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Abtreibung

Unser beschwiegener, täglicher Super-GAU

Aus: Christ & Welt Ausgabe 27/2011

Warum erregt sich die Nation über Atomkraft, nicht aber über die Tötung Ungeborener? Wir leben in einem Land, das Kinder als Bedrohung empfindet, mahnt Joachim Kardinal Meisner

Joachim Kardinal Meisner, 1933 in Breslau geboren, ist seit 1989 Erzbischof von Köln. © Hermann J. Knipper/AP/DDP

Deutschland lebt in wunderbarem Wohlstand. Noch nie hatte die große Mehrheit der Bürger so viel Geld in der Tasche oder auf dem Konto, 924 000 Millionäre leben in Deutschland, mehr gibt es nur in Japan und den USA. Großbritannien hat nur halb so viel, Frankreich nur ein Drittel. Die Demokratie funktioniert, Machtwechsel finden statt nach Wahlen. Das Rechtssystem ist zwar überlastet, aber die Mühlen der Justiz bewegen sich, gelegentlich werden Beschlüsse der Politik korrigiert.

Der Sozialstaat ächzt, aber bei aller auch berechtigten Kritik: In den zwölf Sozialgesetzbüchern findet sich für jeden ein Paragrafennetz, niemand muss in diesem Land verhungern. Natürlich lässt sich eine Reihe von Defiziten ausmachen, Deutschland und seine Institutionen sind eine große Baustelle. Aber die Grundversorgung ist gesichert, der Wohlstand nicht nur in der Spitze bei den Millionären wächst, in den nächsten acht Jahren wird mit 2,6 Billionen Euro mehr vererbt, als derzeit Schulden auf dem Gesamtstaat lasten. Die Wirtschaft brummt, die Arbeitslosenzahlen sinken.

Und dennoch: Ein Gefühl der Unsicherheit macht sich breit. Es hat wenig zu tun mit äußeren Gefahren. Auch die Epidemien können es nicht sein. Beim jüngsten Fall, dem Erreger Ehec, waren sofort unzählige Experten und Institutionen am Krankenbett und unterwegs, um die Seuche einzudämmen – was gelang. Die Gefahr des Atoms kann es auch nicht sein, wir steigen aus der Kernkraft aus und die noch arbeitenden Meiler gehören zu den sichersten der Welt. Krieg droht uns auch nicht. Wir leben in der historisch längsten Friedensperiode Europas. Politisch-militärische Bündnisse garantieren uns Schutz. Trotz all dieser Sicherheiten und Absicherungen, trotz allen Wohlstands spüren wir eine tiefe Verunsicherung. Es umschleicht uns das Gefühl, die Gefahr lauere um die Ecke. Dabei denken viele noch nicht einmal an den Terrorismus. Es ist ein seltsames Gefühl der Verunsicherung, der Versehrtheit. Der Faden der Lebenssicherheit ist verloren gegangen.

Es wird niemanden wundern, wenn ich sage: Das hat mit der Schwächung des Glaubens zu tun, mit dem um sich greifenden Glaubensverlust bei vielen Mitbürgern, mit der Geschichte im vereinten Deutschland. Wir haben die Nabelschnur der Schöpfung vergessen. Aber das ist es nicht allein. Ich bin tief davon überzeugt, dass dies auch mit dem millionenfachen Tod der ungeborenen Kinder in diesem Land zu tun hat. Hier haben wir selbst den Faden des Lebens und damit die Nabelschnur zur Lebenssicherheit gerissen und gekappt.

Es gibt das Phänomen der „abortion survivers“. Nicht nur Kinder, die einen Abtreibungsversuch überlebt haben, sondern auch Geschwister von abgetriebenen Kindern sind oft tief verunsichert, ja traumatisiert, auch wenn sie es nicht wissen. Es hätte auch sie treffen können. Sie haben einfach nur Glück gehabt, die Umstände waren für sie günstiger. Experten mögen uns neunmal versichern, das habe nichts miteinander zu tun. Ich bin überzeugt, die acht Millionen in den letzten Jahrzehnten im Mutterleib getöteten Kinder lasten auf unserem kollektiven Gewissen. Das stumme Warum in den Millionen Kinderaugen liegt bleischwer wie eine Grabesplatte auf unserem Bewusstsein.

