www.zeit.deProbe-Abo

Sinus-Studie

Traurig, aber treu

Aus: Christ & Welt Ausgabe 06/2013

Deutschlands Katholiken fremdeln mit ihrer Kirche, stellt die neue Sinus-Studie fest. Protestantischer werden sie deshalb mitnichten, sagt Pfarrerin Petra Bahr. Es bahnt sich eine Ökumene der Melancholie an

Foto: Joerg Koch/ ddp

Der Papst twittert nun auch in Chinesisch. Technisch scheint die Weltkirche also auf der Höhe der Zeit zu sein. Wer dagegen die Ergebnisse der neuen Sinus-Studie liest, könnte den Eindruck bekommen, dass die Kirchenoberen gegenüber dem eigenen Reich der Mitte, den Kirchenmitgliedern, auf Chinesisch funken – in einer Sprache, die nur Eingeweihte verstehen und die vielen Menschen guten Willens nicht zugänglich ist. So wächst die Distanz zwischen Kirchenvolk und Kirchenoberen.

Die soziologischen Tiefenbohrungen in katholischen Biografien sind das Dokument einer tiefen Depression. Was die konservativen und bürgerlichen Milieus offenbaren, macht sogar in der verklausulierten Sprache der Soziologen vor allem eines: traurig. Ihre Ergebnisse zeigen einen Grad der Entfremdung zwischen den Gläubigen und ihren Repräsentanten, den man bis in den bitteren Ton vor ein paar Jahren nur bösartigen Journalisten aus dem linken Spektrum, kirchlichen Berufsrevoluzzern oder antiklerikalen Fundamentalisten zugetraut hätte.

Viele Gläubige haben den Eindruck, ohnmächtig zusehen zu müssen, wie ihre Institution in sich selbst erstarrt. Auf der Oberfläche ist der Grund für diese Entfremdung nicht überraschend. Die sexualisierte Gewalt unter der heiligen Gewandung hat besonders die Menschen verstört, die sich selbst und ihre Kinder den katholischen Einrichtungen blind anvertrauten. Während die Skeptischen sich in ihrer kritischen Distanz nur bestätigt fühlen, kommt der Grad der Verheerung bei den frommen Gemütern jetzt erst ans Tageslicht.

Der Vertrauensmissbrauch ist chronisch geworden. Wenn Menschen mitten in ihrem Schock erleben, wie Strukturreformen ihre Heimatgemeinde in riesigen Seelsorgezentren verschwinden lassen, der Priester, den man lediglich alle paar Wochen zu Gesicht bekommt, nur noch gebrochen Deutsch spricht und die engagierten Laien sich gleichzeitig immer stärker zurückgedrängt fühlen, dann wird daraus eine Gefühlslage, die das stolze Gebäude des deutschen Katholizismus implodieren lässt.

Wer das übertrieben findet, lese in den 400 Seiten die Originalzitate der Befragten, Menschen, die man sich ohne weiteres unter einem Herrgottswinkel in der Wohnküche vorstellen kann. Ihre Formulierungen lesen sich wie eine zornige Predigt des Kirchenvolks an die Hirten in den Bischofspalästen. Natürlich ist das ungerecht.

Aber was vorher als kleiner Stich gegen Sitte und katholischen Anstand achselzuckend hingenommen wurde, trifft nun auf schon verletztes Gewebe. Schmerz macht ungerecht.

Was der evangelischen Theologin besonders auffällt, ist die Wartehaltung. Noch in der Abwendung scheinen die meisten Katholiken auf eine Geste zu hoffen, die sie berührt, die sie zurückholt und wieder einnimmt für die gute alte Mutter Kirche. Frauen kehren ihren Gemeinden stumm den Rücken. Die Gottesdienstpflicht wird schon lange nicht mehr als bindend erlebt. Aber irgendwie bleibt man katholisch, auch wenn unklarer wird, was das ist. Wenn ein Priester das eigene Leben und den Nahbereich als freundlicher Berater, Seelsorger und theologischer Lehrer begleitet, so nennt die Studie das „einen Glücksfall“.

Dem „kalten kirchlichen Apparat“ haben die Gläubigen nichts mehr entgegenzusetzen – außer eine Traurigkeit, die sich mit einer seltsamen Treue zu einer Institution vermischt, der sie nicht mehr über den Weg trauen. Die wenigsten sehnen sich nach einer „Reformation 2.0“, wie die Macher der Studie lakonisch kommentieren. Sie wollen auch keine oberflächliche Anpassung an den in vielen Verlautbarungen der letzten Jahre ach so verdammten Zeitgeist. Die meisten wollen, und das aus tiefster, verzweifelter Überzeugung, die Identität ihrer Kirche für die Zukunft sichern. Das katholische Kirchenvolk in bayerischen Kleinstädten und in Köln, in der ostwestfälischen Tiefebene und in der Diaspora im Osten der Republik will die Kirche nicht „protestantischer“ machen.

Es will sie offensichtlich katholisch halten, verstanden als die weitgespannte Vielfalt, in der so viel gleichzeitig möglich ist, pastoral gelassen, mit distanzierter Sympathie für die eigene Kirchenlehre, augenzwinkernd in Umgehung eines moralischen Rigorismus, in genau jener Spannung zwischen Regel und Abweichung, die wir Evangelischen nicht verstehen. Sie, die frustrierten und verunsicherten Christenmenschen, könnte man auch als die wahren Hüter und Hüterinnen der Tradition verstehen. Sie ahnen, dass ein Gebäude nur dann unter Erschütterungen nicht zusammenbricht, wenn es Spannungen aushält.

