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Kölner Klinikskandal II

Testgelände

Aus: Christ & Welt Ausgabe 05/2013

Wie selbsternannte Lebensschützer agieren

Die katholische Kirche hat ein schwieriges Verhältnis zum Sex. Und sie hat ein schwieriges Verhältnis zu Frauen, die nicht der Jungfrau Maria gleich leben. Im Fall der mutmaßlich vergewaltigten Frau, die von zwei Kölner Kliniken desselben Trägers abgewiesen wurde, kommen beide Probleme zusammen. Sex reimt sich zudem auf Reflex; dementsprechend groß ist das Medieninteresse, erst recht nach den Schlagzeilen über den Stopp der Studie zum sexuellen Missbrauch.

Der Krankenhausträger, die Stiftung der Cellitinnen zur heiligen Maria, hat sich entschuldigt. Von einem Missverständnis war die Rede, von einem Einzelfall. Davon spricht auf Anfrage auch der Katholische Krankenhausverband Deutschlands (KKVD). Vergleichbares aus anderen Städten sei nicht bekannt. Kölns Erzbischof Joachim Kardinal Meisner erklärte, die Abweisung beschäme ihn zutiefst.

Es gibt Anhaltspunkte dafür, dass Ärzte an katholischen Krankenhäusern in der Domstadt unter besonderer Beobachtung stehen. Die demonstrativ rechtgläubige Internetkanzel Gloria.tv berichtet in einem auf den 3.?Februar 2012 datierten Beitrag, wie „Testkäuferinnen“ an Kölner Kliniken versucht hatten, die „Pille danach“ zu bekommen. In den Krankenhäusern erhielten sie dieses Präparat nicht. Die Ärzte verwiesen auf ihre Arbeitsverträge und schickten die Frau in die Notfallpraxis nebenan. Diese Notfallambulanz hat einen anderen Träger, liegt aber auf demselben Gelände. Dort wurde die „Pille danach“ wunschgemäß verordnet. In dem Beitrag kam, als Fall Nummer vier, das St.-Vinzenz-Hospital der Cellitinnen vor, eines jener Krankenhäuser also, das seit einer Woche in den Schlagzeilen ist. Die Testerin wurde auch dort in die Notfallpraxis geschickt und erhielt das gewünschte Rezept. Gloria.tv nennt die Ärzte namentlich; die Rezepte für die „Pille danach“ werden eingeblendet, Adresse und Telefonnummer der ausstellenden Mediziner sind deutlich zu erkennen.

Was die Kirche „Lebensschutz“ nennt, ist ein wertvolles Anliegen: Damit sensibilisiert sie dafür, dass auch ein ungeborenes, ungewolltes Kind eine Würde hat. Aber hat, wer im Namen des rechten Glaubens Täuscherinnen engagiert und Ärzte denunziert, glaubhaft ein winziges Wesen im Blick? Er schielt eher auf die oberen Etagen der Hierarchie. 4291 Zuschauer hatte der Beitrag bis Dienstag. ?

Erschienen in:
Ausgabe 05/2013
Redakteur:
Christiane Florin (Redaktionsleiterin)
Thema:
Glaube
Stichworte:
Katholisch, Ethik, Abtreibung