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Zehn Gebote, zehn Fragen

Warum tut's weh?

Aus: Christ & Welt Ausgabe 52/2012

Sie sind lästig und unerlässlich. Warum uns Gottes Regelwerk nicht egal sein kann. Alte Tafeln neu gelesen

Ipad: Apple; Montage: C&W

Die Zehn Gebote sind die älteste Herausforderung, seit der Mensch Versuchung kennt. Sie erinnern daran, dass Menschen nie etwas schwerer fiel als der Gute Gehorsam. Den aber fordert das biblische Gesetz seit bald 3000 Jahren unverdrossen ein.

Der Gläubige würde sagen, Gott fordert den Gehorsam von uns. Doch um dem Zweifel eine Spalte zu lassen: Was genau in der Wolke auf Berg Sinai passierte, weiß außer den beiden Beteiligten niemand, und da der eine tot ist und der andere sich nur gelegentlich durch Verrückte oder Kindermund kundtut, ist die Gewissheit der Gläubigen auch hier bestenfalls?… wolkig. Aber seltsamerweise, so erzürnt auch die Gottesgegner aller Art seit Nietzsche geworden sind („Gott ist tot!“), stützt sich eines ihrer Lieblingsargumente auf Gottes Gesetz: Der Himmel sei zwar leer (bis auf das gelegentliche Flugzeug), in den Zehn Geboten aber spiegele sich die Weltweisheit der Menschheit, von „Du sollst nicht töten“ bis „Du sollst nicht stehlen“.

Während also die Quelle des Dekalogs durchaus fraglich ist, hat seine Sprengkraft die Jahrtausende unbeschadet überstanden und fußt auf der anthropologischen Konstante des „Du nicht!“. „Du hast mir gar nichts zu sagen“, ist der natürliche Reflex des aufrechten Gangs, wenn ein freier Mensch von einem anderen zum Gehorsam aufgefordert wird. „Du nicht!“, ist die natürliche Antwort, „und so schon gar nicht!“ Oder in den Worten, die einmal einem evangelischen Pfarrer im Talar von seiner Tochter ohne Talar entgegengeschleudert wurden: „Du bist hier nicht der Bestimmer!“ Warum also sollen für Gott andere Regeln gelten?

Darauf gibt es eine katholische und eine evangelische Antwort. Die katholische Antwort lautet: Gott hat immer recht. Die evangelische lautet: Den Guten Gehorsam erkennt man daran, dass er den Menschen guttut – denen, die gehorsam sind, und den anderen ohnehin, wenn sie weder bestohlen noch getötet werden. Aber im Kern sind die Guten Gesetze erst einmal ein Geschenk an den, der ihnen folgt: Es ist die eigene Seele, die wir entlasten, wenn wir gehorsam sind. In der Freiwilligkeit der Unterwerfung liegt der ganze Wert des Guten Gehorsams. Darum werden die Kirchen der Zukunft demokratisch sein oder sie werden gar nicht sein.

Und auch die Guten Gesetze sind für alle da, Frauen wie Männer guten Willens, also alle, deren erster Hunger nach Selbstbefriedigung gesättigt ist, aber deren Sehnsucht nach der Einheit mit sich selbst größer ist als ihr Vermögen zu wachsen – aus sich selbst heraus über sich selbst hinaus. Den Guten Hirten, der dabei hilft, suchten die Alten in den tönernen Tafeln vom Sinai und die Jungen im klingenden Jesus von Nazaret.

Was also braucht der Gute Mensch unter dem Guten Gesetz für den Guten Gehorsam?

Wunde & Wachstum.

Heil & Heilung.

Widerstand & Ergebung.

Mut & Demut.

Christ & Welt.

Wunde & Wachstum. Erst wenn wir die Wunde unsres Begehrens spüren, sind wir auf dem Weg zu uns selbst. Und nur wenn wir wachsen wollen, sind wir für den Guten Gehorsam offen.

Heil & Heilung. Erst wenn wir uns zutrauen, in uns könnte das Heil der Welt liegen, werden wir reif für die Heilung unsrer Wunden. Weil uns aber manchmal dieses Zutrauen in uns selbst fehlt, kann der Gehorsam gegenüber einem Gesetz, das aus größerer Erfahrung gegossen ist denn unserer eigenen, oder Gehorsam gegenüber einem Heiligen, der mehr sieht als wir selbst, uns aus den eigenen Zwängen befreien.

Widerstand & Ergebung. In unsren Widerständen gegen den Gehorsam zeigen sich die Wunden unsrer Seele. Wollen wir, dass sie sich schließen, ist Hingabe eine Hilfe. Und in der Ergebung an den Guten Hirten wird uns Größe zuteil, die wir uns selber nicht schenken können.

Mut & Demut. Den Mut braucht es, damit wir auf unsre Angst vor dem Gehorsam zulaufen, statt vor der Furcht zu fliehen. Die Demut brauchen wir, um die Lücke der Anspannung zu ertragen zwischen dem Hoffen auf Heilung und dem Erleben von Erlösung.

Christ & Welt. Christus brauchen wir, weil nur ein Gott, der ganz Mensch ist, auch ganz Gott sein kann. Und die Welt brauchen wir, um dort das Gute zu tun, was an uns getan wird von Anbeginn.

 

Erschienen in:
Ausgabe 52/2012
Redakteur:
Patrik Schwarz (Redakteur Die Zeit)
Thema:
Großaufnahme
Stichworte:
Spiritualität, Kirchen, Ethik