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Oswald Metzger

Vivat, Wettbewerb!

Aus: Christ & Welt Ausgabe 46/2011

Unser Wirtschaftssystem soll am Ende sein? Das Gegenteil ist richtig, sagt der CDU-Politiker und frühere Grüne Oswald Metzger: Es ist Zeit, den Kapitalismus gegen seine Kritiker zu verteidigen.

Grinsegesicht: Die Maske ist das Erkennungszeichen der Occupy-Bewegung. Sie zeigt das Antlitz von Guy Fawkes, einem katholischen Fanatiker, der 1605 das britische Parlament in die Luft sprengen wollte. © Hartmut Müller-Stauffenberg/Imago

Nicht nur in Deutschland (s. Link unten: „Weh euch, ihr Reichen!“) ist das Dilemma spürbar: Es ist einfach und mehrheitsfähig, das aktuelle Wirtschafts- und Finanzsystem zu kritisieren. Doch was wäre eine gerechtere Alternative? Christ & Welt bittet in dieser Ausgabe zur Kritik am Kapitalismus. Und zu seiner Verteidigung.

Fundamentalkritik am Kapitalismus gehört derzeit zum guten Ton, nicht nur in den Feuilletons, auch in Teilen der Wirtschaftspresse. Die partiellen Exzesse in der Finanzwelt haben den Kapitalismus in Misskredit gebracht. Zu Unrecht, wie ich meine. Der Kapitalismus hat mehr Wertschätzung verdient. Es ist an der Zeit, ein Plädoyer für ihn zu halten.

Die kapitalistische Wirtschaftsordnung hat Wohlstand geschaffen. Noch nie in der Geschichte der Menschheit lebten so viele Menschen auf diesem Planeten in so großem Wohlstand wie heute. Privateigentum, Wettbewerb und Arbeitsteilung sind die konstitutiven Elemente der Marktwirtschaft. Sie haben ihren Siegeszug angetreten, deshalb können heute weit mehr Menschen über Erwerbsarbeit ihren eigenen Lebensunterhalt verdienen als je zuvor. Gerade in den asiatischen und südamerikanischen Schwellenländern haben sich Hunderte von Millionen Menschen in den vergangenen zwei Jahrzehnten aus absoluter Armut herausarbeiten können. Dort wächst eine breite Mittelschicht heran, die sich heute Premiumprodukte aus Deutschland leistet und damit auch den Wohlstand in unserer saturierten Volkswirtschaft mehrt.

Der real existierende Sozialismus hat den Armen nicht befreit, im Gegenteil: Er hielt Menschen in Armut gefangen. Gemeineigentum lähmt die Eigeninitiative und verleitet zu schlampigem Umgang mit Ressourcen. Erst die Antriebskraft möglichst vieler egoistischer Privateigentümer führt zu kollektivem Wohlstand. Deshalb ist Privateigentum sozialer als Gemeineigentum. Wer auf eigene Rechnung handelt, agiert verantwortlicher, vor allem, wenn er für sein Tun auch haftet. Deshalb gehören die Begriffe Verantwortung und Haftung zwingend zum kapitalistischen Wertekern. Gegen hochspekulative Maßlosigkeit hat der Kapitalismus eine scharfe Waffe: den Totalverlust. Wer sich verspekuliert, büßt mit dem Bankrott.

Dieser Auslesemechanismus gilt für den größten Teil der Akteure unserer Wirtschaftsordnung – vor allem für Privatleute, aber auch den weit überwiegenden Teil des Unternehmenssektors. Das deutsche Handelsgesetzbuch kennt den Begriff des ehrbaren Kaufmanns, für den Treu und Glauben und Anstand moralische Kategorien sind, die gerade im Geschäftsleben gelten. Ehrbare Kaufleute gibt es noch.

Wer die organisierte Verantwortungslosigkeit im Investmentbanking der Wall Street oder der Londoner City als Argument gegen den Kapitalismus wenden will, verkennt Ursache und Wirkung: Gerade weil dort die Grundprinzipien der Marktwirtschaft nicht exekutiert werden, müssen immer wieder die Steuerzahler statt der Eigentümer haften. Hier lässt sich die Politik seit vielen Jahrzehnten als Handlanger des „Too big to fail“ instrumentalisieren. Was als Beweis für das Versagen der kapitalistischen Ordnung herhalten muss, stellt in Wirklichkeit ein kapitales Politikversagen bei der Durchsetzung marktwirtschaftlicher Prinzipien dar. Es ist kein Wunder, dass gerade in Deutschland die Banken, die sich im Besitz des Staates befinden (oder befanden) und von der Politik „kontrolliert“ wurden, am meisten mit Subprime-Produkten gezockt und verspielt haben.

