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Afghanistan

Verschwiegen, verdrängt, vergessen: unsere Soldaten

Aus: Christ & Welt Ausgabe 32/2011

Seit fast zehn Jahren führt die Bundeswehr Krieg am Hindukusch. Doch die Deutschen interessieren sich für ihre Armee wenig. Was sind die Gründe für diese Entfremdung? Raoul Löbbert macht sich auf die Suche.

Stahlhelm: Er schützt den Soldaten, macht ihn für den Feind aber auch zum Ziel. © Star-Media/Imago

Die Veteranin

Wer hätte gedacht, dass es in Deutschland einmal Menschen geben könnte wie Caroline Schwarz? Die 26-Jährige ist Soldatin, mehr noch: Sie zog für Deutschland in den Krieg, sie ist eine Veteranin. Ein Wort, das es scheinbar bislang nicht gab im Deutschen. So manche automatische Rechtschreibprüfung jedenfalls kennt es nicht.

Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg denkt hierzulande noch immer die Mehrheit beim Wort Veteran zunächst an Kriegerdenkmäler, die an Verdun oder Sedan erinnern. Vielleicht denkt man noch an den Großvater mit der Kriegsverletzung am Bein und wie er früher immer anfing zu zittern, wenn an Silvester die Böller knallten. Oder man denkt an die Scorpions, diese Veteranen des Rock. Oder an Boris Becker, den Veteranen von Wimbledon, so als wären Tennisplatz und Konzertbühne die deutschen Schlachtfelder von heute. Doch wohl niemanden lässt das Wort Veteran an eine junge, braun gebrannte, fröhlich lächelnde Blondine denken, die auch locker als Animateurin eines Club Méditerranée durchgehen könnte, steckte sie nicht in der Uniform eines Sanitätsoberfeldwebels. Caroline Schwarz hat Erfahrungen gemacht, die über zwei Generationen in der Bundesrepublik undenkbar schienen. Sie war als deutsche Soldatin im Ausland. Man hat auf sie geschossen – dreimal während ihres Einsatzes in Afghanistan, diesem Land am Hindukusch, in dem Deutschland verteidigt wird, glaubt man Ex-Verteidigungsminister Peter Struck.

Caroline Schwarz kennt diesen Satz von Peter Struck nicht. Als Struck ihn aussprach, war der Krieg, in dem Caroline Schwarz einmal kämpfen sollte, noch kein Krieg, sondern bloß ein „Stabilisierungseinsatz“. Er war noch jung und Caroline Schwarz war es auch. 17 Jahre war sie alt. Eine Schülerin aus Eisenhüttenstadt, die beeindruckt war von den schicken Soldaten, die als Freunde und Helfer im Oderbruch Sandsäcke gestapelt hatten. Gleich nach der Schule habe sie sich verpflichtet, erzählt sie. Einen zivilen Beruf hatte sie nie. Das Vaterland verteidigen, nein, daran habe sie nie gedacht. Soldat, das war für sie ein Job wie jeder andere und die Uniform nur Berufsbekleidung. Heute allerdings sei das anders. Heute trage sie die Uniform mit Stolz, sagt sie und flüstert fast, denn so etwas dürfe man in Deutschland eigentlich nicht aussprechen. „Hier wird man ja bereits komisch angeschaut, wenn man in Uniform einkaufen geht.“ Caroline Schwarz schaut auf ihre Hände. Ja, sie habe sich verändert, sagt sie. Der Krieg hat sie verändert. Nur Deutschland scheint immer noch so zu sein wie damals Ende der Neunziger, als es die erste Pflicht des Soldaten war, Sandsäcke zu schleppen. Hat dieser Krieg denn überhaupt keine Spuren hinterlassen bei denen, die nicht dabei waren? War Deutschland im Krieg – oder hat es nur seine jungen Leute geschickt?

