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Bekenntnis

Kurienkardinal Cordes: „Wahrhaft katholisch“

Aus: Christ & Welt Ausgabe 24/2011

Ohne Gott läuft gar nichts, behauptet Matthias Matussek etwas salopp und bekommt dafür höchstes Lob aus dem Vatikan: Kurienkardinal Paul Josef Cordes rühmt das Glaubenszeugnis des Journalisten.

Paul Josef Cordes, 1934 im Sauerland geboren, war Kurienkardinal am Heiligen Stuhl und Präsident des Päpstlichen Rates Cor Unum. © Wolfgang Radtke/KNA

Matthias Matusseks Buch ist wie ein Kaleidoskop des Glaubens, das bei leichter Drehung stets neue, überraschende Mosaiksterne bildet. Jede Zeile zeigt eine Lust am Wort, an der Neuschöpfung, als wolle er um alles in der Welt die schalen Frömmigkeitsformeln wegsprengen, in die Glaubensbekenntnisse nicht allzu selten eingekleidet sind.

Sein eingestandenes Ziel ist die Präzision, das geht manchmal bis zur Schmerzgrenze, ja, wenn es sein muss, bis zur Bosheit, die unser unerlöstes Selbst, man muss es verschämt zugeben, durchaus ansprechen kann. Sein Buch ist keine Erbauungsliteratur für höhere Töchter. Es gefällt dem Autor, wie er selbst schreibt, „seinem Werben für den Glauben bisweilen die Türen einzutreten“.

Ich habe sein Buch auf einer Reise durch Lateinamerika gelesen und viel notiert. Das Buch ist selber eine Art bunter Dschungel. Wie lebensnah und angriffslustig bereits der Einleitungsessay über die sieben Hauptsünden ist – man spürt, dass dort einer schreibt, der mit beiden Beinen in der Welt steht und sie als Korrespondent und Reporter bereist hat. Wie sehr Matussek auch ein polemisches Talent ist, beweist er in der Analyse der Wulff-Rede zu den religiösen Wurzeln der Nation. Salopp gesagt: Der Präsident bekommt für seine religiöse Leisetreterei sein Fett weg.

Doch auch die getrennten Brüder der evangelischen Kirche werden nicht ausgespart. Ökumenisch korrekt ist das nicht, was Matussek über den Glauben als wohltemperierte Sozialstation zu sagen hat. An der eigenen Kirche reibt er sich mächtig, an deren Anbiederung an den Zeitgeist und dessen Methoden, und er scheut sich nicht, Ross und Reiter und Bischofsnamen zu nennen. In seinen Polemiken spart er auch den eigenen Berufsstand nicht aus. Er legt sich – über der Frage des Islamismus – gleich mit mehreren Feuilletonchefs an.

Doch dieses Buch ist nicht nur polemisch, sondern auch katechetisch. Am meisten freut es den Seelsorger, dass und wie der Autor Glaubensüberzeugungen einstreut, die Heilige Schrift, die Liturgie, die Formen der Alltagsfrömmigkeit, wie er große Gestalten aus Geschichte und Kultur auftreten lässt in ihrem Ringen mit Gott. Da gibt es zunächst eine beeindruckende Zentrierung um die Gottesfrage. Bei ihm heißt es salopp: Ohne Gott läuft gar nichts. Er ist darin in totaler Harmonie mit Benedikt, dessen gesamte Lehre immer wieder auf diesen Punkt zuläuft und der sogar seine Bayernreise zusammenfasste mit dem Satz: „Ich bin nach Bayern gegangen, um Gott zu verkünden.“ Das ist keine Plattitüde in einer Zeit, in der immer häufiger zu hören ist: Religion ja, wegen ihrer festlichen Aspekte, Gott nein.

Das Beharren auf Gott gibt der Veröffentlichung hohe Aktualität und auch pastorale Relevanz. In unserer säkularisierten Gesellschaft ist Matusseks Absicht ambitioniert, denn gerade hinsichtlich der Gottesfrage sind die geistigen Orte der Leser sehr unterschiedlich. Matussek knüpft an die variierende Glaubensreife seiner Leser an. In den verschiedenen Kapiteln breitet er einen Fächer unterschiedlicher Glaubensdichte aus, denn er will jeden Einzelnen für das Nachdenken über Gott gewinnen.