Natürlich spüren manche Zeitgenossen in Politik und Medien diese Last nicht. Vielleicht weil sie mit anderen Dingen so intensiv beschäftigt sind oder weil ihr Gewissen verkümmert ist. Aber wer um die Zukunft dieses Volkes besorgt ist, der sollte sich mehr um dieses Thema kümmern als um die sogenannte Energiewende. Hier werden jeden Tag, auch heute, mehr als zehn Klassenzimmer ausgelöscht. Es ist der tägliche, beschwiegene Super-GAU.

Um unseren Wohlstand zu steigern und die Zukunft zu sichern, nehmen wir die Wissenschaft in Beschlag. Das mag bei einer Technik, die Arbeit und Mühen erspart, noch angehen. Es schneidet aber ins Herz des Menschlichen, wenn es um Kinder geht, um Design-Babys, um die Schwächsten der Schwachen, um die Schutzbedürftigsten. Die Pränataldiagnostik, überhaupt die künstliche Befruchtung und ihre Auslese und Selektionsmentalität züchten Leben – und töten die Hoffnung, die immer ein Blick in das Unvorhersehbare ist und deshalb der Rückbindung (re-ligio) bedarf. Auch hier wieder der vergessene Zusammenhang: Der Glaubende ist ein Hoffender. Wer nicht glaubt, der sucht zuerst die Sicherheit und dann das Reich Gottes.

Ungeachtet des Schicksals im Einzelfall, das wie ein Bergmassiv hinter der Tötung eines ungeborenen Kindes steht und lange Schatten auf das Leben der Mutter und hoffentlich auch auf das Leben des Vaters wirft: Heute wird allgemein und vor allem in den Medien das Kind als Bedrohung empfunden für Wohlstand und Freiheit. Aber „das Kind ist keine Bedrohung, keine Minderung der Freiheit, keine Einschränkung der Selbstverwirklichung“, schreibt Papst Benedikt XVI. noch als Kardinal Ratzinger. Auch heute gelte, „dass die Hoffnung für die Menschheit nicht in den entdeckten Bodenschätzen, nicht in den angesammelten Reichtümern, nicht in dem erworbenen technischen Können, sondern in der Erfindungskraft des menschlichen Geistes und in der Liebeskraft des menschlichen Herzens ruht. Bodenschätze sind schneller ausgeplündert, als wir dachten, Reichtümer verbrauchen sich, Technik veraltet. Das einzig verlässliche Kapital auf die Zukunft hin ist der Mensch mit seinen immer neuen Möglichkeiten. Am Ende kann nur der Geist den Menschen retten.“

Die jungen Leute spüren es. Auf ihrer Prioritätenliste der Zukunft stehen nicht Reichwerden oder viel reisen, sondern seit Jahrzehnten Treue und Verlässlichkeit, gefolgt von anderen Tugenden, von Kräften des Geistes und des Herzens. Wie kann eine Gesellschaft dieses geistige Bedürfnis befrieden, wenn führende Teile von ihr gleichzeitig Abtreibung als Menschenrecht betrachten und damit die Liebes- und Leidenskraft des Menschen zerstückeln und verstümmeln? Die Kinder sollen es einmal besser haben, hat sich meine Generation und haben sich auch die folgenden gesagt. Nur: Welche Kinder? Wo sind sie? Wo sind die Träger des Geistes, wo die Sendboten der Hoffnung auf eine gute Zukunft?