Beinahe zehn Jahre wird die Bundesrepublik nun schon am Hindukusch verteidigt. Damit dauert der Einsatz fast so lange wie der Erste und der Zweite Weltkrieg zusammen. Mehr als 50 Bundeswehrsoldaten sind in ihm gefallen, und mittlerweile spricht nicht nur die Politik von Krieg. Laut Statistik lehnt eine Mehrheit der Deutschen den Einsatz ab, dennoch scheint sich kaum jemand hierzulande ernsthaft für diesen deutschen Krieg zu interessieren. Es gibt weder Demonstrationen für noch gegen ihn – wer hätte das in den friedensbewegten Achtzigern gedacht, als schon ein Waldlauf von Männern in Olivgrün von manchen als Bundeswehreinsatz im Inland gewertet wurde, der mit Sitzblockaden nicht unter sechs Stunden zu ahnden war. Doch das ist lange her. Heute gehen die Deutschen nur noch auf die Straße, um gegen Bahnhöfe zu demonstrieren, nicht jedoch, wenn es um Fragen von Leben, Tod und Krieg geht. Warum ist das so?

In seinem vor Büchern überquellendem Büro an der Berliner Humboldt-Universität holt Herfried Münkler erst einmal tief Luft. Münkler ist eine Art Mischung aus Clausewitz-Reinkarnation und politischem Orakel. Seit Jahren kommentiert der Politikwissenschaftler, der den Begriff des „asymmetrischen Kriegs“ erfand, den Afghanistan-Einsatz und ist damit unter Deutschlands Intellektuellen eine Seltenheit. „Um auf die Frage zurückzukommen“, sagt er nach einigem Grübeln, „Afghanistan ist weit weg.“ Es mache schon einen Unterschied, was die Bundeswehr im heimischen Forst treibe und was am anderen Ende der Welt. Zudem könnten die meisten Mediennutzer und -macher nicht nachvollziehen, was die Bundeswehr in Afghanistan genau tue und ob sie erfolgreich sei damit. Selten dringt der Einsatz ins öffentliche Bewusstsein, und wenn, dann nur wenn ein Anschlag passiert ist und es Tote gab. Die nehme man hin, wie man auch hinnehme, dass bei einem Flugzeugabsturz irgendwo auf der Welt Deutsche unter den Opfern sind.

Genau darum gehe es, sagt Caroline Schwarz. „Wer schätzt eigentlich wert, was wir dort leisten?“, fragt sie. „Wer hält die Arbeit der Bundeswehr überhaupt für wichtig?“ Oder denke am Ende ganz Deutschland so wie die ehemalige EKD-Ratsvorsitzende Margot Käßmann? Die brachte mit ihrem berühmten Satz „Nichts ist gut in Afghanistan“ die diffuse Ablehnung der deutschen Bevölkerung auf den Punkt. Bei diesem Einsatz, sagt Schwarz, riskiere jeder einzelne Soldat für Deutschland sein Leben. Doch Deutschland tue so, als habe es damit nichts zu tun.

„In einer postheroischen Gesellschaft wie der bundesrepublikanischen“, versucht Herfried Münkler zu erklären, „gibt es halt keinen Sinn mehr für das patriotische Opfer.“ Allein der Begriff klingt heute so altmodisch wie eine Schellackplatte von Lale Andersen. An die Stelle des Opfers trat mit den Jahren das Berufsrisiko: Im Krieg sterben zu können gehört für viele mittlerweile als selbstverständliche Möglichkeit zum Soldatsein dazu, kein Grund also, eine große Sache draus zu machen, oder doch? „Doch“, sagt Münkler und krault sich den Vollbart. „Auch so unheroische Gesellschaften wie die unsere sind hin und wieder auf heldenhaftes Handeln angewiesen.“ Die Zeit könne noch so durchrationalisiert sein, der Tod fürs Vaterland bleibe immer mehr als ein Berufsrisiko. Es steht für ein zutiefst antiökonomisches Verhalten: „Menschen übernehmen jenseits der Abwägung von Risiko und Bezahlung eine lebensgefährliche Aufgabe, einfach weil sie erforderlich ist.“ Im Krisenfall kann dieses Engagement eine Zivilgesellschaft retten, wie das Beispiel der Feuerwehrleute von Fukushima beweist.

Heute dürfen Soldaten zwar ihr Leben riskieren, aber als Veteranen können sie noch nicht mal kostenfrei Bus fahren. Keiner will sie als Helden sehen. Vielleicht liegt das daran, dass viele Deutsche den Afghanistan-Einsatz nicht für nötig halten. Vielleicht auch daran, dass viele amüsiert reagierten, als Peter Struck einen Bündniseinsatz am Ende der Welt zum großen deutschen Verteidigungsfall erklärte. Vielleicht ist schlicht Enttäuschung der Grund. Immerhin sollten Soldaten, so Münkler, in Afghanistan „Nation-Building betreiben, das Land demokratisieren, die Gleichstellung von Mann und Frau sicherstellen und nebenbei die Taliban und Al-Kaida schlagen“. Das konnte nicht gut gehen.

