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Haltung, bitte!

Störfall Kind

Aus: Christ & Welt Ausgabe 41/2013

„In meiner Gemeinde fand eine größere ökumenische Veranstaltung zur Zukunft der Familie statt, bei der Kirchenvertreter und Politikerinnen diskutierten. Ich wollte gerne dabei sein, musste aber meine Jüngste mitnehmen, da die Veranstaltung am Samstagnachmittag stattfand. Das Kind spielte leise im Zwischengang, da wurde ich von zwei Herren aufgefordert, doch bitte mit dem Kind den Raum zu verlassen, da wir stören würden. Welche Haltung soll ich denn bitte hierzu einnehmen?“ Rebecca Z., Hamburg

Manchmal gibt es nur eine Haltung: sie verlieren, und zwar so, dass es möglichst viele merken. Denn Contenance, bitterer Humor oder ein verzweifeltes Telefonat mit der besten Freundin helfen zwar dem eigenen Seelenhaushalt unter Umständen wieder ins Gleichgewicht, ändern aber nichts an der Tatsache, dass die Kirche die Kinder- und Familienfreundlichkeit, die sie der Gesellschaft empfehlen, selbst oft nicht zeigen. Bewahren Sie bloß keine Haltung. Seien Sie fassungslos! Sie werden viele Mitstreiterinnen und Mitstreiter finden. Es kann nämlich passieren, dass auch ein junger Vater nur mit Kind erscheinen kann, wenn am Samstagnachmittag getagt wird. Wäre es ihm anders gegangen? Vielleicht hätte der Moderator ihn lobend erwähnt.

Die beiden Herren, die Sie des Raumes verwiesen, zeigen, dass sie an der Frage zur Zukunft der Familie entweder nur theoretisches Interesse haben oder die Familie der Vergangenheit ersehnen, als die Frauen die nächste Generation hüteten, während der männliche Teil der Christenheit über die Zukunft dieser Generation stritt. Die beiden haben das Thema der Diskussion ad absurdum geführt und es nicht einmal gemerkt. Schon die Rahmenhandlung bedürfte eines Kommentars.

Eine Veranstaltung zur Zukunft der Familie würde Sinn machen, wenn Platz für die wären, um die es geht. Warum nicht parallel die Kinder einladen, damit die Eltern gemeinsam diskutieren können, damit auch Alleinerziehende das Wort ergreifen können? Kinderbetreuung wäre das Mindeste.

Familienverträgliche Zeiten für Gemeindekirchenräte kann man sich bei internationalen Unternehmen abschauen, eine familienfreundliche Zeitpolitik für die, die in und für die Kirchen arbeiten, müsste eine Selbstverständlichkeit sein. Wer die Familienworte beider Kirchen ernst nimmt, muss all dieses einfordern. Und ab und zu aus der Haut fahren.


Erschienen in:
Ausgabe 41/2013
Redakteur:
Petra Bahr (Kulturbeauftragte EKD)
Thema:
Haltung
Stichworte:
Kirchen, Kultur, Familie