Mit der Liberalisierung des Paragrafen 218, sprich der De-facto-Freigabe der Abtreibung, haben wir die Gesellschaft auf einen Weg in das Unmenschliche, in die Barbarei geführt. Da denkt keiner mehr außerhalb der Lehrstuben daran, dass „der Mensch Person ist, das heißt ein geistiges, in sich ganzes, für sich und auf sich hin und um seiner eigenen Vollkommenheit willen existierendes Wesen“ (Josef Pieper). Darum hat der Mensch auch ein suum, ein Recht, gegen jedermann vertretbar, jeden Partner verpflichtend, mindestens zur Nicht-Verletzung. Ja, die Personalität des Menschen, die Verfasstheit des geistigen Wesens, kraft deren es Herr seines eigenen Tuns ist, verlange sogar, zitiert Pieper in seinem Traktat über die Gerechtigkeit den heiligen Thomas von Aquin, „dass die göttliche Vorsehung die Person um ihrer selbst willen leite und über uns mit großer Ehrfurcht verfüge“.

Aber er fragt auch: Wie kann die Personalität der letzte Grund sein, zumal sie selbst nicht in sich gründet? Die Antwort: „Der Mensch hat deshalb unabdingbare Rechte, weil er durch göttliche, das heißt aller menschlichen Diskussion entrückte Setzung als Person geschaffen ist. Dem Menschen steht letzten Grundes deswegen etwas unabdingbar zu, weil er creatura ist und als creatura hat der Mensch die unbedingte Verpflichtung, dem anderen das ihm Zustehende zu geben. Diesen Sachverhalt hat Kant so ausgesprochen: Wir haben einen heiligen Regierer, und das, was er den Menschen als heilig gegeben hat, ist das Recht der Menschen.“

Abtreibung ist kein Recht. Wer sie als solches deklariert und fordert, der pervertiert die Gesellschaft. Man kann das Recht auf Leben nicht gegen das Recht auf Töten ausspielen. Wir wissen wohl alle, dass die Würde des Menschen durch die Abtreibung nicht nur im Einzelfall, sondern prinzipiell infrage gestellt worden ist. Sie wurde angetastet, bleibt aber unantastbar. Denn es ist, so Pieper, „der Creator selbst in seiner Absolutheit der letzte Grund für die Unabdingbarkeit (also für die Unantastbarkeit, d.V.) des dem Menschen Zustehenden“. Deshalb ist der Kampf auch nicht hoffnungslos, selbst wenn es manchmal so scheint und die Politik beim Thema Abtreibung in absurder Weise sich wie die drei Affen verhält: nichts sehen, nichts hören, nichts sagen. Nein, Gott selbst ist der prinzipielle Garant für die Unantastbarkeit. Deshalb darf die Kirche auch nicht schweigen. Und wird sie es auch nicht tun. Täte sie es, sie würde Gott und den Menschen verraten.

Der Religionsphilosoph Romano Guardini sah die „Unmenschlichkeit des Menschen“ in einem unmittelbaren Zusammenhang mit dem Vergessen Gottes und der Anwendung einer nahezu gebieterischen, aber auch irreführenden Technologie. Das ist die moderne Barbarei. Guardini schrieb mit einem Hauch von Prophetie: „Es ist für mich, als ob unser ganzes kulturelles Erbe von den Zahnrädern einer Monstermaschine erfasst würde, die alles zermalmt. Wir werden arm, wir werden bitterarm.“ Und in seinem posthum erschienenen Werk „Die Existenz des Christen“ beobachtet Guardini, wie dies geschehen kann, dann nämlich, wenn der Geist krank wird. „Das geschieht nicht unbedingt nur dann, wenn der Geist sich irrt“, schreibt er, „sonst wären wir ja alle geistig krank, denn wir täuschen uns alle mal; noch nicht einmal, wenn der Geist häufig lügt; nein, der Geist wird krank, wenn er in seinem Wurzelwerk den Bezug zur Wahrheit verliert. Das wiederum geschieht, wenn er keinen Willen mehr hat, die Wahrheit zu suchen, und die Verantwortung nicht mehr wahrnimmt, die ihm bei dieser Suche zukommt; wenn ihm nicht mehr daran liegt, zwischen wahr und falsch zu unterscheiden.“ Wer Abtreibung als Recht verankern will, pervertiert nicht nur das Recht, er zeigt, dass er ebendiesen Bezug zur Wahrheit verloren hat, vielleicht sogar verlieren wollte. Hier ist der Kern der Krise heute, der Verzicht auf die Wahrheit. Es ist der Verzicht auf die Würde des Menschen, auf seine Verankerung in der Schöpfung.

