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Konfessionelle Schulen

"Überforderung zugeben, das ist tabu"

Aus: Christ & Welt Ausgabe 26/2014

Inklusion hat Tradition, sagt der Rektor Klaus Mertes. Früher kamen Arme, jetzt Menschen mit Behinderungen. Doch es gibt Grenzen

Foto: Winfried Rothermel/dapd/DDP

Christ&Welt: Müssen konfessionelle Schulen besonders inklusionsfreudig sein?
Kl
aus Mertes: Es steht konfessionellen Schulen sehr gut an, sich für Behinderte zu öffnen, und das tun sie ja auch. Ich bin zum Beispiel in meiner Zeit in St. Blasien, aber auch schon vorher, immer wieder mit dem Thema befasst gewesen. Wir haben bei uns Lernverweigerer, ADHS, Asperger-Kinder, autistische Behinderungen, und wir möchten, dass diese Kinder unsere Schüler bleiben. Deshalb investieren wir in Bedingungen für individuelle Förderung. Katholische Schulen haben eine lange Tradition der Inklusion, wenn wir darunter verstehen, dass Kinder erreicht werden, die vorher nicht so ohne Weiteres Zugang zu Bildung hatten. Das waren ursprünglich Kinder aus armen Verhältnissen. Es gibt viele, die haben über katholische Schulen den sozialen Aufstieg geschafft. Inzwischen gelten katholische Schulen eher als bürgerlich, das entspricht aber nicht ihrem Selbstverständnis. In dieser Spannung lebe ich, seit ich Schule mache.

C&W: Sollen auch geistig behinderte Kinder aufs katholische Gymnasium? Wie vermitteln Sie das Eltern, die diese Schulen für Eliteschmieden
halten?

Mertes: Ich weigere mich seit 20 Jahren, den Begriff „Elite“ anzuwenden. Was heißt das denn? Wenn Schulen das Selbstverständnis als Eliteschulen übernehmen, dann führt das zu Dünkel, weil Elite hierzulande sozial definiert wird. Wenn sich Schüler und Eltern für etwas Besseres halten, sind das schlechte Voraussetzungen für die Pädagogik. Wir haben an katholischen Schulen dieselben Probleme wie anderswo: Gewalt, Alkohol, schwierige Familienverhältnisse. Es ist Quatsch, zu glauben, da könnte man Menschen mit Behinderungen außen vor lassen, um Probleme zu vermeiden. Wenn Eltern da Angst haben, dann ist es unsere Aufgabe, ihnen zu vermitteln, dass Inklusion eine Bereicherung für alle ist.

C&W: Kann ein Kind aufs Gymnasium, auch wenn klar ist, dass es
aufgrund einer Behinderung nicht das Abitur schaffen wird?

Mertes: Ich nehme doch nicht nur Schüler auf, wenn ich mir sicher bin, dass sie das Abitur schaffen. Wir hatten schon schwer kranke Schüler, von denen ich wusste, dass sie das Abitur nicht erleben würden. Aber wir wollten dem Kind noch einige gute Jahre ermöglichen, und ich glaube, sowohl dieser Schüler als auch die Klasse haben davon profitiert. Wir hatten schon Kinder, die als nicht beschulbar galten und die dann mit 1,5 Abitur gemacht haben. Für Inklusion gibt es keine pauschale Lösung, man muss immer versuchen, dem Einzelnen gerecht zu werden.

C&W: Halten Sie es für richtig, dass sich Eltern wie die des berühmt gewordenen Henri so dafür einsetzen, dass ihr Kind auf ein bestimmtes Gymnasium kommt?
Mertes: Ich frage mich, ob Eltern Kindern einen Gefallen tun, wenn sie einen solchen Druck ausüben. Eltern müssen akzeptieren, dass eine Schule sagt: Nein, wir sind noch nicht so weit. Zudem sind die Schulen immer in einer schlechteren Situation in der Öffentlichkeit als die Eltern. Die Schule muss die Gründe für ihre Entscheidung diskret behandeln, während die Eltern alles behaupten dürfen. Ich habe einmal ein Kind türkischer Eltern nicht aufgenommen, und am nächsten Tag stand in einer türkischen Zeitung, ich sei Rassist. Dabei hatte die Ablehnung gar nichts damit zu tun, dass die Eltern Türken waren. Aber sie haben es öffentlich gesagt. Im Moment ist es sehr einfach, mit der moralischen Ikone auf ein Kollegium einzudreschen, das den Mut hat zu sagen, wo seine Grenzen sind.

C&W: Was heißt „moralische Ikone“?
Mertes: Damit meine ich die Vorstellung, jede Schule müsse im Namen der Gerechtigkeit und Nichtdiskriminierung für alle Kinder offen sein. Das können Schulen im Alltag nicht einlösen, aber es klingt erst einmal gut.

C&W: Der Rechtsanspruch auf Inklusion ist also falsch.
Mertes: Nein. Aber dieser Anspruch
be?inhaltet ja nicht, dass ein Kind auf die Wunschschule kommt. Das gilt übrigens auch für Kinder ohne Behinderung.

C&W: Sollen Förderschulen bleiben?
Mertes: Auf jeden Fall. Es muss unterschiedliche Möglichkeiten geben, auf Einzelfälle zu reagieren. Förderschulen sind doch keine Orte, an denen Kinder abgestellt und ausgegrenzt werden. Es kann für manche Kinder genau der richtige Ort sein. Nicht für jedes Kind ist es das Beste, auf eine Regelschule zu gehen.

C&W: Gibt es Tabus in der öffentlichen Debatte um Inklusion?
Mertes: Ja, aber das betrifft nicht nur das Thema Inklusion. Die gesellschaftliche und politische Erwartung ist: Schule muss alles können. Sie muss nicht nur Wissen vermitteln, sondern alle möglichen gesellschaftlichen Probleme lösen. Lehrer dürfen nicht mehr sagen: Das ist zu viel. Überforderung zuzugeben, das ist das wahre Tabu.

Erschienen in:
Ausgabe 26/2014
Redakteur:
Christiane Florin (Redaktionsleiterin)
Thema:
Großaufnahme
Stichworte:
Katholisch, Kultur, Innenpolitik