Da ist zunächst für die Glaubensfernen der Agnostiker Kurt Flasch, mit dem sich Matussek im Schlusskapitel über Meister Eckehart unterhält. (Flaschs Versuch, Eckehart ohne Transzendenz zu lesen, ist allerdings längst von Bernard McGinn und anderen widerlegt). Dann gibt es ein Gespräch mit dem Philosophen Rüdiger Safranski. Er steht für diejenigen, die an ein göttliches Prinzip glauben, aber nicht an einen personalen Gott. Das ist dennoch ein hochgescheites Gespräch, das mich sehr bereichert hat, mit wichtigen Einsichten über heiße und kalte Religion. Doch das Gottesbild bleibt dunkel.

Dann gibt es ein ausführliches Kapitel über die Engel. Sie stehen für Transzendenz, gegen Rationalismus und Empirismus. Die Anknüpfung Matusseks findet sich in kulturellen Inszenierungen, in Romanen, Theaterstücken, Filmen. Ich habe gedacht an Pasolinis „Teorema“, an Marcel Carnés „Besuche am Abend“. Es gibt ja eine Renaissance der Engel. Die Offenheit des Autors bleibt diskret. Er könnte sie freilich im Licht der Offenbarung noch verdichten. In der Bibel sind die Engel eben nicht Zwischenwesen, sondern sie sind Engel Gottes, Engel des Herrn, sie repräsentieren den allmächtigen Gott jeweils, wenn sie in der Bibel zitiert werden.

Schließlich Gottes Gerechtigkeit, ein sehr schwieriger Terminus, mit dem sich die Theodizee schon lange herumgeschlagen hat. Ich hatte sehr viel mit Naturkatastrophen zu tun als Leiter von Cor Unum, der globalen Caritas, und habe irgendwann für mich einen sehr wichtigen Satz des Augustinus entdeckt: „Si comprehendis, non est Deus“ – wenn du ihn verstehst, so ist er nicht Gott. Wir sind nicht auf einer Augenhöhe mit Gott. Er steht über uns, und wir haben zu akzeptieren, was er tut. Matussek reflektiert diese Wahrheit, wenn er einen brasilianische Schriftsteller zitiert, der schlicht sagt: „Ich glaube nicht, dass wir Gott kritisieren dürfen.“

Mit seinen Kindheitserinnerungen eröffnet Matussek dem Leser einen ersten Zugang zu seiner Glaubenswelt. Darüber hinaus finden wir eine einfühlsame Katechese zur Liturgie und zur eigenen Mitfeier der Eucharistie. Es hat mich persönlich sehr berührt, wie der Autor hier wirklich sein Inneres preisgibt, wie er Eucharistie mitfeiert. Es kommt sogar eine Argumentation zugunsten der Beichte und immer wieder die Verteidigung des Zölibats, der letzthin zu einer Brennpunktfrage geworden ist. Ich halte Matusseks persönliches Zeugnis für mutig, da es ihn natürlich wie alle Zeugnisse angreifbar macht. Man kann es missbrauchen. Andererseits sind solche Zeugnisse die wichtigste Hilfe für andere Suchende.

Schließlich: Das Buch ist katholisch. Ein erster Aspekt sind seine beiden Papstbilder. Johannes Paul?II. wird der „Jahrtausendpapst“ genannt. Man muss dieses Papsttum als „Gegenoffensive“ lesen, so schreibt der Autor. Benedikt ist der „lächelnde Unbeugsame“. In dem Zusammenhang fällt ein Zitat des jüdischen Philosophen Bernard-Henri Lévy, das lautet: „Sobald die Rede auf Benedikt XVI. kommt, beherrschen Vorurteile, Unaufrichtigkeit und sogar die glatte Desinformation jede Diskussion.“

Der Autor bekundet stattdessen warme Zuneigung, beschreibt die Nachfolger Petri hellsichtig und gewinnend. Die betreffenden Kapitel sind nicht nur wichtig hinsichtlich des katholischen Kirchenverständnisses, wie mir scheint, nämlich des Primats des Petrus wegen, sie sind bedeutsam auch wegen der katholischen Auffassung von Glaubensvermittlung.

Für die Glaubensverankerung in Gott schlägt nicht nur ein sachlicher Inhalt zu Buche, Theologen sprechen von Fides quae, sondern auch das Glaubensmotiv, die Fides qua, die meistens durch den Zeugen gewährleistet wird. So betrifft der Glaube nicht einfach Gott und die Seele, sondern für ihn zählt die Gemeinschaft mit dem Glaubenden und deren Repräsentanten, eben die Kirche.