Folgt man der Studie, liegt die Kraft der römisch-katholischen Traditionen gerade bei denen, die es nicht ertragen wollen, dass Wiederverheiratete, Neuverheiratete und Christen anderer Konfessionen nicht zur Eucharistie zugelassen werden, die die Verachtung gegenüber Homosexuellen, die Ausgrenzung von Frauen und das stete Misstrauen gegenüber den Laien nicht als legitime Form der Kirchenleitung hinnehmen wollen.

Eine Kirchenleitung, die mit rhetorischer und praktischer Härte das seelsorgerliche Augenmaß gegen die wahre Lehre stellt und sich mit unverständlicher Sprache, Geheimniskrämerei und dem Verweis auf die Lage der Weltkirche abschottet, ist ihnen fremd. Die Nicht-mehr-ganz-so-Gläubigen glauben nicht, dass ein System aus Bespitzelung und Denunziation die reine Lehre rettet.

Gerade für die hoch Engagierten ist evangelisch werden in der Regel keine Alternative, auch wenn viele der vorgetragenen Reformwünsche zum Kernbestand protestantischer Religionskultur gehören. Frauen in geistlichen Ämtern, das Priestertum aller Getauften in Synoden und Kirchenleitungen, Geistliche, die in der Nachbarschaft wohnen, und Ehrenamtliche an der Spitze der Kirche gibt es hier.

Doch den meisten Katholikinnen und Katholiken reicht das offenbar nicht. Das hat damit zu tun, dass der religiöse Duft der Kindheit die konfessionelle Identität tiefer prägt als die Lehre und das Erscheinungsbild der Institution. Natürlich wirkt die alte Konfessionspolemik weiter. Deshalb wäre der Übertritt bei den meisten eine Form der Häresie, die nur selten vollzogen wird.

Katholischer Frust macht nicht evangelischer. Er macht aber ökumenischer, und in den konstruktiven Facetten ist er ein Plädoyer gegen den Einheitsdruck „von oben“ für mehr Vielfalt. Auffällig ist, dass der grundsätzliche Glaube an die Überlegenheit der kirchlichen Hierarchie, das Papstamt eingeschlossen, kaum angekratzt ist. Es sind die konkreten Vertreter dieser Hierarchie, die Unbehagen erzeugen. „Unglaubwürdigkeit“ ist in den Interviews das meistbenutzte Wort.

Wenn die Diagnose stimmt, dann muss auch die evangelische Kirche die Ergebnisse der Studie sehr ernst nehmen. Häme ist unangebracht, denn die Nachbarkonfession profitiert kaum vom Kirchenfrust der Katholiken. In der Öffentlichkeit wird schon längst nicht mehr genau hingeguckt. In den Schlagzeilen heißt es nur noch „die Kirche“. Viele Baustellen gibt es ja auch bei den Protestanten. Viel wichtiger: Es gibt auch so etwas wie die Ökumene der Traurigen.

Denn zwischen den Zeilen wird jenseits der Skandale der letzten Jahre deutlich, dass der tiefste Grund der katholischen Melancholie darin liegt, dass viele Menschen nicht mehr den Eindruck haben, die theologischen und dogmatischen Lehren ihrer Kirchen reflektierten ihre religiösen Sehnsüchte oder Erfahrungen. Berührend sind die Aussagen, die deutlich machen, dass die religiöse Sprache der Kirche die Menschen in ihrer Lebenssituation nicht mehr erreicht.

Hier liegt der tiefe Grund der Entfremdung. Menschen in prekärer Lage am Rande der Gesellschaft trauen sich schon lange nicht mehr über die Schwelle der sakralen Räume. Aber auch die, die sie bislang getragen haben, entweder als Ehrenamtliche oder als die Menschen in freundlicher Halbdistanz, fühlen sich heimatlos unter den Kirchendächern. Oder sie behalten vom Katholizismus, was ihnen guttut. Zwischen Yogamatte, Kirchenmusik und Einkehrtagen im Kloster suchen Menschen, was zu ihnen passt.

Wenn sie nichts finden, suchen sie woanders. Die Abwehrhaltung der Institutionenvertreter, die öffentlich viel zu wenig für eine theologisch begründete Sicht der Dinge werben, lässt den Verdacht wachsen, es ginge ihnen schon lange nicht mehr um das Zeugnis des christlichen Glaubens, sondern darum, Besitzstände zu wahren vor einer als feindlich wahrgenommenen Welt.

Wo die Sprache der Kirche nicht mehr als Alltagssprache für das eigene Leben taugt, wo statt seelsorgerlicher Töne nur institutionelle Verteidigungsreden zu hören sind, wo der glaubwürdige Umgang mit kirchlichem Versagen und Schuld durch Kommunikationsstrategien umgangen wird, da verstummt in der Folge auch die eigene Religiosität. Es wäre ein Missverständnis, die Ergebnisse der Studie mit dem Verdampfen religiöser Bedürfnisse gleichzusetzen.

Kirchlich gewendet wäre das dann der Schimpf über den Kleinglauben und die Verführbarkeit des Kirchenvolks durch Diesseitsverlockung und schnöden Konsum. Die Religiosität als Frage und Sehnsucht nach einem sinnvollen Leben, als Frage nach Gott und nach dem Menschen, als Übung und als Lebensform in gesellschaftlicher Verantwortung scheint aber selbst bei denen, die in der Kirche sind, oft keine Resonanz zu finden. Vielleicht ist diese geistliche Fantasielosigkeit die größte Gefährdung für die Zukunft der Kirche(n).

Erschienen in:
Ausgabe 06/2013
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Geistesgegenwart
Stichworte:
Evangelisch, Katholisch, Spiritualität, Kirchen, Kultur, Innenpolitik, Medien, Papst