Adel
Vorwärts zur Monarchie!
Aus: Christ & Welt Ausgabe 04/2012
Schluss mit der kleinbürgerlichen Debatte um Hauskredite und Mailboxnachrichten. Friedrich der Große zeigt, was Deutschland heute braucht: Besser ein aufgeklärter König als ein angeschlagener Bundespräsident.

So geht das nicht weiter! Kreditaffäre, Mailboxskandal, das System Hannover mit seinen gesponserten Urlauben und spendierten Bierzeltbieren: Der Bundespräsident steht mit dem Rücken zur Wand. Die Presse buddelt nach Fehlern wie die Goldsucher nach den Nuggets. Und die Opposition zieht das Ganze in die Länge, um Merkel zu quälen. Inzwischen rufen sogar Christdemokraten, die Krokodilsträne im Knopfloch, nach Rücktritt. Weil sonst das Amt Schaden nehme.
Das ist Unfug. Das Amt ist nicht die Person, die es trägt. Das nennt man Demokratie. Doch solange die so ist, wie sie ist, müssen halt Abrechnungen gewälzt, Bonusmeilen gezählt und Terminkalender verglichen werden. Solche Aufklärung wirkt kleinlich, peinlich ist sie aber nicht, peinlich wird es erst, wenn Leute, die selbst nie Gefahr laufen, als Vorbild zu dienen, beklagen, dass der Präsident kein Vorbild sei. Da rechten Kleinbürger mit dem Kleinbürger. Von Glanz und Würde keine Spur. Längst schimpfen die Wähler nicht mehr auf den Präsidenten, sondern auf die Presse. Was ein Problem ist für den Staat. Für die Aufklärung sowieso.
So blickt dieser Tage alles, was sich nach Aufklärung sehnt, auf den sogenannten Alten Fritz. Vor 300 Jahren wurde der im Berliner Stadtschloss geboren. Der Philosoph auf dem Thron, der aufgeklärte Despot, Reformer und Integrator ist zwar schon lange tot, doch Ruhe findet er nicht. Seit er am 17. August 1786 in seinem Potsdamer Lehnstuhl verschied, wird er immer wieder für lebendig erklärt. Die Nazis stilisierten ihn zu ihrem Vorläufer. Auch die beiden deutschen Teilstaaten wollten einen Abglanz des friderizianischen Mythos auf ihre (klein-)bürgerlichen Welten lenken. 1980 kramte die DDR den lange schamhaft verborgenen König aus dem Fundus und stellte ihn als Reiterdenkmal auf die Straße Unter den Linden. Dort regelt er seither den Verkehr. Und Deutschlands Einheit vollendete sich erst 1991. Damals sah Helmut Kohl, Deutschlands mächtigster Historiker, zu, wie Friedrichs Gebeine auf ihrer wohl allerletzten Reise von der Burg Hohenzollern ins Schloss Sanssouci kamen. Geschichte ist Identität. Und „wir“ sind alle Preußen – oder wären es gern.
Friedrich II. war zwar ein Despot, ein Leuteschinder und Zyniker. Doch seine Verehrer sehen ihn lieber als Intellektuellen und Künstler, als modernen Freund der Religions- und Pressefreiheit, als den Aufklärer, der einen jeden „nach seiner Façon“ habe „selig werden“ lassen. Dass das so nicht ganz stimmt, ficht echte Fritz-Fans nicht an. Für sie war der kleine Mann mit der Querflöte ein Regent von tragischer Größe, ein Misanthrop aus Erfahrung. Kein Wunder bei dem Los, das ihm zuteil wurde! Wer dabei sein muss, wenn der beste Freund auf Geheiß des eigenen Vaters enthauptet wird, wer gegen seine Neigungen eine politische Ehe eingeht, wer sich als Aufklärer fühlt und zugleich als Feldherr und Herrscher unbedingten Gehorsam fordert, kann kein glücklicher Mensch sein. Ein Mensch mit Schicksal ist er doch. Und Schicksal bedeutet Würde. Das macht Friedrich II. so beliebt. Gerade jetzt.