Wettbewerb ist ein wesentlicher Bestandteil unserer Wirtschaftsordnung. Er sorgt für ständige Innovation. Der Nobelpreisträger Friedrich August von Hayek sprach vom „Wettbewerb als Entdeckungsverfahren“. Konkurrenz belebt das Geschäft, sagt der Volksmund. Wettbewerb eröffnet auch Newcomern die Chance, aus eigener Kraft nach oben zu kommen. Gerade in der Informations- und Kommunikationsbranche gibt es dafür junge und spektakuläre Beispiele.

Während im Sport der Wettbewerb nach festen Regeln allgemein akzeptiert wird und zu Höchstleistungen anspornt, neigen viele – Konsumenten wie Unternehmer – im Zweifelsfall dazu, den Wettbewerb über staatliche Interventionen auszuschalten: durch Subventionen und Kartelle. Um die Spielregeln einzuhalten, braucht es eine staatliche Rahmenordnung, die für fairen Wettbewerb zwischen Konsumenten und Produzenten, aber auch zwischen den Unternehmen sorgt. Wer die Regeln verletzt, muss bestraft werden. Wenn sich Teilnehmer falsch verhalten, disqualifiziert das nicht die Wettbewerbsordnung. Sie sorgt für mehr Produktivität und Wohlstand als das schlichte Teilen.

Im Kapitalismus gibt es keine staatliche Steuerung durch eine zentrale Planungsbehörde. Der schottische Moralphilosoph und Begründer der klassischen Volkswirtschaftslehre, Adam Smith, prägte den Begriff von der „unsichtbaren Hand“ für den Selbststeuerungsprozess des Marktes. Millionen von Unternehmen, die Waren und Leistungen anbieten, treffen auf Abermillionen von Konsumenten, die ihre Angebote nachfragen. Nachfrage und Angebot sorgen für Marktpreise, weil sie Knappheiten und Überangebote weit zuverlässiger abbilden als jede administrative Steuerung. Voraussetzung für eine nachhaltige Selbststeuerung ist aber, dass auch die Inanspruchnahme natürlicher Lebensgrundlagen, der Luft etwa, einen Preis hat. Deshalb sind marktwirtschaftliche Regularien, wie etwa der Emissionshandel, der den Kohlendioxidausstoß zu einem Kostenfaktor macht, so wichtig und richtig.

Eine eminente Rolle spielen in unserer Wirtschaftsordnung auch das hohe Gut der Rechtssicherheit und eine soziale Mindestabsicherung, die auf Subsidiarität setzt. Rechts- wie Sozialstaatlichkeit sind Produktivfaktoren, nicht Hemmschuhe der kapitalistischen Wirtschaftsordnung. Sie mildern die Angst der Menschen vor dem wirtschaftlichen Absturz und befördern so auch die Akzeptanz unserer Wettbewerbsordnung. Die Höhe der sozialen Mindestabsicherung so auszutarieren, dass die Anreize zum eigenen Engagement nicht verloren gehen, ist und bleibt eine beständige gesellschaftspolitische Herausforderung.

Was den Charme des Kapitalismus in seiner westlichen Ausprägung vervollkommnet, ist sein Freiheitspostulat. Alle Akteure in unserer Wirtschaftsordnung können in Freiheit leben und in Freiheit handeln. Demokratische Grundprinzipien harmonieren wie selbstverständlich mit der kapitalistischen Wirtschaftsordnung. Deshalb lässt sich unsere Wirtschafts- wie Gesellschaftsordnung mit Überzeugung verteidigen!

Oswald Metzger lebt als Publizist in Ravensburg. Er war haushaltspolitischer Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion. Seit 2008 ist er CDU-Mitglied. Vor Kurzem wurde er zum stellvertretenden Bundesvorsitzenden der Mittelstands- und Wirtschaftsvereinigung (MIT) der CDU gewählt.

Erschienen in:
Ausgabe 46/2011
Redakteur:
Oswald Metzger (Publizist, ehemaliger Grüner und seit 2008 CDU-Mitglied)
Thema:
Großaufnahme
Stichworte:
Innenpolitik, Ethik, Wirtschaft