Diagrammen zusammengefasst. Die große Unbekannte, das sind die Kirchenmitglieder, die vielleicht zweimal im Jahr in den Gottesdienst kommen. Zu Hochzeiten, Taufen, Beerdigungen und an Weihnachten sind sie da. Die Zahlen, die Först präsentiert, sind deprimierend, darüber können auch die bunten Folien nicht hinwegtäuschen: Von zehn die deutsche Gesellschaft prägenden Milieus lassen sich ganze drei, höchstens jedoch vier von der Kirche ansprechen, ergab die Sinus-Milieu-Studie. Das Kernproblem, so drückt es Först aus: Sender und Adressat, Kirche und die verschiedenen Milieus, funken weniger denn je auf einer Wellenlänge.

Etwas am Rand sitzt Wolfgang Eßel, 48 Jahre, Pfarrer. Er hat sich zurückgelehnt, streckt seine Beine weit von sich. Sein schwarzes Hemd spannt sich über seinen kleinen Bauch, er lauscht Först. Nur seine Augen, die hinter der randlosen Brille blitzen, verraten, dass es ihm manchmal schwerfällt, ruhig zu bleiben. Seit 20 Jahren ist Eßel Pfarrer auf dem fränkischen Land. Zwei Gemeinden betreut er zurzeit, eine in Pommersfelden und eine in Sambach. Dass Kirche und Gesellschaft nicht mehr auf einer Wellenlänge funken, bekommt er jeden Tag bei seiner Arbeit in den Pfarreien zu spüren. Und er sieht es. Die leeren Kirchenbänke, die schrumpfenden Messdienergruppen, und ja, auch daran, dass die Haare der meisten Messebesucher ergraut oder zumindest von silbergrauen Strähnchen durchzogen sind. Und er bemerkt auch, dass immer weniger Männer in seine Fußstapfen treten möchten.

Johannes Först deutet auf Folien, die Hoffnung machen: 90 Prozent der Eltern mit einem katholischen Partner lassen ihr Kind taufen. „Kausalfromme“ nennt Först sie. „Das zeigt, dass die Menschen sich grundsätzlich der Religion verbunden fühlen“, sagt er und nickt aufmunternd in die Runde: „Fragt nicht, was die Gesellschaft für euch tun kann, sondern was ihr für die Gesellschaft tun könnt.“ Diesen Satz, das merkt man, hat er sich zurechtgelegt. So geschliffen kommt er daher. Eßel hebt seinen Arm, es ist nur eine kleine Bewegung, so als wolle er sich melden wie ein Schuljunge. Dieses Zucken ist seine Art von Protest. Doch dann erschlafft sein Arm wieder. Wolfgang Eßel hat das Gefühl, genug zu tun: „Wie soll ich mit Paaren umgehen, die erst ein Hotel neben der Kirche buchen, dann, weil sie die Kirche hübsch finden, spontan entscheiden, kirchlich zu heiraten?“ Nüchtern sagt er es. Wie jemand, der gelernt hat, seine Gefühle zu verbergen.

Johannes Först weiß auf diese Frage keine Antwort. Eine Kluft wird spürbar: Hier der Theoretiker, der wie ein Schutzschild seine Folien vor sich hält, und dort die Praktiker, Pfarrer und Gemeindereferenten, die jeden Tag das erleben, was Först wissenschaftlich analysiert hat. Schnell legt er die nächste Folie auf. Und noch ein Schaubild leuchtet an der weißen Wand des Tagungsraums. „13 Prozent“, steht dort auf einem kleinen dunkelblauen Balken. Daneben blinkt ein deutlich längerer. Diese beiden Balken oder vielmehr der sehr deutliche Längenunterschied zwischen beiden ist es, was allen hier im Raum schlaflose Nächte bereitet: die Kirchenbesucherzahlen.