Wozu braucht Deutschland noch einen Bundespräsidenten? Als Prediger der Nation? Als Gesetzesabnicker? Der Präsident hat kein Schicksal zu haben, um Würde zu zeigen, sein Amt ist reine Symbolik. Um es auszufüllen, muss er bloß glaubhaft und integer auftreten. Momentan misslingt das. Deshalb fordern manche, das Amt ersatzlos zu streichen. Das wäre grundfalsch. Auch ein nüchternes Land braucht Symbole, braucht Leute, die Orden verteilen und freundlich leere Reden halten. Und es braucht Würde. Die hat nicht jeder, die entsteht durch Schicksal oder Leistung. „Hin und wieder kommt auch Verdienst und Talent bei Nichtadeligen vor“, meinte Friedrich II. gnädig, „aber das ist doch recht selten.“
Mit anderen Worten: Deutschland ist reif für die Monarchie. Da kommt das Jubiläum gerade recht. Mit dem ihm eigenen Sinn für den Kairos gab Christian Wulff Anfang der Woche in Schloss Bellevue ein Abendessen zu Ehren von Georg Friedrich Prinz von Preußen. Anlass: der 300. Jahrestag des Geburtstages von Friedrich II. War das bloß fürs Protokoll? Oder zeigte sich hier der Beginn einer glanzvolleren Zukunft? Beim offiziellen Geburtstagsfest am 24. Januar wird jedenfalls mit Wulffs Erscheinen gerechnet. Auch wenn Preußen seit bald 65 Jahren aufgelöst ist: Deutschlands Monarchisten fühlen sich im Aufwind.
Natürlich wird Deutschland nie Preußen sein, da sind nicht nur die Welfen vor, sondern auch der Süden mit seinen Wittelsbachern, Badens und Württembergs. Auch hegen viele Bürgerliche Argwohn gegen Preußen und seinen mythischen Friedrich. Für Thomas Mann war „der alte Fritz“ ein „schauerlicher Name“, „denn es ist wirklich in höchstem Grade schauerlich, wenn der Dämon populär wird und einen gemütlichen Namen erhält“. Nüchterner brachte es Helmut Schmidt auf den Punkt. Er sah Manns Dämon als einen „Alexander den Großen im Taschenformat“. Mit Preußen wird es wohl nichts werden. Einen Kaiser will sowieso keiner, der letzte war zu abschreckend.
Was tun? Ein dynastischer Neuanfang muss her. Und der lässt sich allein im Geist der Globalisierung denken. Die Briten zeigen, wie eine Demokratie als Monarchie funktioniert. Das ist eine Chance: Wenn Deutschland den inneren Kleinbürger überwinden will, muss es sich dem Commonwealth of Nations anschließen. Seit 60 Jahren leitet Queen Elizabeth II. den Staatenbund. Zwischen Australien und Bangladesch, Gambia, Indien, Jamaika, Kanada, Lesotho, Mosambik, Neuseeland, Pakistan und all den anderen Mitgliedern dürfte sich doch noch ein Plätzchen finden für good old Germany.
Gewiss, das britische Königshaus kostet eine Menge Geld, es ist viel zu reich, und gerade seine jüngeren Mitglieder lassen gutes Benehmen bisweilen vermissen. Aber die Royals tragen prima Handtaschen mit sich, winken wirksam von Balkonen und reisen in tollen Autos umher. Manche dienen in der Armee. Ohne den Ersten Weltkrieg hießen sie immer noch Sachsen-Coburg-Gotha. Nun, als Windsors, versorgen sie ihre Untertanen mit der nötigen Dosis Glanz, mit Herz und Schmerz – und mit der tiefen Wahrheit, dass Würde Schicksal braucht. Wie im richtigen Leben.





