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Notizen für die Ewigkeit

Truppe ohne Hirte

Aus: Christ & Welt Ausgabe 3/2011

Ein Nachfolger für Bischof Mixa als Militärbischof muss her. Die Zeit drängt, doch niemand hat Zeit.

Er ist der einzige katholische Bischof, der einen Segen von Angela Merkel braucht: der Militärbischof. Er steht einem eigenen Militärordinariat vor, mit 27 Militärpfarrern an 90 „Dienststellen“. Auch in Afghanistan sind seine Seelsorger in Uniform im Einsatz. Nun wird die Wehrpflicht abgeschafft, die Bundeswehr reformiert – und die katholische Kirche steht ohne Militärbischof da. Seitdem im letzten Jahr Walter Mixa zurückgetreten ist, fehlt der Oberhirte für die Truppe. Mixa war Bischof von Augsburg und in Personalunion Militärbischof.

Ein Job mit Geschichte: In Preußen nannten sie sich „Feldpröpste“. Doch die lange Tradition der Seelsorge für Soldaten hat sich auch in die Demokratie gerettet. Die heutigen Regelungen dafür stammen noch immer aus anderer Zeit. Das Reichskonkordat von 1933, der Vertrag zwischen dem Vatikan und Deutschland, sieht vor, dass sich der Heilige Stuhl mit der Regierung über die Personalie einigt. Im „Einvernehmen“ muss eine „geeignete Persönlichkeit“ bestimmt werden. Viel Mitspracherecht für die Bundesregierung, wenn es um ein geistliches Amt geht. Das Konkordat vermische die Bereiche, sagen Kritiker. Die deutsche „Staatspraxis“ sieht aber anders aus, beteuert Berlin. Man mische sich nicht ein, sondern bestätige lediglich.

Es läuft so: Irgendwann erhält Minister Karl-Theodor zu Guttenberg einen Brief vom Nuntius, dem päpstlichen Botschafter. Manche sagen, es passiert in diesen Tagen. Inhalt: der Name des Kandidaten. Das Ministerium macht daraus eine kleine Kabinettsvorlage, die dann bei einer Sitzung im Kanzleramt die Runde mit Merkel passieren muss. Danach kann der Papst den Militärbischof ernennen. Die Neubesetzung scheitert weder an der Kanzlerin noch am Papst. Es fehlt an Freiwilligen. In der Deutschen Bischofskonferenz, so ist zu hören, will den Job keiner machen. Die Zeit drängt. Das größte Ereignis für die katholische Militärseelsorge ist die Internationale Soldatenwallfahrt im Mai nach Lourdes. Für den Militärbischof Anlass, Offiziere wie Politiker in Gespräche zu verwickeln. Schon im letzten Jahr musste Militärgeneralvikar Walter Wakenhut den Bischof vertreten. Ein zweites Jahr Lourdes-Wallfahrt „ohne“, das sähe das Hauptquartier, das Militärbischofsamt in Berlin, mit Grausen.

Als möglicher Kandidat wurde der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck genannt. Doch Overbeck ist Adveniat-Bischof, zuständig fürs Lateinamerika-Hilfswerk. Beide Positionen vertragen sich nicht, heißt es. Wer den Episkopat durchgeht, findet kaum einen Oberhirten, der noch keine Aufgabe hat. Das kleinste deutsche Bistum ist Görlitz, wer dort Bischof ist, könnte bequem die Aufgabe des Truppenbischofs mit übernehmen. Nur: Das Bistum an der polnischen Grenze hat zurzeit auch keine Spitze mehr. Der dortige Oberhirte, Konrad Zdarsa, wurde Mixa-Nachfolger in Augsburg. Damit hat er derzeit genug zu tun. Vielleicht kommt die Lösung aus Berlin: Dort haben vier katholische Bischöfe einen Dienstsitz: der Berliner Erzbischof, der Nuntius, der Vorsitzende der Bischofskonferenz – und der Militärbischof. Wenn der Berliner Bischof immer auch Militärbischof wäre, dann hätten Merkel und Guttenberg es leichter, ihn zu treffen. Doch so pragmatisch denkt man im Vatikan wohl eher nicht.

 

Erschienen in:
Ausgabe 3/2011
Redakteur:
Volker Resing (Freier Autor)
Thema:
Notizen für die Ewigkeit
Stichworte:
Katholisch, Innenpolitik