Das Wesentliche: Taizé
Was der Wasserkakao predigt
Aus: Christ & Welt Ausgabe 52/2011
Jung und fromm: In wenigen Tagen beginnt das Taizé-Treffen in Berlin.

Bei Wasserkakao und trockenem Brot sitzen seit Jahrzehnten Hunderttausende Schüler, Studenten und andere Unerschrockene frühmorgens auf Baumstämmen und Holzplanken in dem kleinen französischen Dorf und blicken über die sanften Hügel Burgunds hinweg der Morgenröte entgegen. Sie reiben sich die Augen, was mit ihnen passiert ist, vor dem Frühstück waren sie beim Gebet. Mit den eingängigen Liedern der von Frère Roger gegründeten Bruderschaft haben sie den Tag begonnen – und das, obwohl sie eine Woche fern der Heimat sind, ohne Schule, ohne Terminplan, ohne Eltern.
Taizé mag man als Lagerfeuer-Spiritualität abtun, als synkretistisches Kuscheln an den christlichen Konfessionen vorbei, doch der unaufdringliche, unnachgiebig stille Erfolg der weißen Mönche lässt sich schwer leugnen. Keine andere „Bewegung“ hat es geschafft, in der Epoche des kirchlichen Rückzugs – geradezu gegenläufig – Millionen Jugendliche für den christlichen Gott zu interessieren oder sie zumindest mit ihm in Berührung zu bringen. Kein anderer hat es geschafft, Protestantismus, Katholizismus und Orthodoxie in einen Dreiklang zu bringen. Papst Johannes Paul II. hat die Taizé-Treffen für seine Weltjugendtage kopiert. Die eingängigen Lieder bezeugen in der ganzen Welt die gemeinsame Sehnsucht nach einem verbindenden christlichen Glauben. Wer dann gelegentlich als Weltverbesserer verlacht wird, hat sich auch diesen Ruf hart erarbeitet.
Taizé ist keine Neuevangelisierungsmaschine. Vieles ist auf dem Hügel vielleicht manchmal auch mehr Glaubensevent als Glauben selbst. Taizé lehrt die Einfachheit. So viel Entweltlichung wie in der Welt des Wasserkakaos müsste auch Benedikt XVI. gefallen. Das Getränk am Morgen ist schon die erste Predigt. In Taizé gibt es drei Gebete am Tag, Bibelarbeiten vor dem Mittagessen und am Nachmittag. In Deutschland wäre Taizé nicht vorstellbar, weil jemand Milch fürs Frühstück kaufen würde – und Kaffee. Weil sicher genug Geld da wäre, um ausreichend Stühle und Tische bereitzustellen, damit mittags die heiße Suppe nicht auf Knien eingenommen werden müsste. Nun bringt Armut einen nicht direkt in den Himmel, und inszenierte Armut für ungläubige Wohlstandskinder mag erst recht bigott wirken. Doch Taizé schafft es, glaubwürdig zu bleiben. Seit fünf Jahren ist der charismatische Gründer Roger Schütz tot, das Interesse ist offenbar ungebrochen. Jährlich kommen auch unter dem neuen Prior, dem Deutschen Frère Alois, über 100 000 aus aller Welt nach Taizé.
Zum Jahreswechsel haben die Brüder erstmals nach Berlin zu ihrem Europäischen Jugendtreffen eingeladen. Seit über 30 Jahren zieht die Gemeinschaft zu Silvester hinaus in die Welt, um Entweltlichung nicht mit Weltvergessenheit zu verwechseln. Berlin ist wie Wasserkakao – mit ganz wenig Kakao. Natürlich sagen sie es nicht so. Im Angebot der trendigen Super-Hauptstadt zum Jahresendtrubel, in der selbst die Politik nur eine Statistenrolle zugewiesen bekommt, da geht so eine Versammlung mit 30 000 Christen in den Messehallen unter. Die Hauptstadtzeitungen nehmen nur lustlos davon Notiz. „Wir erleben so viel Unterstützung“, sagt dagegen Bruder Han-Yol ungerührt in der stets freundlich-entweltlichten Taizé-Tonlage. In ein paar Tagen ist Weihnachten, die Herbergssuche für die Pilger dauert an. 900 Betten sind am Montag dazugekommen. Ohne PR-Kampagne. Das Verteidigungsministerium hat auch angerufen, stellt Kasernenräume für die Taizé-Pilger bereit. „Die Kirchen dürfen ruhig noch mehr Mut haben“, meint Han-Yol.
1986 war Frère Roger das erste Mal in Berlin. Auf alten Fotos sieht man einen jungen Mann an seiner Seite, der ihm das Mikrofon hält. Der heutige Prior Alois. Sie besuchten damals nur den Osten der Stadt. Es gab ein Gebet in der Hedwigs-Kathedrale und eins in der Marienkirche. Die Zeitungen schrieben damals noch weniger über Taizé. Frère Alois sagte während des Gebets in der Kirche, jeder solle seinen Nachbarn fragen, ob dieser ein Bett für die Nacht habe. Und es hat geklappt.