Wenn die Verankerung der Würde im Creator gelöst ist, gerät das Schiff Mensch ins Schlingern. Dann ist auch der existenzielle Rückhalt, die Rückbindung ins Unvergängliche gelöst und damit die Liebe als solche infrage gestellt. Liebe will Dauerhaftigkeit, Gewissheit, Vollkommenheit, schreibt Rudolf von Gumppenberg in einer kurzen Abhandlung zum Begriff Freundschaft bei Aristoteles. Alles andere ist nur Suchen nach Nutzen und Lust. Liebe ist existenziell und sie fängt beim Kleinstkind, ja beim Embryo an. Die Hirnforschung liefert da wunderbare Beispiele. Das sogenannte Urvertrauen, das Urgefühl existenzieller Sicherheit, ist eine Frage der Liebe und des Geistes. Es bestimmt unser Glück oder unser Unglück. Don Bosco, ein großer Pädagoge, sagte es so: „Das erste Glück eines Menschen ist das Bewusstsein, geliebt zu werden.“ Dieses Bewusstsein ist in vielen Familien noch präsent. Aber je länger die Gesellschaft und das politisch-mediale Establishment den Skandal der Barbarisierung, die Abtreibung, beschweigt und damit leise zum Normalfall erklärt, umso schwieriger wird es den Familien, ihren Kindern die wahre Normalität zu erklären.

Auch wenn die Politik schweigt und viele Medien das Thema als lästig empfinden, allein die demografische Entwicklung in Deutschland sollte uns dieses Thema aufdrängen. Es geht auch um Wohlstand, um Innovationskraft aus der Jugend, um Sinn für Freiheit. Und um unser Menschsein. Schweigen ist angesichts der massenhaften Tötung mehr als fahrlässig.

Brief mit Folgen

Vor zwei Wochen veröffentlichte C & W einen Brief der Journalistin
Gitta List an ihre feministischen Schwestern
. Warum habt ihr so
wenig über das ungeborene Kind geredet? Warum ist Lebensschutz in linken Kreisen ein Tabu?, fragte sie.

Voraussichtlich am 7.Juli wird der Bundestag über die Präimplantationsdiagnostik entscheiden. Man solle Abtreibung und PID-nicht vermengen, sagte der CDU-Abgeordnete Günter Krings im C&W-Interview. Der Schriftsteller und Jurist Bernhard Schlink sieht dagegen sehr wohl eine Verbindung: Der Gesetzgeber zeige sich an Schutz und Würde des auf natürliche Weise gezeugten Embryos weniger interessiert als am künstlich erzeugten, schrieb er in einem „Spiegel“-Essay. Man spricht also wieder über Abtreibung.

Warum das aus kirchlicher Sicht bitter nötig ist, lesen Sie in dem Text von Joachim Kardinal Meisner, Erzbischof von Köln. Die Politik, kritisiert er, verhalte sich bei diesem Thema „in absurder Weise wie die drei Affen: nichts sehen, nichts hören, nichts sagen“. Deshalb dürfe die Kirche nicht schweigen. (Christiane Florin)

Erschienen in:
Ausgabe 27/2011
Redakteur:
Joachim Kardinal Meisner (Kardinal)
Thema:
Geistesgegenwart
Stichworte:
Katholisch, Familie, Ethik, Abtreibung