Anfang der Sechzigerjahre, als Wolfgang Eßel geboren wird, geht immerhin noch knapp die Hälfte der Kirchenmitglieder regelmäßig zum Gottesdienst. In Strullendorf, dem kleinen fränkischen Dorf, in dem Eßel aufwächst, sind es wahrscheinlich noch ein paar mehr. Auch Familie Eßel geht jeden Sonntagmorgen in die Kirche: „Ganz natürlich war das, kein großes Thema.“ Den Pfarrer von Strullendorf erlebt Eßel als eine immer präsente, ganz natürliche Instanz. Jemand, der für die Menschen da ist. Sie in ihrem Glauben und in Notlagen begleitet. Das gefällt ihm. Eßels Jugend unterscheidet sich nicht groß von der anderer Jugendlicher in Strullendorf. Er spielt in einer Band Schlagzeug, kauft sich mit 16 ein Moped, trifft sich mit Freunden in Kneipen.

Wieso wird jemand wie Eßel Priester? „Es hat sich immer ganz natürlich angefühlt“, sagt er. Es gab kein Berufungserlebnis, keinen Schlüsselmoment. Schon in der Abi-Zeitung hatten seine Klassenkameraden bei Beruf „Rockerpfarrer“ geschrieben. Der junge Eßel, der mit seinem Motorrad in schwarzer Lederjacke von Dorf zu Dorf braust, ist auch der Eßel, der sein Leben Gott verschrieben hat. Schon in dieser Zeit sucht Eßel den Austausch mit anderen jungen Gläubigen. Was kann, was muss die Kirche machen, um welttauglich zu werden? Wie kann sie im 20. Jahrhundert funktionieren? Wie kann man wieder Menschen für den Glauben begeistern? Er sucht die Diskussion, das Streitgespräch. Trifft sich regelmäßig mit Freunden in „Hauskreisen“. Dann sitzen die jungen Katholiken zusammen, nippen an ihren Weingläsern und besprechen, wie es mit der Kirche weitergehen soll.

Mit seinem Vater diskutiert er ebenfalls viel darüber. Sein Vater arbeitet im Ordinariat in der Poststelle und engagiert sich im Pfarrgemeinderat von Strullendorf. Es sind hitzige Auseinandersetzungen. Nicht selten finden beide auch nach stundenlangen Diskussionen keinen Konsens. Eßel glaubt an die Wandlungsfähigkeit der Kirche, sein Vater nicht. Bei ihm sieht Eßel, wie jemand lebt, der sich mit den festgefahrenen Strukturen der Kirche abgefunden hat. Der bei seiner ehrenamtlichen Arbeit im Pfarrgemeinderat erlebt hat, dass es nichts bringt, gegen die Institution anzukämpfen, dass es besser ist, diese Strukturen zu akzeptieren. Das jedoch möchte Eßel nicht. Er glaubt daran, dass auch die Kirche sich ändern kann. Heute hat dieser Glaube an die Beweglichkeit der Kirche viele Risse bekommen. Die Auflösung des Zölibats oder der Einsatz von Laien im Gottesdienst wären für ihn Punkte, über die eine Diskussion lohnen würde. Aber selbst das wird nie bis in die Spitze der Kirche vordringen, da ist er sich sicher. Wie soll die Kirche nun mit der unbekannten Mehrheit umgehen? Först ist am Ende seines Vortrags angekommen. „Sie dürfen ihr nicht böse sein“, sagt er. Es ist der Ratschlag eines Theoretikers, das wissen alle in der Runde. Er klingt gut. Aber er klingt auch nach McKinsey. Die praktische Umsetzung ist schwer. Auch Eßels Mundwinkel zucken. Dieser Unbekannten nicht böse zu sein fällt ihm nicht immer leicht. „Es tut weh, wenn das abgewiesen wird, was man liebt.“

