Niemals!
Warum es die Hölle nicht geben darf
Aus: Christ & Welt Ausgabe 09/2012
Gott ist Richter, kein Henker. Ewige Strafe passt nicht ins Christentum.
Vorweg: Die Frage ist nicht, ob man „heute noch“ an die Hölle glauben kann. Das „heute noch“ ist in Glaubensfragen (wie überhaupt in den meisten wirklich wichtigen Fragen) keine relevante Kategorie. Es ist sehr wohl möglich und kommt vor, dass die Vergangenheit sich einer Wahrheit bewusst war, die von der Gegenwart vergessen wurde – und die trotzdem wahr bleibt. Die Sünde oder das Böse zum Beispiel sind unpopuläre und fast unverständlich gewordene Begriffe, die gleichwohl wesentliche Realitäten bezeichnen. Wenn das Heute nichts mehr mit ihnen anfangen kann: umso schlimmer für das Heute.
Bei der Hölle liegt die Sache aber anders. Da stellt sich die Frage, ob sie je eine gute, einleuchtende, heilsame Idee war – ob sie überhaupt ins Christentum passt. Oder ob sie nicht eine barbarische, sadistische Strafphantasie darstellt, hart an der Grenze zur Gotteslästerung. Dass die Ungläubigen und Religionskritiker von der Hölle nichts wissen wollen, ist wenig überraschend. Doch so richtig problematisch wird sie erst aus der christlichen Perspektive selbst.
Kann ich irgendjemandem – meinem ärgsten Feind, dem brutalsten Verbrecher, Adolf Hitler – ewige Qualen wünschen, eine pausenlose unerträgliche Folter, die niemals endet, bei der es keine Erlösung durch den Tod gibt? Ich kann es selbstverständlich nicht. Ich würde mich vor mir selbst fürchten und ekeln, wenn ich es könnte. Aber ich soll an einen Gott glauben, der es kann? An einen Gott, der weniger barmherzig ist als ich? Das ist absurd. So kann Gott nicht sein. Und wenn er so wäre, würde man nichts mit ihm zu tun haben wollen.
Das seien doch recht naive Vorstellungen von der Hölle, die man sich bitte schön weniger horrormäßig ausmalen möge, eher als permanentes „Getrenntsein von Gott“ denn mit irgendwelchen Feuertorturen? So argumentieren fortschrittliche Theologen. Aber diese ganzen modernen Umdeutungen der Hölle sind in Wahrheit kraftloses Gerede, das am Kernproblem nichts ändert: dass hier mit einem Gott gerechnet wird, der verwirft und leiden lässt, einem Gott, dessen letztes, endgültiges Wort für den verworfenen Teil der Menschheit das Leidenlassen ist.
Dante, der größte Dichter des Mittelalters, beschreibt in der „Göttlichen Komödie“, seiner Jenseitsvision, das Tor zum unterweltlichen Inferno und gibt die Inschrift wieder, die darauf zu lesen steht. „Mich schuf die ewige Liebe“, sagt die Hölle da paradoxerweise von sich selbst. In der Tat: Das muss glauben, wer seine Überzeugung von der Existenz eines göttlich approbierten Folterkellers mit dem christlichen Bild von diesem Gott vereinbaren will, der nun einmal laut Evangelium die Liebe ist. Es ist aber nicht zu glauben.
Denn Menschen sind endliche Wesen; daher können selbst bei größter Bosheit auch ihre Untaten und ihre Schuld immer nur endlich sein. Und für endliche Vergehen sind auch bloß endliche Strafen angemessen. Die Hölle aber bedeutet im Gegenteil: unendliche Strafen für endliche Vergehen. Hier wird Gott selbst maßlos gedacht, in einem Vergeltungsexzess, wie ein Kaufhausdetektiv, der einen Ladendieb nicht festsetzt, sondern erschießt. Die Idee der Hölle widerspricht nicht nur Gottes Liebe, sondern ebenso Gottes Gerechtigkeit.
Nicht, dass die Verteidigung der Hölle komplett unbegreiflich wäre. Es gibt eine fragwürdige Neigung, es sich mit Gottes Liebe zu einfach und zu bequem zu machen, einen nicht nur lieben, sondern netten Gott zu konstruieren, mit dem man es sich letztlich gar nicht verderben kann. Einen Gott, der nicht bloß den Sündern vergibt (was gut christlich ist), sondern die Sünde gar nicht so schlimm findet (was widersinnig und ärgerniserregend wäre). „Frohbotschaft statt Drohbotschaft“ war einmal ein besonders dämlicher Slogan der progressiven Kirchenkritik. Als wäre die Gefahr des Christentums heute immer noch metaphysische Angstpropaganda und nicht längst eine weichgespülte Wellness-Spiritualität. Das Sperrige, Unbequeme, Fordernde darf man aus dem Gottesbild nicht wegretuschieren. Neben Gottes Liebe gibt es Gottes Zorn.
Daher ist auch das Jüngste Gericht keineswegs eine abwegige Vorstellung.
Dass die Verstorbenen am Ende der Tage aus ihren Gräbern aufstehen und vor den Thron ihres Schöpfers treten, um ihr Urteil zu empfangen, wirkt auf uns zwar geradezu lächerlich mythologisch. Doch hat das Szenario seinen guten Sinn. Es drückt sich die Einsicht darin aus, dass die irdische Realität nicht das letzte Wort haben darf, mit ihrer Ungerechtigkeit, mit dem Leiden von Unschuldigen und dem Triumph von Kriminellen. Dass die Geschichte damit nicht zu Ende sein kann, dass die Sache korrigiert gehört. Auch, dass das Tröstung für die einen bedeutet – und Strafe für die anderen. Ein Gott, dem Gut und Böse nicht egal sind, kann nicht einfach ein Häkchen hinter die Wirklichkeit machen, wie sie nun einmal ist. Er muss sie wieder einrenken.
Es ist der Schritt zur Unwiderruflichkeit der Strafe, in dem die Perversion liegt. Man versteht schon: Die Sache soll wirklich ernst sein, nicht eine Art Geldbuße, die man wie eine Gebühr als Lizenz zum Sündigen gern entrichtet und gewissermaßen schon eingepreist hat. Aber die Hölle verkörpert nicht strenge Wahrheit, dass der Mensch sich entscheiden muss, sondern das Scheitern Gottes. Sie ist ein Raum der Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit, den keine Gnade mehr erreicht. Die Hölle wäre der Beweis, dass das Böse stärker ist als das Gute. Es ist sehr einleuchtend und sinnvoll, sich Gott als Richter zu denken. Aber als Henker oder Arbeitgeber von Henkern nicht.