Ein zweiter Aspekt des Katholischseins ist für mich die wohlwollende Erwähnung der neuen geistlichen Bewegungen. Matussek ist sensibel für das Miteinander der Glaubenden, für die Dimension des Erlebens und Fühlens, der er ansatzweise in einer mystischen Nacht in Hamburg begegnet ist. Er berichtet auch von einer Bekanntschaft aus der Eisenbahn, an der er eine – ich zitiere: „Entgrenzung ins Glück, eine Entgrenzung der Liebe und des Glaubens“ – erlebt hat. Diese Entgrenzung hat die junge Frau sichtbar erschüttert. Vor allem aber erlebte er in Brasilien, dass von der Glaubensgemeinschaft Halt und Freude ausgehen, dass die Eucharistie die Mitfeiernden trägt und erfüllt.

Demnach muss die Kirche mehr sein als gesellschaftlich relevante Institutionen. Unser Autor entdeckt sie als bindende und verbindende Gemeinschaft. So kommt auch Maria, die Mutter Gottes, ins Spiel. Sie hat einen Platz in ihr und gibt Orientierung. Für solche Realität von Kirche verweist der Autor zu Recht auf neue geistliche Gemeinschaften, das Schönstattwerk, charismatische Gruppen und den Chemin Neuf aus Frankreich.

Die Frage, die uns alle umtreibt, muss nun schlussendlich auf den Tisch, obwohl ich sie leider nicht beantworten kann. Warum hatte Matthias Matussek in die weite Welt zu reisen, um die vitale verändernde Kraft von Glaube und Kirche zu erleben? Warum fehlt den Gemeinden nördlich der Alpen meistens die Schubkraft, die der Glaube in anderen Breiten entzündete? Warum versucht man selbst in der Kirche das Feuer der neuen Bewegungen eher zu löschen als zu entfachen? Ordinarien, Pastoralräte, kirchliche Medien drängen sie an den Rand.

Vielleicht eine Antwort, die aber nur spekulativ sein kann: Da ist wohl einmal für uns die Verdächtigung des Gefühls, das durch die deutschen Präzeptoren Kant und Hegel verursacht worden ist. Schleiermacher hatte alle Frömmigkeit unter das Gefühl der Abhängigkeit von Gott subsumiert. Hegel antwortete darauf mit der Polemik, dann sei wohl der Hund der beste Christ, denn er trüge dies Gefühl der Abhängigkeit am stärksten in sich. Sicher hat in unserer Mentalitätsgeschichte auch der Soldatenkönig und Calvinist Friedrich I. gewirkt. Er hat uns das Gefühl ausgetrieben und durch militärisch brauchbarere Tugenden ersetzt: Zäh wie Leder, hart wie Kruppstahl, hörten wir als Jugendliche. Ein Indianer weint nicht, oder: Sag es später.

Schließlich auch: Wir verkennen den Gemeinschaftsbezug. Luther verkündete die Isolierung des Glaubenden und hat die Privatisierung des Glaubens verbreitet. Seine Sterbensfurcht ist beeindruckend. Ich zitiere: „Es muss dann jeglicher auf seiner Schanz“ – das heißt, auf seinem Kampfplatz – „selbst stehen und sich mit den Feinden, mit dem Teufel und mit dem Tod selbst anlegen und mit ihnen allein im Kampf liegen. Ich werde dann nicht bei Dir sein und Du nicht bei mir.“ Doch Luthers Angst behindert die Klarsicht auf das Ganze der Glaubensaussagen, Gottes Hilfe in Christus und in der Gemeinschaft seines mystischen Leibes, das wird ausgeblendet.

Ein letztes Element: der Überhang des Rationalen. Offenbarung droht zu einem abstrakten System zu vertrocknen. Dafür gibt es einen unverdächtigen Zeugen: Karl Rahner, den Verstandesarbeiter unter den Theologen. Kurz vor seinem Tod wurde er von dem belgischen Kardinal Leo Suenens gefragt, wie er sich den Rückgang der marianischen Frömmigkeit in der Kirche erkläre. Seine Antwort: „Allzu viele Christen, ganz gleich welcher Richtung, sind geneigt, aus dem Christentum eine Ideologie, eine Abstraktion zu machen, und Abstraktionen brauchen keine
Mütter.“

Mein Fazit: Matusseks Buch ist allen eine kulturelle Fundgrube und ein Lesevergnügen. Dem engagierten Christen, ob geweihten Hirten oder getauften Gliedern der Kirche, die ihren Taufauftrag ernst nehmen, ist es nicht nur eine Provokation. Es ist ein echter Impuls zum Apostolat.

Der Text gibt leicht gekürzt die Rede wieder, die Kardinal Cordes anlässlich der Präsentation des Buches „Das katholische Abenteuer“ Mitte Mai in Rom gehalten hat.


Erschienen in:
Ausgabe 24/2011
Redakteur:
Paul Josef Cordes (Kurienkardinal)
Thema:
Großaufnahme
Stichworte:
Katholisch, Kirchen, Medien, Lebensstil