Im Gasthof Hennemann in Sambach ist es menschenleer um die Mittagszeit. Es riecht nach gebratenem Fett, eine Kuckucksuhr tickt. Wolfgang Eßel sitzt vor einem panierten Schnitzel und einem Teller Pommes frites: „Ich bin, glaube ich, kein typischer Priester.“ Diesen Satz sagt er oft an diesem Tag. Er sagt ihn wie ein Jurastudent, der sich vor seinen Freunden für das Image seines Studienfaches rechtfertigen möchte. „Ich bin undogmatischer“, sagt er nach einigen Minuten Nachdenken, wenn man ihn nach dem Warum fragt. „Ich bin keiner, der vorgefertigte Antworten hat, ich hinterfrage die Dinge.“ Aber dieses Hinterfragen kostet sehr viel Kraft. Seine Antwort auf die Abkehr der Gesellschaft vom Glauben ist sein persönlicher Anspruch an sich selber. Wenn er nur gut genug ist, dann wird er es schaffen, in seinen Gemeinden den Glauben lebendig zu halten. Das ist Wolfgang Eßels Logik. Für jede einzelne Predigt arbeitet er einen roten Faden aus, Segensspruch und Leitmotiv – alles soll ein stimmiges Gesamtkunstwerk ergeben. Da ist Eßel perfektionistisch. Wenn die Kirchenbesucher anfangen zu husten und zu tuscheln, weiß er, dass die Predigt nicht gut ankommt. Dann weiß er, dass er es dieses Mal nicht geschafft hat, sie für seine Gedanken und Gottes Wort zu begeistern. Das tut ihm weh, jedes Mal.

So einfach zur Seite wischen kann er es nicht. Was habe ich falsch gemacht? Was hätte ich besser machen können? Diese Fragen spricht er nur sehr selten aus. Aber nachts, wenn er im Bett liegt, kommen sie wieder, immer noch. Der Anspruch an sich selbst und der Kampf um jeden Kirchenbesucher, das ist das Spannungsfeld, in dem Eßel arbeitet.

Diese Spannung hätte Wolfgang Eßel vielleicht aushalten können, hätte er in all den Jahren nur eine Gemeinde betreut. „Ich bin einer der Priester, die die Gemeinden in eine neue Zeit führen“, sagt er. Wie ein Prophet möchte Eßel vorangehen. Für die Pfarrer bedeutet diese neue Zeit vor allem mehr Arbeit. Sie betreuen nicht nur eine Gemeinde, sondern gleich drei, vier oder gar fünf. Eßel ist einer der letzten Pfarrer, die noch erlebt haben, wie es ist, sich nur um eine Gemeinde zu kümmern. Bei ihm war das nur im ersten Jahr nach Abschluss des Studiums so. In diesem Jahr hatte er noch Zeit, sich intensiv um die Menschen zu kümmern, Rat und Trost zu spenden. Genau deshalb war er Priester geworden: Menschen in ihrem Glauben begleiten, das wollte er. Doch schon ein Jahr nach der Priesterweihe werden ihm zwei weitere Gemeinden übertragen. Von da an ist er für fast 4000 Kirchenmitglieder verantwortlich. Er pendelt zwischen den Orten hin und her, hält Gottesdienste, besucht Kranke, führt Hochzeitsgespräche, unterrichtet in der Schule. Gleichzeitig ist er Arbeitgeber von allen hauptamtlichen Mitarbeitern in der Gemeinde, Jugendseelsorger und geistlicher Berater des Dekanats, Mitglied im Arbeitskreis Schule und Wirtschaft, Aktiver in der katholischen Arbeitnehmerbewegung. Er ist Chef, Pfarrer, Seelsorger. Manchmal in den immer seltener werdenden Momenten, in denen er abends auf dem Sofa sitzt und Jazzklängen lauscht, fragt er sich, ob er auf dem richtigen Weg ist. „Möchte ich so als Pfarrer leben?“ Dann aber kommen auch wieder Zeiten, in denen er ganz deutlich spürt, dass dieser Schritt, der Eintritt ins Priesterseminar, der richtige war. Einmal im Urlaub, erzählt er, rief ihn seine Sekretärin an. Der Sohn einer Familie der Gemeinde war bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Eßel bricht seinen Urlaub in der Nähe von Braunschweig ab. Er fährt die 420 Kilometer nach Sambach, um die Eltern des verunglückten Jungen zu treffen. Er sitzt Abend für Abend mit ihnen zusammen und versucht Trost zu spenden, Fragen zu beantworten – soweit er es kann. Er ist einfach da, auch wenn ihn in manchen Momenten Hilflosigkeit überkommt: „Ich kann gut zuhören, aber ich bin kein Therapeut“, sagt er. Trotzdem spürt er: Solche Begegnungen sind die, für die er Pfarrer geworden ist.