Möglicherweise liegt es aber auch daran, dass selbst Veteranen wie Caroline Schwarz keine Ahnung haben, ob, was und gegen wen die Bundeswehr in Afghanistan gewinnt oder verliert und ob nicht dieser Auslandseinsatz bald enden wird wie ihr erster Außeneinsatz in Kundus.

Raus mussten sie, um zu helfen, erzählt Caroline Schwarz: Eine Brücke soll gebaut werden. Die Afghanen sollen sie bauen, die Bundeswehr soll sie beschützen. Nation-Building in klein. Doch die afghanischen Bauarbeiter kommen nicht. Stundenlanges Warten. Überall Zivilisten, Händler, Bauern. Plötzlich Schüsse. Der Bauer, der gerade noch Zivilist war, hat jetzt ein AK-47 in der Hand und ist der Feind, legt er sie weg, ist er wieder Zivilist – was macht man da bloß? „Ganz einfach“, sagt Caroline Schwarz. „Man schießt nicht, man weicht aber auch nicht zurück. Man bildet eine Wagenburg, nur mit Panzern, und lässt sich beschießen.“ Alles streng nach Vorschrift: Geschossen werden darf nur, wo keine Zivilisten sind, aber auch kein Feind, also draußen in der Pampa am besten auf feindliche Bäume. Überall sonst muss die Bundeswehr warten, bis die Taliban keine Lust mehr haben. Darum gehe es oft in Afghanistan, sagt Caroline Schwarz, ums Warten. „Wer hält es länger aus, wir oder die?“ Als es dunkel wird, ziehen die Taliban schließlich ab. „Da fuhren wir nach Hause und das war’s.“ Wie soll man sich da als Held vorkommen?

Der Minister

Hat dieser Krieg denn gar keine Spuren hinterlassen im Gesicht von Franz Josef Jung? Die Haut des 62-Jährigen ist gebräunt, die Augen strahlen, der Mund lächelt. Wer befürchtete, drei Tage vor den großen Parlamentsferien im Bundestag einen posttraumatisch belasteten Ex-Verteidigungsminister vorzufinden, wird positiv überrascht. Dabei ist auch Franz Josef Jung ein Afghanistan-Veteran. 2009 kegelte die Kundus-Affäre den heutigen Abgeordneten aus Merkels Kabinett. Da war Jung bereits nicht mehr Verteidigungs-, sondern Arbeitsminister und sah alles andere als entspannt aus. Zuvor hatte er einige ziemlich ungeschmeidige rhetorische Pirouetten hingelegt, um die durch den deutschen Oberst Klein angeordnete Bombardierung zweier Tanklaster mit über 140 zum Teil zivilen Toten zu rechtfertigen. Ein einziges Wort wurde Jung dabei zum Verhängnis, das Wort „angemessen“. Denn genau das sei der Angriff gewesen.

Heute will Franz Josef Jung das Wort nicht mehr in den Mund nehmen. Dabei sagt er noch dasselbe, nur anders: „Ich habe mich immer an die Seite von Oberst Klein gestellt und werde es auch weiterhin tun. Er hat seine Entscheidung getroffen, um die Sicherheit seiner Soldaten zu gewährleisten. Das war richtig.“ Und dann sagt Franz Josef Jung einen Satz, der vor zwei Jahren noch von seinen eingefallenen Wangen, seinem nervösen Herumrücken auf dem Stuhl oder der erstarrten, leicht gräulichen Miene konterkariert worden wäre: „Rückblickend bin ich mit mir und meinem Verhalten in dieser Sache im Reinen.“

Will man verstehen, wie der Afghanistan-Einsatz Deutschland verändert hat, muss man Franz Josef Jung verstehen. Denn er ist die Vergangenheit. Ein Volksvertreter, wie die Deutschen ihn sich jahrzehntelang wünschten: fleißig, loyal, Hobbywinzer, nicht wortgewandt, kein Mann von Welt, dafür bescheiden und tief verwurzelt in seiner hessischen Heimat (was man auch hört). Kurz: Er ist der Anti-Guttenberg. Erst mit dem mittlerweile abgetauchten adligen Nachfolger Jungs sollte die Grandezza in die deutsche Politik einziehen, die große Geste. Lange taten sich die Deutschen damit schwer, vor allem, wenn es ihre Armee betraf. Seit Guttenberg aber darf man als Politiker Worte wie Ehre, Vaterland und Pflichterfüllung wieder gefahrfrei verwenden, auch wenn sie seltsam steif klingen, wenn kein Baron sie ausspricht.

