Was darf Satire?
Spott und Gott
Aus: Christ & Welt Ausgabe 08/2012
Kann man als Katholik über eine Jesus-Satire lachen? Unsere Autorin konnte es. Ihr Glaube hat daran keinen Schaden genommen.
Einmal im Jahr gehe ich zur Kölner Stunksitzung. Nicht mit Pressekarte, sondern privat. Am vergangenen Sonntag sah ich von Tisch 19 aus etwa zehn Sekunden lang einen Jesus-Darsteller mit geschultertem Kreuz. Er quälte sich nicht den Leidensweg hinauf, sondern stand auf einem Elektroroller, dazu lief ein Song aus Monty Pythons Kinofilm „Das Leben des Brian“. „Always look on the bright side of life“. Schau immer auf die Sonnenseite des Lebens.
Aus dem Saal kommt in solchen Momenten meistens ein abgedunkeltes Ho-ho-ho, kein strahlendes Lachen von der bright side of life. Hell und herzlich lacht das Publikum über die Öko-Karnevalssitzung mit einem Niedrigenergiebüttenredner und dem Spott auf Bio-Besserverdienende, über sich selbst also. Das Kreuz taugt nicht zum Brüller, auch nicht im alternativen Karneval.
Wie jedes Jahr hatte die „Bild“-Zeitung gewarnt, in der Stunksitzung würden religiöse Gefühle verletzt. Wer sich da nicht wehrt, glaubt verkehrt. Komisch allerdings: Je weniger registrierte Christen es gibt, desto mehr verletzte Gefühle werden öffentlich. Kürzlich drohten die Piusbrüder dem Hamburger Thalia-Theater damit, juristisch gegen das Stück „Gólgota Picnic“ vorzugehen, vor einigen Jahren forderten besorgte Katholiken, Martin Kippenbergers gekreuzigter Frosch müsse von der Wand des Bozener Museums genommen werden, da der Papst in der Nähe Urlaub mache. In welkender Erinnerung ist der Streit um das Bühnenstück „Corpus Christi“, das Jesus als Schwulen zeigt; in Martin Scorseses Film „Die letzte Versuchung Christi“ sorgte dagegen die deutlich in Szene gesetzte Heterosexualität für Skandalpotenzial.
Nicht immer ist zu erkennen, woher die Gefühlsverletzung rührt. Ist es die individuelle Seelenpein, weil der Heiland verspottet wird, oder ist es der kollektive Schmerz darüber, dass der Machtverlust der Kirche so sichtbar wird? „Religionsgemeinschaften und ihre Mitglieder müssen Kritik – auch scharfe – ertragen“, erklärte der Deutsche Presserat vor sechs Jahren mitleidlos. Anlass für die Entscheidung war damals ausnahmsweise keine Verächtlichmachung Jesu, sondern der Nachdruck der dänischen Mohammed-Karikaturen in deutschen Zeitungen. Man könnte den Satz auch so verstehen: Muslime sollen in einer Demokratie das aushalten, was Christen auszuhalten gelernt haben.
Die Kirche hat kein Recht mehr, Anstößiges zu verbieten. Aber Gläubige müssen sich nicht mit „Humor ist, wenn man trotzdem lacht“-Sprüchen ruhigstellen lassen. Sie dürfen Groß- und Kleinkünstler öffentlich kritisieren. Sogar dann, wenn sie das beanstandete Werk überhaupt nicht gesehen haben. Hauptsache, die Haltung stimmt: Gegen wen glauben Sie denn? '
Ich habe die Stunksitzung religiös unverletzt überstanden. Katholisch fühle ich mich trotzdem.