Die Tage Wolfgang Eßels in diesen Jahren sind Tage der Metamorphose. Er hält morgens den Gottesdienst, verteilt Segenssprüche, bricht die Hostie – als Priester. Vor dem Mittagessen diskutiert er mit den Schülern der fünften Klasse das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter, in diesen zwei Stunden des Tages ist er Lehrer. Nachmittags bespricht er mit Brautpaaren die Trauzeremonie oder bereitet das Pfarrfest vor, dann ist er fast ein Eventmanager. Abends sitzt er bei der Familie im Wohnzimmer und versucht, die Frage nach dem Warum und dem Leben nach dem Tod zu klären. Spätnachts wird er zum Manager, es ist die letzte und schwierigste Metamorphose des Tages: In seinem kleinen Pfarrbüro, direkt unter seiner Privatwohnung, sichtet er Bewerbungsunterlagen für die Stelle der Gemeindereferentin, kontrolliert die Rechnungen der Pfarrverwaltung und aktualisiert die Homepage der Pfarrei. Organisieren, der ganze Papierkram, das alles liegt ihm nicht. Aber auch hier darf ihm kein Fehler unterlaufen.

Schaff ich das? Diese Frage kommt immer häufiger. Besonders nachts, wenn sich Wolfgang Eßel von einer Seite auf die andere wälzt. Er schläft immer schlechter. Bekommt Herzrasen. Er fährt mehr Motorrad und versucht so, die Gedankenspirale im Kopf zu stoppen: Bin ich gut genug? Bin ich schuld daran, dass die Leute nicht mehr kommen? Aber auch wenn er mit seiner Maschine über Land von Dorf zu Dorf fährt, ihm der kühle Wind entgegenbläst und er seinen Blick über die Felder schweifen lassen kann, schaffen auch der Wind und die Weite der Felder nicht, was er besonders nachts krampfhaft versucht: seine Gedanken zu stoppen. „Die permanente Bearbeitung einer nicht zu bearbeitenden Situation“, sagt er, hatte er versucht. Jahrelang. Ein Spagat zwischen seiner Arbeit als Seelsorger und der des Chefs. Psychologe, Lehrer, Seelsorger, Controller, Verwalter. Er kann nicht sagen, wann es begann. Oder wie es begann. Die Schlaflosigkeit, die ständige Anspannung, Schmerzen in der Brust. Nur mit Beruhigungstabletten übersteht er die Tage. Er funktioniert, arbeitet mehr als je zuvor. Er ist immer unterwegs, um den Kopf möglichst voll zu haben. Es soll dort kein Platz sein für die Gedanken, die ihn auffressen. Ihm die Luft zum Atmen nehmen. Nachts kommen sie aber wieder, die Gedanken, wie eine nicht enden wollende Spirale im Kopf. Das war im Frühjahr 2006. Irgendwann wusste Wolfgang Eßel: „Ich kann nicht mehr.“ Da war er Mitte 40.

„Alles schwimmt in diesem Beruf“, sagt Eßel heute. Er steht vor einem Einfamilienhaus. „Katholische Pfarrei“, steht auf einem grauen Schild. An der Tür sind zwei Klingelschilder: „Pfarrei Büro“ unten und darüber „Wohnung Pfarrer“. Er schließt die Tür auf, deutet nach oben. Eine Holztreppe führt in die erste Etage. Hinter dieser Treppe verläuft Eßels ganz persönliche Grenze. Unten arbeitet der Priester und Pfarrer Eßel, und oben lebt der Privatmann, der Jazz hört und Motorradfahren liebt. Sein Vorgänger vollzog diese Trennung nicht. Büro, Privatwohnung, alles war noch eins.