Vielleicht kommen sie Franz Josef Jung gerade deshalb so selten über die Lippen, fast so selten wie das Wort, das Guttenberg im Zusammenhang mit Afghanistan handstreichartig etablierte: Krieg. Noch heute spricht Franz Josef Jung vom „Stabilisierungseinsatz“. „Und ich werde es auch weiterhin tun“, sagt er. „Der Einsatz als solcher ist kein Krieg, das muss man auch deutlich machen.
Krieg beschreibt einseitig die militärische Komponente.“

Nein, ein Visionär wie Guttenberg ist Jung nicht, eher ein Pragmatiker. Und anders als sein Nachfolger sieht er im Ende der Wehrpflicht keinen Aufbruch in ein sicheres, tarngeflecktes Morgen mit einer Bundeswehr, die so beliebt ist, wie es Guttenberg einmal war. Franz Josef Jung sieht vor allem die Probleme. „Mit mir hätte es die Abschaffung der Wehrpflicht nicht gegeben“, sagt er. „Es wird künftig sehr viel schwerer werden, junge Menschen für die Bundeswehr zu gewinnen.“ 60 000 Wehrpflichtige habe es einst gegeben. „Davon blieb gut die Hälfte bei uns. Zwischenzeitlich hieß es, nach Abschaffung der Wehrpflicht werden sich 15 000 Freiwillige pro Jahr für die Bundeswehr entscheiden. Jetzt sind es 3600. Es bleibt also noch viel zu tun, um die Attraktivität der Bundeswehr als Arbeitgeber zu erhöhen.“

Zusätzlich treibe die gute Konjunktur die jungen Menschen in die Wirtschaft. „Für die Bundeswehr ist anhaltender wirtschaftlicher Aufschwung in Deutschland bislang eher ein Problem als ein Vorteil.“ Und doch: Trotz seiner Vorsicht und seines Pragmatismus ist Franz Josef Jung im Herzen ein Romantiker. Er glaubt und sagt nicht nur, dass es die Hauptaufgabe der Bundeswehr in Afghanistan ist, zu helfen, Gutes zu tun – und nicht Krieg zu führen. Und das wird er auch weiterhin sagen, selbst wenn er damit der Letzte in Deutschland sein sollte. Dabei war er es, nicht Guttenberg, der den Krieg ein für alle Mal in die bundesrepublikanische Geschichte zementierte.

Das Denkmal

Am Paradeplatz vor dem Berliner Bendlerblock, dem Sitz des Bundesverteidigungsministeriums, steht das Gras so hoch, dass das Schild fast nicht zu sehen ist: „Wir. Dienen. Deutschland“, steht darauf. Jedes Wort ist mit einem Punkt von den anderen getrennt, als hätte es nichts mit ihnen zu tun. Hinter dem Schild, nur ein paar Meter von dem Ort entfernt, an dem Claus Schenk Graf von Stauffenberg erschossen wurde, duckt sich ein kastenartiger Bau an den äußersten Rand des Geländes. Auch von Nahem sieht er aus wie eine graue Garage ohne Tor: das Ehrenmal für die in den Auslandseinsätzen Gefallenen der Bundeswehr. Und das sind mehr, als man denkt, über 3000 bislang, zählt man alle Verunglückten mit.