Auch Eßel musste erst lernen, diese Grenze zu ziehen. Aber anders als bei Managern und Freiberuflern geht es bei einem Geistlichen um mehr als ums Grenzenziehen. Er muss sich als Mensch neu definieren. Denn der Mensch Eßel ist der Priester Eßel, nicht mehr und nicht weniger. Würde man eine Schablone des Priesters auf die des Menschen Eßel legen, wäre sie an jeder Stelle deckungsgleich. Umso schmerzhafter und schwieriger ist die Suche nach dem Selbstverständnis als Priester, denn sie ist gleichzeitig die Suche nach sich selbst. „Sein Element“ finden, nennt Eßel es. Was ist sein Element? „Ich kann zuhören, die seelsorgerische Arbeit liegt mir“, sagt er. In der Welt der Vorstandsetagen würde man wahrscheinlich sagen, dass er lernen musste, sich auf seine Kernkompetenz zu konzentrieren. Die Fähigkeiten auszubauen, die ihn unentbehrlich machen – und auf der anderen Seite die Arbeit abzugeben, die ihm nicht liegt.

Um herauszufinden, was sein Element ist, kam er ins Recollectio-Haus, auf dem Gelände der fränkischen Benediktinerabtei im idyllischen Münsterschwarzach: ein Ort für katholische Geistliche, die ausgebrannt sind, nicht mehr weiterkönnen, eine Auszeit brauchen. Wie geht man mit der Ablehnung um, die aus den Zahlen spricht? Wie schafft man es, sie nicht auf sich zu beziehen? Wozu bin ich berufen? Ausgelöst durch das Zusammenprallen von Ideal und Realität, stellt sich auch die Frage, die Eßel in all den Jahren nur stumm gestellt hat. Diesmal spricht er sie aus: Ist das der richtige Weg? Ist das mein Weg?

Während dieser drei Monate im Recollectio-Haus arbeitet er in der Gärtnerei des Hauses, packt Wildblumensamen in kleine Plastiktütchen, fährt viel Fahrrad, macht lange Spaziergänge. Er begreift, dass er nicht alle Arbeiten alleine machen muss und auch nicht alles sein kann: „Perfektionismus ist der schnellste Weg in die Hölle.“ Nach seiner Rückkehr wechselt er die Gemeinde. Macht einen Neuanfang. Und trotzdem, auch heute noch, kommt sie immer wieder, diese Frage: Möchte ich wirklich so leben?

Er schmunzelt, als er von einem Treffen mit seiner Weihungsgruppe erzählt. Sie reden über Arbeit, Gottesdienstalltag, über leere Bankreihen, die Überforderung. Da platzt es aus einem seiner Kollegen heraus: „Bin ich eigentlich der Einzige, der schon mal beim Arbeitsamt war?“

Auch Eßel war schon einmal dort. In einer Versicherung könne er arbeiten, haben sie ihm vorgeschlagen. Auch ein Bereich, in dem es darum geht, das Vertrauen der Menschen zu gewinnen. Jetzt muss er grinsen. Lachfältchen bilden sich um seine Augen. Die Vorstellung, Kunden Versicherungen anzudrehen, amüsiert ihn. Fahrräder, die könne er sich vorstellen zu verkaufen. Aber Versicherungen! Auch wenn er sagt, dass es ihm in letzter Zeit wieder schwerer fällt, das umzusetzen, was er im Recollectio-Haus gelernt hat. Dann sagt er diesen Satz, ganz ruhig, wie aus dem Nichts: „Wenn ich aufhören würde, als Priester zu arbeiten, könnte ich keine Kirche mehr betreten.“

Erschienen in:
Ausgabe 02/2012
Redakteur:
Linda Tutmann (Freie Autorin)
Thema:
Großaufnahme
Stichworte:
Evangelisch, Katholisch, Kirchen