Franz Josef Jung hat das Ehrenmal in seiner Zeit als Verteidigungsminister in Auftrag gegeben. Er habe, wie er sagt, bei einem Besuch in Afghanistan gesehen, wie Soldaten aus Fotos und persönlichen Dingen einen Schrein für ihre gefallenen Kameraden gebaut hatten. Da wusste er, dass etwas fehle in Deutschland. Was Franz Josef Jung dann zu Hause bauen ließ, ist wie er selbst: vor allem zurückhaltend. Anders als die Soldatendenkmäler vergangener Tage soll das Ehrenmal ein Ort der Stille und keine patriotische Pilgerstätte sein. Und still ist es. Nur Zwielicht gibt es hier, keine Schnörkel, keine Tafeln, keine Bilder, keine Menschen.

Das Erstaunliche an diesem Denkmal sei aber nicht seine Architektur, sondern seine bloße Existenz, sagt Herfried Münkler. Erstmals versuche Deutschland hier der eigenen Opfer in Würde zu gedenken, ohne sich der Symbole vergangener Diktaturen zu bedienen. Daraus spreche der neue Wunsch der Politik, ein spirituell aufgeladenes Ritual zu schaffen, ein neues Pathos, das die Kluft zwischen einer sich erneuernden Armee und einem Volk, das sich nicht für seine Soldaten interessiert, überwindet. Doch lässt sich all das wirklich an einer Garage ablesen?

Na ja, sagt Münkler, der Umgang mit dem Ritual sei halt noch sehr unsicher. „Anders als die Veteranendenkmäler von einst ist das Ehrenmal kein Schlussstein unter der Geschichte, es ist zukunftsoffen. Es blickt nicht nur zurück auf vergangene Kriege, sondern bietet auch Raum für die künftigen.“ Genau das ist das Problem des Ehrenmals, und es ist auch das Problem der Einsatzarmee, zu der sich die Bundeswehr nach dem Kalten Krieg mehr und mehr entwickelt. Denn auch wenn sie nicht in Stein gemeißelt ist, hat das Ehrenmal vor allem eine Botschaft: Es wird weitere Tote geben. Der nächste Einsatz geht zu Ende, der Krieg jedoch geht weiter.

Heimatfront

Björn Sonntag sieht Caroline Schwarz an und kann nicht fassen, was sie einem Wildfremden erzählt. Von ihrem ersten Mal unter Feuer, dem quälenden Warten im Panzer, der Angst, dem Alltag im Lager, der Enge und dann von der Zeit danach, dem Gefühl, nicht reden zu können, über das, was man erlebt hat, außer mit den Kameraden, die dabei waren. Doch Björn Sonntag war nicht dabei. Dabei ist auch er Soldat, Oberstabsgefreiter. Aber im Krieg zu sein ist etwas anderes als zu Hause in der Kaserne zu sitzen und darauf zu warten, dass die Partnerin anruft, schreibt oder einen anchattet. Björn hatte Verständnis für seine Freundin Caroline. Selbst wenn er sich einsam fühlte, sagte er sich, dass es auch umgekehrt hätte sein können, nämlich dass Caroline zu Hause sitzt und wartet, während er draußen ist und kämpft. Er hatte Verständnis, auch weil er wusste, dass er seinen geliebten Sanitätsfeldwebel nach vier Monaten wiederhaben würde. Doch als er sie wiederhatte, war sie nicht mehr dieselbe. Ihre Beziehung zu Björn sei schließlich in die Brüche gegangen, sagt Caroline, weil sie nach ihrer Rückkehr wochenlang sprachlos war, weil sie allein sein musste. Am Ende war auch er allein.

300 000 Soldaten waren seit den Neunzigerjahren für die Bundeswehr im Ausland. Mit ihnen sickere der Krieg langsam und unbeobachtet in die Mitte der deutschen Gesellschaft, sagt Andreas Timmermann-Levanas vom Bund Deutscher Veteranen. Denn alle Veteranen haben Familie, Partner, Freunde, die auch vom Krieg verwundet wurden, die auch Veteranen sind. Krieg verändere alles und jeden. Und mit Krieg kennt sich Timmermann-Levanas aus. Ein halbes Leben lang war er Soldat. Er war in Bosnien, später in Afghanistan, er überlebte das erste offizielle Gefecht der deutschen Streitkräfte nach dem Zweiten Weltkrieg und wurde mehrfach verwundet. Heute bekommt Andreas Timmermann-Levanas Rente.

Doch statt, wie er sagt, sich auf Mallorca in die Sonne zu legen, gründete er den Bund Deutscher Veteranen, eine der ersten Initiativen dieser Art in Deutschland. Außerdem schrieb er ein Buch, das in der Schriftenreihe der Bundeszentrale für Politische Bildung erscheint. Warum das alles? Die meisten Veteranen, sagt er am Telefon, fühlten sich alleingelassen und bräuchten Hilfe. Die Gesellschaft interessiere sich nicht für sie, die Bundeswehr auch nicht so richtig. Defizite gebe es vor allem bei der „Versorgung, Betreuung und Fürsorge für ehemalige Einsatzsoldaten und deren Familien“.

„Fürsorge?“, fragt Björn Sonntag. „Für mich?“ Die tellergroßen Augen des 25-Jährigen verraten, wie abwegig die Vorstellung für ihn ist. Selbst wenn die Bundeswehr ihm hätte helfen wollen, in Anspruch genommen hätte er die Hilfe nicht. Auch Caroline Schwarz wollte nach ihrer Rückkehr aus Afghanistan von einer psychologischen Beratung nichts wissen. „Soldaten müssen funktionieren“, sagt sie. So sähen das in der Bundeswehr viele. Und nicht nur dort. „Dabei wäre das mit der Trennung vielleicht nicht passiert, wenn ich mal mit einem Profi geredet hätte, oder wie siehst du das?“ Caroline schaut Björn an. Björn fixiert einen unsichtbaren Punkt an der Wand.

Bald wird ihrer beider Leben auseinandergehen. Björn Sonntags Zeit bei der Bundeswehr ist abgelaufen. In ein paar Wochen beginnt er eine Ausbildung als Automobilkaufmann, dann wird er ein Zivilist sein. Caroline Schwarz hat noch Zeit, sie hat sich für zwölf Jahre verpflichtet. Was sie danach machen wird, weiß sie noch nicht. Nur eins scheint sicher – das Ehrenmal für die gefallenen Bundeswehrsoldaten wird sie sich so bald nicht ansehen: „Ich lebe ja noch.“

Vielleicht wird sie ja Polizistin. „Ich mag mittlerweile Uniformen“, sagt sie. Vielleicht studiert sie auch Medizin. Das wollte sie schon als Kind. Zehn Jahre älter wird sie dann zwar sein als ihre Kommilitonen, aber sonst wird sie sich äußerlich kaum von ihnen unterscheiden. Vielleicht holt sie dann bei einer WG-Party ihre Einsatzmedaille Gefecht aus dem Schrank und reicht sie unter Ohs und Ahs herum. Oder sie erzählt, wie Verteidigungsminister Guttenberg bei einem Afghanistan-Besuch unter allen Soldaten ausgerechnet sie fragte, wie es ihr gehe; dann werden sicher alle beeindruckt sein. Vielleicht wird sie ihnen beschreiben, wie kalt und wie reißend der Fluss war, in dem die Reste der auf Befehl von Oberst Klein bombardierten Tanklaster bis heute vor sich hin rosten, denn sie war dort; und vielleicht wird der eine oder andere Kommilitone sich sogar an Oberst Klein erinnern oder an Franz Josef Jung, auch wenn das alles andere als sicher ist.

Möglicherweise rutscht Caroline Schwarz aber auch die Geschichte von den Kindern heraus, die sie als Sanitäterin in Afghanistan versorgen musste. Manche Familien dort sind so arm, dass sie ihre Kinder verstümmeln, nur um sie als zivile Opfer der Bundeswehr ausgeben und mit der Entschädigung die Familie ernähren zu können; dann werden alle um Caroline Schwarz betreten schweigen und sie selbst wird sich vorkommen wie der einsamste Mensch auf der Welt.

Nein, Caroline Schwarz weiß nicht, was aus ihr wird. Irgendwas sicher. „Ich bin nicht mehr die, die ich war“, sagt sie noch einmal. „Ich habe dazugelernt, ich habe gelernt, mit Afghanistan zu leben, darüber zu sprechen, wieder zu lachen. Und ich habe gelernt, zurückzuerobern, was mir zu wichtig ist, als dass ich es verloren geben könnte.“ Da legt sie ihre Hand auf Björn Sonntags Arm.

Erschienen in:
Ausgabe 32/2011
Redakteur:
Raoul Löbbert (Redakteur)
Thema:
Großaufnahme
Stichworte:
Innenpolitik, Außenpolitik